Jahrbücher für Geschichte Osteuropas:  jgo.e-reviews 7 (2017), 3 Rezensionen online / Im Auftrag des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Verfasst von: Maike Sach

 

Marcin Starzyński: Das mittelalterliche Krakau. Der Stadtrat im Herrschaftsgefüge der polnischen Metropole. Aus dem Polnischen übersetzt von Christian Prüfer und Kai Witzlack-Makarevich. Köln, Weimar, Wien: Böhlau, 2015. XII, 223 S. = Städteforschung, Reihe A: Darstellungen, 92. ISBN: 978-3-412-22382-3.

Die historische Bedeutung Krakaus ist unstrittig; die Stadt vereinte in ihrer Geschichte die Funktionen der polnischen Hauptstadt des Mittelalters mit denen eines religiösen Zentrums und einer reichen Handelsstadt mit überregionaler Bedeutung, die über ihre Verbindungen weit über die Landesgrenzen ausstrahlte. Die Rechtsstadtgründung bzw. Lokation nach Magdeburger Recht im Jahre 1257 durch Herzog Bolesław Wstydliwy von Kleinpolen kann in ihrer Bedeutung für die Entwicklung der Stadt kaum überschätzt werden. In besonderem Maße trifft dies für die Herausbildung von Strukturen der Selbstverwaltung zu, die sich sukzessive entwickelten. Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine gekürzte Fassung der Dissertation des Autors, die der Geschichte des Stadtrates gewidmet ist. Sie wurde 2009 an der Krakauer Jagiellonen-Universität angenommen und ein Jahr darauf unter dem Titel Krakowska rada miejska w średniowieczu als dritter Band der Krakauer Reihe Maiestas, potestas, communitas veröffentlicht.

In seiner Einleitung skizziert Starzyński die Quellen- und Forschungslage zur Stadtgeschichte Krakaus im Allgemeinen und die ihres Rates im Besonderen und vermittelt dabei knapp, aber eindrücklich die spezifischen Probleme der Überlieferung, in der sich auch die wechselvolle Geschichte der Stadt wie des Landes spiegelt.

Im ersten Hauptteil der Arbeit widmet sich Starzyński den Anfängen des Stadtrates bis ins frühe 14. Jahrhundert und versucht, die Entstehungszeit des 1264 erstmals urkundlich erwähnten Stadtrates genauer einzugrenzen, die personelle Zusammensetzung des frühen Stadtrates, den Zugang zu diesem Amt sowie den ursprünglichen Kompetenzbereich zu rekonstruieren. Bei der Diskussion der infolge der Überlieferungssituation eher wenigen Quellen und der auf ihnen basierenden Forschungsliteratur gelingt es ihm überzeugend, die eine oder andere bislang eingeführte These zu entkräften, so beispielsweise in der Frage, ob es Veränderungen in der Besetzung des Stadtrates im Frühjahr 1311 gewesen seien, die zum Aufstand des Vogtes Albert geführt hätten, was Starzyński für unzutreffend hält (S. 35). Der ursprüngliche Aufgabenkatalog des Stadtrates lag nicht nur in der Kontrolle der Maße und Gewichte, sondern auch in der Überwachung aller Vorschriften, die mit dem Handel in Zusammenhang standen. Dabei sollte es aber, wie Starzyński im weiteren Verlauf seiner Arbeit zeigt, nicht bleiben.

Nach der Niederlage des Vogtes Albert (1312) wuchs die Bedeutung des Stadtrates und der ihn bildenden Patrizier, die nun faktisch an der Spitze der Selbstverwaltung der Stadt standen und damit ihre Leitung übernahmen. Diese Phase (1312–1500) wird im zweiten Hauptteil näher untersucht. Hier zeichnet Starzyński die Veränderungen nach, die sich in einer nach der Wiederherstellung des Königreichs Polen im 14. Jahrhundert ebenfalls im Wandel begriffenen Umwelt vollziehen, es entwickeln sich Verfahren und Prozeduren für die Zugänge zum und die Einführung ins Amt. In dieser Zeit bildet sich der Stadtrat als eine Institution mit einem festen Personalbestand aus: So waren viele dieser Personen vor ihrer Ernennung zum Rat durch den Krakauer Wojewoden, der offenbar die jährlichen Vorschläge der Stadt in der Regel bestätigte, zunächst als Schöffen tätig. Starzyński gelingt es aufgrund seiner Analyse der Zusammensetzung des Stadtrates zu zeigen, dass in diesem Gremium immer öfter und über einen längeren Zeitraum hinweg dieselben Personen saßen. Während dieser Zeit wurden die Befugnisse des Stadtrates einerseits erweitert, beispielsweise um Aufgaben im Bereich des Bauwesens und des Brandschutzes, andererseits fand eine Binnendifferenzierung in den Aufgabenfeldern statt, die sich in den überlieferten Willküren widerspiegelt.

Für eine Handelsstadt sind funktionierende Handelsverbindungen und Fragen rund um die Handelspolitik von elementarer Bedeutung. Ein städtisches Organ, welches die Aufsicht über die örtlichen Märkte und die Einhaltung der dort gültigen Gesetze und Verordnungen führte, musste sich unmittelbar dafür interessieren. Folgerichtig behandelt Starzyński dieses Thema ebenfalls eingehend, indem er die Zusammenhänge zwischen Geschenkepraxis seitens der Stadt und der Gewährung von Privilegien seitens der Fürsten und später der polnischen Könige genauer untersucht. Dieser Abschnitt ist weniger der verfassungsgeschichtlichen Einordnung des Stadtrates zuzuordnen als vielmehr der symbolischen und politischen Kommunikation mit Gewalten extra muros.

Hieran schließen Fragen rund um die politische Stellung der Stadt und ihrer herausragenden Organe – namentlich Vögte und Rat – unmittelbar an: Starzyński beleuchtet deren Rolle während der Teilungszeit sowie nach der Wiederherstellung des Königreichs und arbeitet sie an den Handlungsfeldern der Darlehnsvergabe an die Herrscher, der Beteiligung der Stadt an der Münzreform, an der Arbeit des Sejms und an der Städteversammlung heraus. Die Haltung des Krakauer Stadtrates zu dynastischen Fragen wird ebenfalls knapp analysiert; gleiches gilt für die Rolle der Stadt als Garantin der Friedensverträge zwischen Polen und dem Deutschen Orden.

Starzyński gelingt es, komprimiert, aber doch differenziert die Entwicklung der Institution des Stadtrates, dessen Aufbaus, der Verfahren zur Rekrutierung neuer Mitglieder sowie zur Erledigung der umfangreicher werdenden Aufgaben darzustellen. Der polnischen Fassung der Arbeit waren ursprünglich drei Anhänge beigegeben worden, von denen nur das Verzeichnis der mittelalterlichen Krakauer Willküren Eingang in die deutsche Übersetzung gefunden hat. Das sehr umfangreiche, chronologisch angelegte Verzeichnis der nachweisbaren Mitglieder des Krakauer Rates ist der Kürzung ebenso zum Opfer gefallen wie die Zusammenstellung der Kredite, die der Rat selbst aufgenommen hat, um seinerseits finanziellen Forderungen des Staates und der Herrscher nachzukommen. Das ist aus zwei Gründen bedauerlich: Starzyński hat eine straffe und konzentrierte Darstellung vorgelegt, die eine willkommene Illustration – nicht nur, aber auch – in den Informationen findet, die in den Anhängen geboten werden. Die Kürzung an dieser Stelle wirkt daher, insbesondere an Stellen, die auch prosopographische Anteile aufweisen, ein wenig wie eine Amputation. Gerade weil die gelungene Untersuchung Starzyńskis dazu einlädt, seine Arbeit beispielsweise zu bestimmten Akteuren oder auch zu bestimmten Themen weiterzuführen, wäre die Übernahme dieser Anhänge auch in die deutsche Fassung des Werks sinnvoll gewesen. Die Entscheidung lag aber möglicherweise eher bei den Reihenherausgebern und nicht beim Verfasser, dessen ursprüngliches Werk für einschlägig arbeitende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ohne polnische Sprachkenntnisse durch die Übersetzung daher keineswegs überflüssig gemacht wird. Dieser Nutzerkreis hätte alle drei Anhänge im Anschluss an die Übersetzung sicher sehr begrüßt; sie wären ihm für die weitere Erschließung des Themas vermutlich nützlicher gewesen als das (erfreulicherweise vorhandene) Personen- und Ortsnamensregister.

Maike Sach, Mainz und Kiel

Zitierweise: Maike Sach über: Marcin Starzyński: Das mittelalterliche Krakau. Der Stadtrat im Herrschaftsgefüge der polnischen Metropole. Aus dem Polnischen übersetzt von Christian Prüfer und Kai Witzlack-Makarevich. Köln, Weimar, Wien: Böhlau, 2015. XII, 223 S. = Städteforschung, Reihe A: Darstellungen, 92. ISBN: 978-3-412-22382-3, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/erev/Sach_Starzynski_Das_mittelalterliche_Krakau.html (Datum des Seitenbesuchs)

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