Jahrbücher für Geschichte Osteuropas:  jgo:e-reviews 6 (2016), 3 Rezensionen online / Im Auftrag des Instituts für Ost- und Südosteuropastudien in Regensburg herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Verfasst von: Rudolf Augustinus Mark

 

Sanna Turoma / Maxim Waldstein (Hrsg.): Empire De/Centered. New Spatial Histories of Russia and the Soviet Union. Farnham: Ashgate, 2013. 285 S., 24 Abb. = Empires and the Making of the Modern World, 1650–2000. ISBN: 978-1-4094-4786-3.

Nachdem mit dem Ende der Sowjetunion „the last empire“ kollabiert und nur noch als vergangenes Phänomen betrachtet worden sei, seien angesichts der Globalisierung, der postkolonialen Diskurse und neuer Nationalismen Zweifel an der Annahme entstanden, nationale Identität und Nationalstaat stellten natürliche, universelle und/oder normative Formen der sozialen Beziehungen dar. Folglich seien Imperium und Imperialismus in der akademischen und öffentlichen Diskussion in einem viel größeren Maße präsent, als viele zunächst geglaubt hätten. Bei dieser Feststellung haben die Herausgeber vor allem das Russländische Reich und die Sowjetunion vor Augen, die nach Meinung Turomas und Waldsteins nur eine marginale Rolle im zeitgenössischen Diskurs über Imperien, Postcolonial Studies und New Imperial History spielten. Diese Behauptung ist zumindest recht kühn und möglicherweise der Tatsache geschuldet, dass entsprechende Studien aus deutscher Feder nur vereinzelt Eingang in die von den Herausgebern versammelten Beiträge gefunden haben, um diese Beobachtung schon zu Anfang festzuhalten.

Wie Turoma und Waldstein in ihrer Einleitung hervorheben geht es ihnen darum, Russland und die Sowjetunion wieder in den Fokus der akademischen Diskussionen, Theorien und Forschungen zu rücken und, anknüpfend an gegenwärtige Analysekonzepte, to „decenter“ und „to ‚de-provincialize‘ Russia“ (S. 2). Anders ausgedrückt, die Ansprüche der klassischen „Western grand narratives“ auf universelle Anwendung und normativen Status sollen in Frage gestellt und in die Geschichte der westlichen Modernität ein ambivalentes Element eingeschrieben werden. Dabei werden die russischen und sowjetischen imperialen Erfahrungen nicht als einmalig und exzeptionell betrachtet, sondern als paradigmatisch für die praktische Wirklichkeit und als anationale Identifikationen, die in den modernen westlichen Narrationen oft verschwiegen oder unterdrückt worden seien. Nachgefragt und untersucht, so heißt es weiter, wird dazu nicht der imperiale Charakter einer bestimmten politischen Einheit, sondern Beispiele für imperiale Situationen usw. Gleichzeitig sollen „spatial and imperial ‚turns‘“ methodisch zusammengefasst werden, um so den Schwerpunkt der Untersuchungen von den Zentren zu den Peripherien zu verlegen und von der binären Unterscheidung zwischen zwei hierarchisch geordneten, klar unterschiedenen sowie homogenen Verfassungen und Bevölkerungen als Gegenstand der Forschung wegzukommen. Imperium ist demnach Raum, und eine „imperiale Situation“ wird definiert als ein Set politischer, sozialer und kultureller Muster und Beziehungen, die über die Grenzen zwischen Nationen sowie zwischen „Nation“ und „empire“ hinausreichen.

Deconstructing“ und „decentering“ des bisher vorherrschenden westlichen, d. h. nationenfixierten Verständnisses von Raum und Zeit werden dann in Einzelbeiträgen exemplifiziert, untergliedert in vier Teile, die wesentliche Dimensionen des Forschungsfeldes beleuchten sollen. Zunächst geht es um intellektuelle Konstruktionen von Raum und Räumlichkeit im Kontext eurasischer Wahrnehmungen. Sergey Glebov untersucht die holistische Konzeption von Russland/Eurasien des Strukturalisten Roman Jakobson und dessen epistemologische Anleihen bei Friedrich Ratzel, Petr N. Struvickij und Nikolaj Trubeckoj. Dessen systemischer Ansatz wird von Glebov, der die vielfachen Unzulänglichkeiten von Jakobsons Strukturalismus nicht übergeht, als universales Projekt einer Supra-Wissenschaft und daher als ideale Sprache für das Imperium im 20. Jahrhundert charakterisiert. Georgij Vernadskijs Identitätssuche zwischen Russland und Ukraine mit Hilfe des Eurasien-Paradigmas ist Gegenstand einer Abhandlung von Igor Torbakov. Er macht deutlich, wie sehr Vernadskijs eurasischer Ansatz, die Geschichte von Ukrainern und Weißrussen mit der Russlands zu verbinden, die Geographie Eurasiens im Blick hat, aber eher ungenügend den multiethnischen Faktor im Verschmelzungsprozess von Russland und Eurasien. Marlèn Laruelle beleuchtet den geographischen Determinismus und die kosmischen Visionen in den Ideologien von Gumilev bis hin zu den postsowjetischen Meinungsmachern einschließlich Dugins. Die Expansion im terrestrischen Raum, so Laruelle bedinge die Faszination für den Kosmos, der Russland und der russischen Seele selbst die himmlischen Sphären zu eröffnen scheine.

Im Spatial Science and Geographic Knowledge überschriebenen zweiten Kapitel wird zunächst D. I. Mendeleevs Raumvorstellung von Russland als eines besonderen geschichtlichen Organismus vorgestellt. Dessen demographische, wirtschaftliche und andere Zentren als dynamische Elemente der Raumplanung waren in der Sowjetunion Gegenstand der Auseinandersetzung zwischen den Vertretern wissenschaftlich-rationaler und den Anhängern teleologisch-ideologischer Planungskonzepte, wie Nick Baron in seinem Beitrag herausarbeitet. Der Regionalisierung im Diskurs der Geographen seit K. Arsenev zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist ein Aufsatz von Marina Loskutova gewidmet. Sie skizziert in einem knappen Abriss die unterschiedlichen methodischen Ansätze, Regionen in ihren Unterschieden und Besonderheiten zu identifizieren, und unterstreicht die Bedeutung von Katastern, die eine Provinz oder Region für die Verwaltung „lesbar“ machten – für die Zemstva wie für sowjetische Administratoren. Unter der Überschrift Political and Cultural Economy of the (Post)-Soviet Space folgen drei Beiträge, in der die Handhabung von Raum und Räumlichkeit in unterschiedlichen politischen und sachlichen Kontexten in sowjetischer und nachsowjetischer Zeit expliziert wird. Ulrich Best zeigt am Beispiel einer von den Comecon-Staaten gemeinsam gebauten Erdölpipeline die Widersprüche zwischen Ost-Westkonflikt und internationaler Wirtschaftskooperation sowie jene in einem hierarchisch konstruierten sozialistischen Raum. Als solcher wird die Baustelle betrachtet, auf der jeder beteiligten Nation ein eigener Bauabschnitt zugewiesen war. Dass diese Segmentierung in der Praxis vielfach nicht eingehalten wurde, sondern die Abgrenzungen überwindbar waren, ist Best ein Beleg für die Transformation vom angeblich aus containerähnlichen Einheiten bestehenden westfälischen Staatensystem mit exklusiver territorialer Souveränität hin zur nachwestfälischen Ordnung in Europa. Diese Behauptung ist sehr erklärungsbedürftig, um nur das Geringste zu sagen. Weniger nebulös ist der nachfolgende Beitrag von Katri Pynnöniemi, welche die defizitäre Transportinfrastruktur der Russländischen Föderation und den damit einhergehenden politischen Diskurs über Russland als eurasische Brücke vor dem Hintergrund fehlender Modernisierungsfortschritte beleuchtet. Einen interessanten Einblick in die Debatte über Sowjetimperialismus und die Rezeption bzw. die geringe Beachtung der postkolonialen Theorie in Polen bieten die Ausführungen von Tomasz Zarycki. Er legt dar, wie derzeit immer noch die historischen Erfahrungen Polens mit Russland und der So­wjet­union, die Beschäftigung der Eliten mit Polens Westintegration und die anhaltende Diskussion über Identität und Platz Polens zwischen Ost und West eine nicht unerhebliche Rolle spielen und so für den postkolonialen Theoriediskurs wenig Raum bleibe.

Imperialen Repräsentationen in Medien, Kunst und Literatur sind schließlich vier Beiträge im letzten Abschnitt des Buches gewidmet. Die Darstellung der frühen Sowjetunion in zeitgenössischen finnischen Karikaturen wird von Anni Kangas auch bildlich dem Leser vor Augen geführt. Sanna Turoma zeigt, wie die territoriale Größe der Sowjetunion in der nachstalinschen Ära von Schriftstellern und Publizisten zur Identitätsbildung der Sowjetmenschen genutzt wurde. Iina Kohonen hebt in ihrer Studie die immense identitätsstiftende Bedeutung hervor, die dem sowjetische Raumprogramm in den 1960er Jahren zukam, dessen Visualisierung zudem dazu beitragen sollte, Mond und Weltraum dem imaginierten imperialen Raum der Sowjetunion zu inkorporieren. Im letzten Beitrag zeigt Kevin Platt, dass der Begriff „Kultur“ kein an politische Grenzen gebundenes Phänomen darstellt, sondern im postsowjetischen Raum neue Zentren russischer Kultur entstehen ließ. Er veranschaulicht dies am Beispiel russischer Medien und russischsprachiger Literaten in Lettland. Letztere hätten dort nicht nur neue Poetiken entwickelt, sondern auch den ethnischen Provinzialismus des Zentrums durch eine kosmopolitische Öffnung überwunden und mit neuen Impulsen die Innovationsfähigkeit der russischen Kultur mit ihrer weltweiten Bedeutung demonstriert.

Die in dem Sammelwerk präsentierten Beiträge sind von unterschiedlicher Qualität. Dessen ungeachtet veranschaulichen sie alle, was nach Meinung der Herausgeber unter Entprovinzialisierung und „decentering“ als neue Sichtweise auf imperiale Zentrum-Peripherie-Beziehungen den Lesern vor Augen geführt werden soll. Allerdings ist auch in der seriösen Forschung zwar von asymmetrischen Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie die Rede, aber keineswegs nur in Form von hierarchisch eindeutig geordneten Abhängigkeiten, die frei jeglicher Ambiguität, dynamischer Veränderungen und sich wandelnder Eigen- und Fremdwahrnehmung wären. Auch dass Imperien und imperiales Denken noch lebendig sind und vom nationalstaatlichen Paradigma als soziales Organisationsprinzip nicht verdrängt werden konnten, ja nationalstaatliche Elemente längst integriert haben, ist gleichermaßen kein neuer Befund. Wahrscheinlich erwecken auch deshalb manche Beiträge den Eindruck des Bemühten und Überpointierten. Dessen ungeachtet bietet der Sammelband durchaus Anregungen und Anstöße zu neuen Fragen.

Rudolf A. Mark, Hamburg

Zitierweise: Rudolf Augustinus Mark über: Sanna Turoma / Maxim Waldstein (Hrsg.): Empire De/Centered. New Spatial Histories of Russia and the Soviet Union. Farnham, Surrey: Ashgate, 2013. 285 S., 24 Abb. = Empires and the Making of the Modern World, 1650–2000. ISBN: 978-1-4094-4786-3, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/erev/Mark_Turoma_Empire_De-Centered.html (Datum des Seitenbesuchs)

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