Jahrbücher für Geschichte Osteuropas:  jgo.e-reviews 5 (2015), 3 Rezensionen online / Im Auftrag des Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Verfasst von: Heidi Hein-Kircher

 

M. B. B. Biskupski: Independence Day. Myth, Symbol, and the Creation of Modern Poland. Oxford: Oxford University Press, 2012. XV, 200 S. ISBN: 978-0-19-965881-7.

Eines der wichtigsten Zugeständnisse an die politische Opposition der achtziger Jahre und symbolhaftes Zeugnis des politischen Wandels war die schrittweise Duldung von Feiern zum 11. November. Der erst 1937 gesetzlich verankerte, aber offiziell bereits seit 1926 begangene 11. November erinnert an die Staatsgründung Polens nach 123-jähriger Teilungszeit, an einen auf einen Akt fokussierten Prozessdie Übergabe der militärischen Macht an Jozef Piłsudski, den ehemaligen sozialistischen Untergrund- und Freiheitskämpfer im Ersten Weltkrieg, dem dadurch die Staatsgründung zugeschrieben wurde. Für die Anhängerschaft Piłsudskis war seit 1919 der 11. November ein wichtiger Tag des Rückblicks auf dieaktive Tat(czyn zbrojny) Piłsudskis und daher ein zentrales Element des Piłsudski-Kultes. Dieses Narrativ führte dazu, dass der Staatsgründungsakt und damit die Erinnerung an diesen von Beginn an höchst umstritten innerhalb der politischen Lager warund zwar weit über die Existenz der zweiten Republik hinaus.

Mieczysław B. Biskupski hat die dem Thema inhärenten Möglichkeiten, die Geschichte der polnischen Erinnerungskultur zu interpretieren, gesehen und entwickelt, ausgehend von einem in den Text integrierten älteren Aufsatz zu den Mythen und Symbolen des Unabhängigkeitstages, in acht weiteren, sinnvollerweise chronologisch geordneten Kapiteln die Entwicklung des mit dem 11. November verbundenen Narrativs, wobei zunächst dieEntdeckung, die Aneignung und die narrative Dominanz des 11. Novembers durch das Piłsudski-Lager erarbeitet werden. Die anschließend diskutierte Formalisierung und damit die Institutionalisierung der Feierlichkeiten auf der einen, die Kanonisierung des Narrativs als staatlicher Gründungsakt im Rahmen des Piłsudski-Mythos und -Kultes auf der anderen Seite führten anschließend zu einer Verankerung des 11. Novembers im Geschichtsbewusstseins, die schrittweise über das engere Piłsudski-Lager hinausging, wie die folgenden Kapitel zeigen. Denn im besetzten Polen während des Zweiten Weltkriegs nahm der Gedenktag eine dualistische Funktion als Symbol von Hoffnung und Missachtung, als Ausdruck des nicht verlorenen Willens zur Unabhängigkeit und weniger als Piłsudskistisches Symbol an, während er in den Zentren des politischen Exils immer noch entlang den alten politischen Lagergrenzen umstritten war. So war er für Władysław Sikorski ein unwillkommenes Symbol für die Verehrung seines politischen Rivalen. Nach 1945 stellte, so die logische Argumentation des Verfassers, die Erinnerung ein gewisses Problem für die Deutung durch das Regime dar, denn einerseits bedeutete er das Erreichen der Unabhängigkeit vor dem Hintergrund der zerbrechenden Imperien, andererseits war er auf das Engste mit Piłsudski verbunden. Da sich letzterer Aspekt im Zuge der Tabuisierung Piłsudskis durchsetzte, bot sich gerade dieses Narrativ wegen seines antisowjetischen Impetus als Ausdruck und als Symbol von oppositioneller Haltung zum volksrepublikanischen Regime an. Insofern verwundert es nicht, dass die politische Opposition in den achtziger Jahren die Feiern zum 11. November forcierte, das Regime sich diesem Druck beugte und 1989 den 11. November als offiziellen Staatsfeiertag etablierte, während die Feiern zum Jahrestag des Manifests des Lubliner Komitees (22. Juli) erst nach dem Sturz des Regimes abgeschafft wurden. Seit den neunziger Jahren haben sich auch diejenigen, die nicht dem Piłsudski-Lager nahestehen, mit dem 11. November als Staatsfeiertag arrangiert und interpretieren ihn in ihrem Sinne, während er innerhalb der Polonia noch strittig ist. Biskupski stellt ausblickend auf die Gegenwart das Paradox fest, dass je weniger die Bevölkerung mit dem Narrativ vertraut ist, desto stärker dieses in der nationalen Identität verankert zu sein scheint.

Eine fesselnde historische Arbeit über einen Nationalfeiertag? Zugegeben – die Geschichte des 11. November ist eben keine langweilige, sondern eine sehr wechselhafte und für die polnische Identität sehr wichtige. Ohne eine kulturwissenschaftliche Perspektive wäre ein solches Thema sicherlich nicht denkbar gewesen. Diese mit rund 180 Textseiten knappe historische Studie zeigt, dass es durchaus möglich ist, nicht nur eine spannende Geschichte eines historisches Jahrestags, sondern exemplarisch über diese auch eine anregende Geschichte Polens und seiner Erinnerungskultur imkurzen20. Jahrhundert zu schreiben. Einige kleinere Fehler und Ungenauigkeiten seien angesichts der spannenden Synthese verziehen wie auch einige teilweise sehr verkürzende Thesen, die aber gerade deshalb pointiert sind. Daher sei die Lektüre demjenigen besonders empfohlen, der sich jenseits einer reinen Politikgeschichte auch für die Kulturgeschichte des Politischen und die Entwicklung der Erinnerungskultur imkurzen20. Jahrhundert in Polen interessiert.

Heidi Hein-Kircher, Marburg/Lahn

Zitierweise: Heidi Hein-Kircher über: M. B. B. Biskupski: Independence Day. Myth, Symbol, and the Creation of Modern Poland. Oxford: Oxford University Press, 2012. XV, 200 S. ISBN: 978-0-19-965881-7, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/erev/Hein-Kircher_Biskupski_Independence_Day.html (Datum des Seitenbesuchs)

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