Jahrbücher für Geschichte Osteuropas:  jgo.e-reviews 5 (2015), 2 Rezensionen online / Im Auftrag des Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Verfasst von: Wladislaw Hedeler

 

Alfred Gall: Schreiben und Extremerfahrung – die polnische Gulag-Literatur in komparatistischer Perspektive. Berlin [usw.]: LIT, 2012. 190 S. = Polonistik im Kontext, 1. ISBN: 978-3-643-11268-2.

Alfred Gall (1971) ist Professor für Literatur- und Kunstwissenschaft am Institut für Slavistik der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und wissenschaftlicher Leiter des Mainzer Polonicums. Mit seiner Studie eröffnet er die von ihm zusammen mit Prof. Dr. Michał Kuziak (Universität Warschau), Prof. Dr. Izabela Surynt (Universität Wrocław) und Prof. Dr. Dirk Uffelmann (Universität Passau) herausgegebene ReihePolonistik im Kontext.

Die Arbeit ist in fünf Kapitel untergliedert, die überschrieben sind: Zum Begriff der Gulagliteratur (S. 7–20), Die polnische Gulagliteratur (S. 21–33), Der Gulag in der polnischen Literaturvergleichende Fallstudien (S. 35–147) und Erfahrung als Fiktion (S. 149–175), und befasst sich mit der polnischen Literatur über das sowjetische Lagersystem (Gulag) und ist in einer komparatistischen Perspektive als Beitrag zur literarischen Auseinandersetzung mit Extremerfahrungen konzipiert. [] Die Besonderheiten der in der polnischen Literatur über den Gulag beobachtbaren Beschreibungsweisen werden mit einem vergleichenden Blick auf russische und andere Beispiele herausgearbeitet. Im Mittelpunkt stehen Texte von Beata Obertyńska, Józef Czapski, Anatol Krakowiecki, Gustaw Herlin-Grudziński, Leo Lipski und Włodzimierz Odojewski bzw. Aleksandr Solženicyn, Varlam Šalamov, Karlo Štajner sowie Danilo Kiš.

Der Hinweis auf die individualpsychologische und kulturhistorische Dimension des Themas mündet in eine Skizze der vier Brüche, die in der vorliegenden Studie herausgearbeitet werden:Verlust der vertrauten Umgebung, der Kontakt mit de neuen Welt des Lagers, die Rückkehr aus dem Lager sowie die Herausforderung, über die Erfahrung des Gulag zu schreiben. (S. 5) Das erklärte Anliegen von Alfred Gall ist es, ein Thema zu umreißen und zur Diskussion zu stellen, das in der deutschsprachigen Slavistikbislang keine größere Aufmerksamkeit gefunden hat. (S. 9) Denn es waren polnische Autoren, die bereits früh beachtenswerte Beiträge geleistet haben. Aufschluss hierüber bietet eine 42 Titel umfassende Bibliographie der in den vierziger und fünfziger Jahren entstandenen polnischen Gulagliteratur (S. 29–32).

Es ist zu kurz gegriffen, hebt der Verfasser zu Recht hervor, das Schreiben über das Lager als Abbildung aufzufassen. Es muss, lautet seine These, alsÜbersetzen und Entziffern(S. 14, 39), alsDeutungsgeschichte(S. 36) verstanden werden. Am Beispiel der Kolyma-Erzählungen von Šalamov skizziert er, wie dies mit einer Umformung der Traditionen russischer Dichtung (Čechov und Dostoevskij) einhergehen kann.

Aufschlussreich sind die Bemerkungen über die nicht vorhandene, eventuell erwartete antirussische Grundhaltung in den Texten polnischer Autoren. Das gemeinsame Schicksal überwiegt bei allem Willen zur nationalen bzw. kulturellen Selbstbehauptung in einem jede Normalität auflösenden Raum (S. 52). Der Kampf um die Bewahrung der Identität und Integrität ist als Versuch, sich dem staatlichen Zugriff zu entziehen, ein Akt des Widerstandes (S. 86). Der Verlust der Individualität und Intimität wird alseine der verhängnisvollsten Folgen des Lagersresümiert. Alfred Gall spricht in diesem Zusammenhang vonSchwundstufen humaner Existenz(S. 108).

Im abschließenden Kapitel 5 wendet sich Gall dem von Šalamov und Solženicyn kontrovers diskutierten Thema der literarischen Gestaltung, der Art und Weise des Schreibens über das Lager zu. Zusammenfassend stellt der Verfasser fest, dass es hierkein absolutes Modellsondernvariantenreiche Versucheder Auseinandersetzungen mit traumatischen Erschütterungen gebe.Schreiben über die Extremerfahrung vollzieht sich als Suche nach Beschreibungsweisen, die dem Trauma als Erfahrung ohne Kontext Konturen verleihen. In diesem Bestreben ist diese Literatur auch heute noch mehr als lesenswert.(S. 179)

Wladislaw Hedeler, Berlin

Zitierweise: Wladislaw Hedeler über: Alfred Gall: Schreiben und Extremerfahrung – die polnische Gulag-Literatur in komparatistischer Perspektive. Berlin [usw.]: LIT, 2012. 190 S. = Polonistik im Kontext, 1. ISBN: 978-3-643-11268-2, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/erev/Hedeler_Gall_Schreiben_und_Extremerfahrung.html (Datum des Seitenbesuchs)

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