Jahrbücher für Geschichte Osteuropas:  jgo.e-reviews 6 (2016), 3 Rezensionen online / Im Auftrag des Instituts für Ost- und Südosteuropastudien in Regensburg herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Verfasst von: Bodo Hechelhammer

 

Heiner Timmermann (Hg.): The Future a Memory. The Cold War and Intelligence Services – Aspects. Wien, Berlin, Münster [usw.]: LIT, 2013. 267 S. = Politik und Moderne Geschichte, 18. ISBN: 978-3-643-90442-3.

Der vorliegende kleine Sammelband präsentiert auf rund 260 Seiten verschiedene Aspekte zu Aktivitäten von Nachrichten- bzw. Geheimdiensten, die durch den zeitlichen Rahmen des Kalten Krieges eine gemeinsame inhaltliche Klammer erhalten. Der Herausgeber der Publikation ist der deutsche Historiker Heiner Timmermann, Professor für Europäische Geschichte der Neuen und Neuesten Zeit an der Universität Jena. Insgesamt äußern sich in dem Sammelwerk 13 internationale Autoren unterschiedlichster Professionen: Historiker, Journalisten und Politikwissenschaftler ebenso wie ehemalige Nachrichtendienstmitarbeiter, Militärangehörige und aktive Mitarbeiter der Central Intelligence Agency (CIA) und National Security Agency (NSA). Im Einzelnen kommen die Beiträge aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, Polen, Russland, Südkorea, Ungarn und den USA.

Die Essays sind allerdings qualitativ und quantitativ sehr unterschiedlich. Einzelne Beiträge haben fünf Seiten Umfang, andere wiederum knapp 50 Seiten. Dadurch entsteht leider unweigerlich ein inhomogener Gesamteindruck. Zudem genügen einige Aufsätze auch nicht den Standards wissenschaftlicher Überprüfbarkeit, da sie über keinen Fußnotenapparat verfügen. Damit bleibt die Informationsherkunft ungeklärt, was aber bei dem Thema Nachrichtendienste möglich sein sollte. Auch einheitliche redaktionelle Vorgaben und ein abschließendes Lektorat der einzelnen Aufsätze fehlen erkennbar. Wie leider bei entsprechenden kleineren Sammelbänden üblich, ist auch hier kein Register, kein Orts- und Personenverzeichnis oder gar ein Glossar nachrichtendienstlicher Fachbegriffe mitgegeben. Dieses wäre für den interessierten Leser mit Sicherheit hilfreich gewesen. Ebenso fehlt ein Verzeichnis mit weiterführender Fachliteratur; Literaturangaben bei den einzelnen Aufsätzen fallen mitunter sehr rudimentär aus.

Heiner Timmermann geht nach seiner thematischen Einführung in dem ersten Fachbeitrag auf den bipolaren Grundcharakter des Kalten Krieges ein. In The Cold War, International Relations and Special Aspects of the German Situation (S. 21–67) wird der Kalte Krieg generell als Konflikt zwischen Ost und West, der Sowjetunion und den USA oder dem Kommunismus versus den Kapitalismus eingeordnet, wozu Timmermann Marksteine des Kalten Krieges identifiziert. Dem stellt er den deutsch-deutschen Gegensatz gegenüber, wobei hierbei die innerdeutschen Beziehungen bis zur Wiedervereinigung im Zentrum des Überblicks stehen. In dem zweiten Beitrag widmet sich Geráld Arboit, ein ehemaliger französischer General und Historiker, der sehr interessanten Thematik des Überläufers. In His defector he trusted. How the CIA Counterintelligence Staff broke the Western intelligence community for ten years, 1962–1973 (S. 69–75) identifiziert er Schwierigkeiten der USA in den ersten beiden Dekaden des Kalten Krieges, Überläufer zu nutzen, während sie selbst geheimdienstlich in entsprechender Weise attackiert wurden. Zwischen 1963 und 1973 sieht Arboit für die Gemeinschaft der westlichen Nachrichtendienste die Rolle des KGB-Residenten in Helsinki Anatoli Michailowitsch Golitsyn als entscheidend an, dessen Überlaufen eine Phase des Suchens nach „Maulwürfen“ innerhalb der CIA und damit Konflikte innerhalb der Dienste auslöste. Ben de Jong, ein niederländischer Historiker, schildert in einem interessanten Ansatz in The KGB view of the West: conspiracies and agents of influence (S. 77–95) die Sicht des sowjetischen Geheimdienstes auf den Westen. Diese subjektive Sicht legt er anhand von schriftlichen Aussagen ehemaliger KGB-Offiziere vor, wobei der zeitliche Schwerpunkt auf der post-stalinistischen Ära liegt. De Jong hebt die Abhängigkeiten des KGB von Partei und Staatsführung in der Sowjetunion hervor, mit den entsprechenden Folgen für die programmatischen Sichtweisen auf den Westen. Im nächsten Beitrag, The Secret War between the Soviet Bloc and Yugoslawia 1948–1955 (S. 123–127) thematisiert der ungarische Politikwissenschaftler Lázló Ritter  den geheimdienstlichen Konflikt zwischen der Sowjetunion und Jugoslawien bis zur Machtsicherung Titos. Danach geht Michael Hermann, Professor aus Oxford, der interessanten Frage nach: Instruments of Peace? Did Intelligence matter in the Cold War? (S. 123–127). Hermann skizziert dabei auch die psychologische Bedeutung geheimdienstlicher Tätigkeiten im Kalten Krieg. Der deutsche Militärhistoriker Horst Boog beleuchtet speziell Aspekte der Luftwaffe und deren nachrichtendienstliche Bedeutung in seinem Aufsatz: British-American Early Cold War Clandestine Overflights over Communist Territory 1950 to 1956 (S. 129–135). Sigurd F. Hess, ehemaliger Konteradmiral, greift in Intelligence Clash in the Baltic during the Cold War (S. 137–149) einen meist nur rudimentär untersuchten Bereich des Kalten Krieges auf, nämlich die geheimdienstliche Auseinandersetzung aus einer maritimen Sichtweise. So skizziert er die Ostsee als Schauplatz nachrichtendienstlicher Aktivitäten, beschreibt die Bedeutung des baltischen Meeres während der Zeit nuklearer Bedrohung. Laut Hess veränderte sich der geostrategische Charakter der Ostsee nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges von einer „closed red sea“ zu „open European Union waters of Nothern Europe“ am Endes des Kalten Krieges 1989. Nach diesem maritimen Beitrag behandelt das nächste Essay die Thematik des Kalten Krieges wiederum an einem Beispiel der Luftfahrt. Der offizielle Chef-Historiker der CIA David Robarge widmet sich dem Thema von Aufklärungsflügen anhand der bekannten Lookheed A-12 Aufklärungsflugzeuge. In Archangel: CIAs Supersonic A-12 Reconnaissance Aircraft (S. 151–196) präsentiert er einen guten Überblick über deren Bedeutung für die Sammlung nachrichtendienstlicher Informationen. Ein weiterer CIA-Mitarbeiter kommt im darauffolgenden Beitrag zu Wort. Der ehemalige CIA-Mitarbeiter David E. Murphy, Chef der CIA-Station in Berlin von 1959 bis 1961, schreibt über 17th June, 1953 and CIAs Berlin Operations Base (S. 197–205). Darin geht er auf die von östlichen Staatsführungen kolportierte und stets propagierte Behauptung ein, der Volksaufstand in der DDR sei durch westliche Geheimdienste subversiv gesteuert worden. Alexander Fursenko, ein russischer Historiker, und Timothy Naftali, amerikanischer Geheimdiensthistoriker, behandeln als ausgewiesene Experten des Kalten Krieges geheimdienstliche Aspekte der Kuba­krise von 1962 im Kontext des sowjetischen Spions Aleksander Feklisov: The Scali-Feklisov Channel in the Cuban Missile Crises (S. 207–214). Der Beitrag von Jacek Raubo, einem polnischen Militärhistoriker, lautet Germany after World War II – Crucial Frontline of Intelligence Service (S. 215–227). Er geht speziell auf den Beginn des Kalten Krieges am Beispiel Deutschlands, speziell auf Berlin als Hauptstadt der Spionage ein. Dabei skizziert er oberflächlich die nach Ende des Zweiten Weltkrieges entstandenen deutschen Nachrichtendienste wie BND, BfV und MfS. Abschließend wurde auch aus dem aktiven Mitarbeiterbereich der CIA und NSA ein äußerst spannender Beitrag beigesteuert: The Venona Project (S. 229–253). Hinter dem Codeword verbirgt sich eine erfolgreiche Geschichte der Kryptoanalyse. Amerikanische und britische Gegenspionagebereiche hörten zwischen 1940 und 1949 mehr als 2.900 sowjetische Diplomatenberichte ab. Erst nachdem das FBI die so genannten Venona-Papiere in seinen Besitz hatte bringen können, wurden über Jahre hinweg die Berichte entschlüsselt. Die ersten Unterlagen der Venona-Papiere sind schließlich 1995 freigegeben und veröffentlicht worden.

Der Sammelband vermittelt insgesamt verschiedene nachrichtendienstliche Aspekte der Zeit des Kalten Krieges. Einzelne Beiträge erscheinen dabei in ihrer Bewertung nicht besonders neu und können zudem aufgrund ihrer Kürze ihre untersuchten Themen nur anreißen. Allerdings ist der Vorteil dieser Aufsatzsammlung, dass man sich sehr breit dem Thema genähert hat. Hervorzuheben ist dabei besonders der internationale sowie der fachübergreifende Ansatz der einzelnen Autoren.

Bodo Hechelhammer, Berlin

Zitierweise: Bodo Hechelhammer über: Heiner Timmermann (Hg.): The Future a Memory. The Cold War and Intelligence Services – Aspects. Wien, Berlin, Münster [usw.]: LIT, 2013. 267 S. = Politik und Moderne Geschichte, 18. ISBN: 978-3-643-90442-3, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/erev/Hechelhammer_Timmermann_The Future a Memory.html (Datum des Seitenbesuchs)

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