Jahrbücher für Geschichte Osteuropas:  jgo.e-reviews 1 (2011), 2 Rezensionen online

Verfasst von: Klaus Buchenau

 

Charles Ingrao, Thomas A. Emmert (eds.): Confronting the Yugoslav Controversies. A Scholars’ Initiative. West Lafayette, IN: Purdue University Press, 2009. X, 444 S. = Central European Studies. ISBN: 978-1-55753-533-7.

Die Literatur zur kriegerischen Auflösung Jugoslawiens ist mittlerweile kaum noch überschaubar. Neue Werke sollten daher auch etwas Neues bieten. Das kann über Themen und Interpretationen geschehen, aber auch über methodische Zugänge und Quellen. Der vorliegende Band unterscheidet sich vor allem durch die Machart – er präsentiert die Ergebnisse einer 1997 entstandenen internationalen Forscherinitiative. Kräftig gefördert von (halb-)staatlichen US-Institutionen wie dem National Endowment for Democracy und dem Institute for Peace, wuchs sie im Laufe der Jahre auf 315 Mitglieder aus 32 Staaten an. Nicht alle beteiligten sich aktiv an der Arbeit, aber ein Verzeichnis listet immerhin 177 Wissenschaftler und Journalisten auf, die sich mit eigenen Beiträgen einbrachten. Die meisten von ihnen leben in den USA, dicht gefolgt von Serbien, danach folgen mit einigem Abstand Bosnien-Herzegowina, Großbritannien und Kroatien.

Hinter jedem der elf Kapitel steht eine Arbeitsgruppe mit etwa fünf bis 15 aktiven Mitarbeitern. In zwei Fällen entstanden die Texte als Patchwork, d.h. ein von der Gruppe ernannter Redakteur fügte Einzelbeiträge zu einer Einheit zusammen. Zwei Texte werden von binationalen Autorenteams verantwortet, die große Mehr­heit aber von einzelnen Autoren, die in der Regel auch Leiter ihrer Arbeitsgruppen waren. Jedem Text ist ein Überblick über die Gruppenarbeit vorangestellt; darin werden Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Arbeitsgruppen und die Urheberschaft einzelner Textbausteine erwähnt.

In seiner Einführung“ erklärt der US-Historiker Charles Ingrao das Ziel der Initiative; es gehe nicht darum, ein letztes Wort zum Jugoslawien-Konflikt zu sagen – was auch wegen der vielen bislang unzugänglichen Quellen noch nicht möglich sei. Man wolle aber die nationalistischen Narrative in der Region durch eine multiperspektivische Sichtweise herausfordern. Gemessen an diesem – bescheidenen und in der auswärtigen Literatur schon länger etablierten – Ziel ist der Sammelband sicher ein Erfolg. Ansonsten zeigt sich bei der Lektüre die alte Wahrheit, dass Teamarbeit nur dann gelingt, wenn die Gruppe sich versteht und das versammelte Potential wirklich für eine Synthese nutzt. Unterbleibt dieser Versuch, ist das Ergebnis ein Monolog, dessen Qualität vom ‚Leittier‛ der Arbeitsgruppe abhängt; schlägt er fehl, entstehen Unordnung und Widersprüche.

In dem Sammelband sind alle diese Möglichkeiten vertreten. Beeindruckend ist der von John Allcock als „editor“ verantwortete Text über das Haager Tribunal. Er ist auf der Grundlage mehrerer US-finanzierter Subprojekte als echtes Patchwork entstanden, verfolgt aber konsequent die großen Fragen – in welchem Sinne man sagen könne, dass es sich bei dem Tribunal um eine politische Institution handelt; ob man es als unparteiisch oder als antiserbisch ansehen könne. Im Ergebnis wird das Gericht von den schwersten Vorwürfen freigesprochen, aber auch kritisiert. Die Beteuerung des Tribunals, es gehe ihm nur um individuelle und nicht um kollektive Schuld, wirke wenig überzeugend, solange nur „Entscheider‟ und damit nationale Sym­bolfiguren verfolgt würden. In Serbien sei das Ansehen des Gerichts auch durch den Beschluss beschädigt worden, NATO-Personal von der Strafverfolgung auszunehmen. Außerdem habe das Gericht ein „Kommunikationsproblem“ gegenüber den postjugoslawischen Gesellschaften: Es habe sich zu wenig für seine Außenwirkung interessiert und stelle seine Chefankläger zu sehr in den Vordergrund. Besser wäre es, die vorsichtigeren Richter in die Öffentlichkeit treten zu lassen. Die Forschergruppe warnt die Unterstützer des Tribunals davor, in „Orientalismus“ zu verfallen und jeden Widerstand gegen das Gericht als nationale Engstirnigkeit zu verurteilen.

Für gelungene Zusammenarbeit steht auch der von Charles Ingrao verantwortete Text über die UN-Schutzzonen in Bosnien-Herzegowina, der sehr präzise und ausgewogen ist. Sehr erfreuliche Ergebnisse bringt auch die enge Zusammenarbeit des kroatischen Militärhistorikers Ozren Žunec mit seinem serbischen Kollegen Mile Bjelajac über den Krieg in Kroatien. Die beiden Ko-Autoren beginnen mit einer Einführung in Methoden und Quellenlage, was man sonst bei vielen Beiträgen vermisst. Sie verweisen darauf, dass es zu diesem Thema nicht nur serbisch-kroatische, sondern auch innerserbische und innerkroatische Kontroversen gibt. Die Unstimmigkeiten sowohl in der Arbeitsgruppe als auch in der Literatur kommen offen zum Ausdruck, und dennoch entsteht ein Gesamtbild.

Die serbisch-albanische Teamarbeit zwischen Dušan Janjić, Anna Lalaj und Besnik Pu­la über Kosovo unter dem Milošević-Regime ist offenbar weniger glücklich verlaufen. Der Artikel enthält eine große Detailfülle, die jedoch nicht durch entsprechende übergeordnete Fragen organisiert ist. Oft fehlen Quellenangaben, und Schnitzer im Englischen sind häufig. Eine Stärke ist allerdings die ausgewogene Verwendung serbischer und albanischer Medien.

Dass es auch besser geht, zeigt der von Mom­čilo Pavlović verantwortete Artikel über Ko­sovo unter dem Autonomiestatut zwischen 1974 und 1990. Hier wird die westliche Standardversion in Frage gestellt, wonach die Serben vor allem aus ökonomischen Gründen abwanderten. Die Kosovoserben erscheinen hier als Menschen mit verständlichen Anliegen, die dann aber von Slobodan Milošević missbraucht wurden.

Übrig bleibt eine Gruppe von Artikeln, in denen von Teamarbeit wenig zu spüren ist. Wie eine souveräne ‚Meistererzählung‛ wirkt Gale Stokes’ Text über Unabhängigkeit und das Schicksal von Minderheiten 1991/92, der vor allem auf die kroatischen Serben konzentriert ist. Bemerkenswert sind die Ausführungen zum Profil der bosnischen Serbenführer sowie die eindeutige Feststellung, dass die deutsche Anerkennung Kroatiens den Spielraum des EG-Verhandlers Lord Carrington stark eingeengt habe (S. 102).

Lesenswert ist die Analyse des Kosovo-Krieges von James Gow, der selbst als Berater an Entscheidungen der britischen Regierung mitwirkte. Gow arbeitet sich an vielen Kontroversen ab, verwickelt sich dabei aber auch selbst in Widersprüche. Er macht sich keine Illusionen über die UÇK, die im Vorfeld des NATO-Einsatzes serbische Massaker provozierte, um internationale Aufmerksamkeit zu erreichen. Dennoch hält er den NATO-Krieg angesichts der drohenden Eskalation nach „bosnischem Szenario“ für gerechtfertigt und im Wesentlichen für korrekt ausgeführt. Ein zu spät korrigierter Fehler sei aber der Einsatz von Streubomben gewesen.

Ausgewogen ist der Artikel von Marie-Janine Calic zu ethnischen Säuberungen und Kriegsverbrechen 19911995. Ähnlich wie im Falle des Zweiten Weltkriegs gibt es eine Debatte über die Opferzahlen. Neuere Untersuchungen zeigen, dass die Gesamtzahl der Opfer nicht bei 250.000, sondern um 100.000 gelegen haben dürfte, und dass der serbische Anteil an ihnen höher war als zunächst angenommen (etwa 25 %).

Einige Artikel widersprechen sich untereinander – ein Zeichen dafür, dass es für eine allgemein akzeptierte Geschichte noch zu früh ist. Das gilt etwa für den Text von Andrew Wachtel und Christopher Bennett über die Auflösung Jugoslawiens und den von Matjaž Klemenčič über das Agieren der Internationalen Gemeinschaft zwischen 1989 und 1997. Bennett und Wachtel attestieren dem sozialistischen Jugoslawien in ihrem weitgehend überraschungsfreien Text ein „multiples Organversagen“. Sie lassen aber die Möglichkeit zu, dass dieser Staat es hätte schaffen können, in demokratischer Form wieder das Vertrauen seiner Bürger zu erringen (S. 35). Der Slowene Klemenčič verurteilt dagegen die Internationale Gemeinschaft dafür, dass sie überhaupt versucht habe, Jugoslawien zusammenzuhalten. Klemenčičs Text erscheint so als der einzige, in dem es einem Autor aus der Region offenbar gelang, dem Kollektiv eine spezifisch nationale Sichtweise aufzudrängen.

Schwach ist auch der Abschluss des Sammelbandes mit dem von David MacDonald als „editor“ verantworteten Text Living Together or Hating Each Other? Auf die rhetorische Frage folgt ein Sammelsurium frommer Wünsche für heute – Erinnerung an das Verbindende statt an das Trennende, Individualisierung von Täter- und Opferschaft, Depolarisierung der Erziehungssysteme, Hervorhebung antinationalistischer Initiativen in der Geschichtsschreibung, interreligiöse Versöhnung, Förderung von Frauengruppen usw. All diese Dinge werden von internationalen Akteuren seit langem gefordert und gefördert. Das macht sie nicht falsch, aber wenig originell. Besser wäre es gewesen zu fragen, warum sich diese Ansätze so schwer durchsetzen lassen.

Alles in allem zeigt der Band, dass kollektives Forschen bessere Ergebnisse bringen kann, aber nicht muss. Der positivste Effekt dieser Arbeitsweise liegt wohl darin, dass wissenschaftliche Netzwerke neu entstehen, die durch den Krieg zerrissen worden sind. Es wird weiter Anlass geben, sich zusammenzusetzen. Viele Fragen zur Kriegführung, etwa zur Geplant­heit / Spontaneität der ethnischen Säuberungen, muss­ten die Forscherteams nach wie vor offenlassen, weil Dokumente entweder unter Verschluss gehalten werden oder schlichtweg nicht (mehr) existieren.

Klaus Buchenau, Berlin

Zitierweise: Klaus Buchenau über: Charles Ingrao, Thomas A. Emmert (eds.) Confronting the Yugoslav Controversies. A Scholars’ Initiative. Purdue University Press West Lafayette, IN 2009. = Central European Studies. ISBN: 978-1-55753-533-7 , http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/erev/Buchenau_Ingrao_Emmert_Confronting.html (Datum des Seitenbesuchs)

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