Jahrbücher für Geschichte Osteuropas

Im Auftrag des Instituts für Ost- und Südosteuropastudien Regensburg
herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Ausgabe: 61 (2013), 4, S. 612-614

Verfasst von: Tobias Weger

 

Gerhard Seewann: Geschichte der Deutschen in Ungarn. Band 1: Vom Frühmittelalter bis 1860. Marburg/Lahn: Herder-Institut, 2012. XVI, 549 S., 4 Ktn. = Studien zur Ostmitteleuropaforschung, 24/I. ISBN: 978-3-87969-373-3.

Gerhard Seewann: Geschichte der Deutschen in Ungarn. Band 2: 1860 bis 2006. Marburg/Lahn: Herder-Institut, 2012. VIII, 654 S. = Studien zur Ostmitteleuropaforschung 24/II. ISBN: 978-3-87969-374-0.

Einemoderne Forschungsansätze aufgreifende Geschichte ethnischer, konfessioneller und nationalerVerhältnisse der Deutschen in Ungarn vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart in Handbuchform: so lautete das selbst gewählte Ziel Gerhard Seewanns, das er im Vorwort zu seinem zweibändigen Werk (vgl. Bd. 1, S. IX) explizit formuliert hat. Es soll die Erwartungen des deutschen und des ungarischen Lesepublikums befriedigen und als Kompendium für die Unterrichtung der noch in Ungarn ansässigen deutschen Minderheit sowie ungarischer Studierender dienen. Diesem Anspruch ist der Autor nur in begrenztem Umfang gerecht geworden. Seine Darstellung ist in methodischer Hinsicht alles andere alsmodern; gelegentlich kommt sie knochentrocken daher. Am meisten erstaunt aber seine monoethnische Verengung, die nicht jenem Bild einer vielfältig mit anderen Gruppen verflochtenen Minderheit entspricht, wie sie längst zur Richtschnur der internationalen Forschung und auch der deutschen Osteuropahistoriographie geworden ist. In dieser Hinsicht bleibt Seewann, der sein außerordentlich umfangreiches Geschichtswissen durchaus gewinnbringender hätte darlegen können, hinter seinen eigenen Zielvorgaben zurück.

Ein weiteres Manko fällt bei der Lektüre des (insgesamt mit ca. 50 Seiten sehr knapp geratenen) Mittelalter-Abschnitts ins Auge: Die Nachbarhistoriographien derjenigen Staaten, deren Territorien zum mittelalterlichen Ungarn gehörten, werden vom Verfasser kaum berücksichtigt, wodurch eine auf ungarische und österreichische/deutsche Sichtweisen verengte Optik entsteht: Hier wären etwa die stadt- und wirtschaftsgeschichtlichen Forschungen des über jede nationale Voreingenommenheit erhabenen slowakischen Historikers Ondrej Richard Halaga, die Erträge der rumänischen Historiographie oder die Spezialforschungen von Konrad Gündisch zum siebenbürgisch-sächsischen Patriziat unbedingt heranzuziehen gewesen, daneben aber auch (in westlichen Sprachen ver­fügbare) Arbeiten aus Kroatien, Serbien und der Ukraine. Doch selbst die für die mittelalterliche Geschichte Ungarns international renommierten Arbeiten von János M. Bak sucht man in den Fußnoten vergeblich.

Der Autor beginnt mit einer Skizze der ungarisch-deutschen Beziehungen im Mittelalter und den Folgen königlichen und privaten Landesausbaus seit dem 11. Jahrhundert, als deren Ergebnis etwa in Siebenbürgen und in der Zips, später auch in anderen Regionen, zahlreiche Siedlungen entstanden, an deren Zustandekommen deutsche Siedler einen maßgeblichen Anteil hatten. Auch die frühe Habsburger-Herrschaft von 1526 bis zum Ende derTürkenzeitum 1700 wird mit weiteren 50 Seiten lediglich kursorisch behandelt, obwohl es gerade zu dieser Periode eine Vielzahl aktueller Forschungen gibt, die ein ganz neues Licht auf jene Zeit geworfen haben und dabei auch diedeutschenBezüge der ungarischen Geschichte mit berücksichtigt haben. Der Leser kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass für Seewann das Mittelalter und die frühe Phase der Habsburgerzeit in der Gesamtgeschichte eine Art lästige Pflichtübung bilden.

Erst mit einsetzenden 18. Jahrhundert beginnt sich die Präsentation zu verdichten, wobei das vorrangige Interesse des Autors deutlich erkennbar dem 19./20. Jahrhundert gilt. Ausführlich schildert Seewann dasJahrhundert der Ansiedlungzwischen 1711 und 1790, wobei er den Perspektiven der Siedler, adeliger Grundherren und staatlicher Instanzen innerhalb der Habsburgermonarchie gleichermaßen Rechnung trägt. Besonderes Augenmerk schenkt er den konfessionellen Verhältnissen, die sich infolge der Ansiedlungspolitik im 18. Jahrhundert herausbildeten und die neben Momenten der gegenseitigen Segregation auch Elemente interkonfessioneller Kontakte aufwiesen. In weiteren Hauptkapiteln behandelt Gerhard Seewann das Zeitalter von der Aufklärung bis zur Revolution von 1848. Die dabei aufgezeigten Perspektiven der Slowaken, Serben, Rumänen und Siebenbürger Sachsen fallen reichlich stereotyp aus und ignorieren neuere Erkenntnisse, die von einer Präponderanz des politischen gegenüber dem nationalen Moment innerhalb Transleithaniens in den Jahren 1848/49 ausgehen. In diesem Lichte betrachtet stellt sich auch dieMagyarisierungin der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als wesentlich weniger intentionaler Vorgang dar, als dies aus der Überlieferung deutschnationaler Quellen scheinen mag.

Der zweite Band beginnt mit einer allgemeinen Darstellung zur nationalstaatlichen Phase Ungarns zwischen 1848 und 1914, dem sich ein Kapitel zur Situation der Deutschen in der Zeit des österreichisch-ungarischen Dualismus anschließt. Sozialhistorische Gegebenheiten werden dabei angesprochen, organisatorische und kulturelle Strukturen aufgezeigt und die politischen Aktivitäten unterschiedlicher ungarndeutscher Gruppen erläutert. Hier ist der Hinweis auf die überseeische Auswanderung von Ungarndeutschen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etwas dürftig ausgefallenwar doch die Amerika-Auswanderung aus verschiedenen Gegenden des damaligen Königreichs Ungarn zu jener Zeit durchaus beträchtlich, was etwa in bestimmten Gegenden der Zips sogar das ethnische Gefüge veränderte. Zu Recht weist Seewann auf die weit verbreitete Mehrsprachigkeit der Bewohner der ungarischen Reichshälfte und deren unterschiedliche Motivationen hin (S. 5559); hier deckt sich sein Bild mit dem in der Ethnologie verbreiteten Konzept derethnischen Indifferenz. Allerdings wird der Autorungeachtet der selbst vorgebrachten Vorbehalte gegenüber den Unzulänglichkeiten historischer Statistiken nicht müde, dem Leser an anderer Stelle in extenso Statistiken zur nationalen Zusammensetzung Gesamtungarns bzw. einzelner Städte und Regionen vorzusetzen, als ließe sich in der Tat ein nationales/ethnisches Bekenntnis, dessen Tendenz von den Bedingungen der Erhebungen beeinflusst wurde, in exakten Prozentzahlen ausdrücken. Gerade die scheinbare Präzision der Zahlen suggeriert aber die Existenz klar voneinander geschiedener ethnischer Entitäten und rückt das Menschliche aus dem Fokus der Betrachtung.

Der Zeit vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg räumt Seewann breiten Raum ein. Er unterstreicht darin das Dilemma der deutschen Minderheit in dem durch die Bestimmungen von Trianon verkleinerten Staat, angesichts einer uneindeutigen Minderheitenpolitik ihre Loyalität im Spannungsfeld zwischen Ungarn und der von demPatronagestaatDeutschland massiv unterstützten Volkstumspolitik festzulegen.

Eine bedauerliche Einseitigkeit prägt die Darstellung der Vertreibung der Deutschen aus Ungarn, insbesondere dort, wo die Tschechoslowakei zum Vergleich herangezogen und nach einem altbekannten Muster der tschechoslowakische Staatspräsident Edvard Beneš dämonisiert wird (S. 337340). Hier hätte die Berücksichtigung weiterer Sekundärliteratur und die Rezeption noch anderer Archivquellen als der aus dem britischen Public Record Office sicherlich zu einer Horizonterweiterung führen können. Wenn das Werk Seewanns in der Tat im Schulunterricht und in der universitären Lehre in Ungarn eingesetzt wird, werden hier unreflektiert Bilder deutscher Selbstviktimisierung und der StereotypisierungOsteuropasin den ungarischen Diskurs transferiert.

Im letzten Kapitel behandelt Seewann die Zeit des Sozialismus in Ungarn bis zur politischen Wende von 1989, mit einem Ausblick auf die Zeit danach bis hin zur jüngeren Gegenwart. Vor der Folie nationalitätenpolitischer Prämissen des Staatssozialismus im Allgemeinen spürt er den unterschiedlichen Phasen der Behandlung der deutschen Minderheit in Ungarn seit dem Zweiten Weltkrieg nach, die ab 1983 in eine liberalisierte Periode mündeten. Damit wurde bereits der Boden für eine neue Haltung nach 1989 bereitete.

Beiden Bänden sind ausgewählte Quellen hinzugefügt, die ein didaktisches Angebot an Geschichtslehrer darstellen. Ein umfangreiches Register von Orts- und Personennamen erweist sich angesichts des Umfangs der beiden Bände als hilfreich.

Ungarn teilt mit anderen Staaten Ostmitteleuropas, etwa Polen und Litauen, das Schicksal, dass sich sein Territorium im Laufe der Geschichte häufig grundlegend verändert hat. Dies verdeutlichen auch die historischen Karten am Ende des Ersten Bandes, die die Entwicklung bis zum Ersten Weltkrieg veranschaulichen. Bei der gegebenen Themenstellung hätte für den Leser noch deutlicher herausgearbeitet werden müssen, welche ethnisch deutschen Gruppen jeweils zu Ungarn gehörten und wie es um ihr Verhältnis zu diesem Staat bestellt war.

Gerhard Seewann hat eine ausgesprochen dichte Materialsammlung zu den Deutschen in Ungarn zusammengestellt. Eine wirkliche Geschichte der Deutschen in Ungarn muss aber erst noch geschrieben werdenam besten wohl von einem multinationalen Forscherteam. Für den Einsatz im Schulunterricht wäre die Einbeziehung von Geschichtsdidaktikern ratsam gewesen. Die hätten sicherlich zu einer Konzentration der Materie und zu einer lebendigeren Darbietung geraten. Möglicherweise hätten sie sich sogar die Frage gestellt, ob der rein chronologische Zugang der einzig mögliche sei oder nicht ein thematischer Zuschnitt in manchen Fragen erhellender hätte sein können. Die Unterscheidung der lebensweltlichen Realitäten städtischer und ländlicher Existenz oder die lange Zeit prägenden Momente der Konfessionalität fallen einem hier ein, doch ließen sich auch noch weitere Analysekriterien eruieren, die gerade zur Überwindung jener ethnischen Engführung hätten beitragen können, welche dem tatsächlichen Erfahrungshorizont der Deutschen in Ungarn als einer unter vielen anderen Gruppen zu keinem Zeitpunkt entsprach.

Tobias Weger, Oldenburg

Zitierweise: Tobias Weger über: Gerhard Seewann: Geschichte der Deutschen in Ungarn. Band 1: Vom Frühmittelalter bis 1860. Marburg/Lahn: Herder-Institut, 2012. XVI, 549 S., 4 Ktn. = Studien zur Ostmitteleuropaforschung, 24/I. ISBN: 978-3-87969-373-3. | Gerhard Seewann: Geschichte der Deutschen in Ungarn. Band 2: 1860 bis 2006. Marburg/Lahn: Herder-Institut, 2012. VIII, 654 S. = Studien zur Ostmitteleuropaforschung 24/II. ISBN: 978-3-87969-374-0, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Weger_Seewann_Geschichte_der_Deutschen_in_Ungarn_1_2.html (Datum des Seitenbesuchs)

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