Jahrbücher für Geschichte Osteuropas

Im Auftrag des Instituts für Ost- und Südosteuropastudien Regensburg
herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Ausgabe: 62 (2014), S. 618-621

Verfasst von: Hartmut Rüß, Münster/Westf.

 

Christian Raffensperger: Reimagining Europe. Kievan Rus in the Medieval World. Cambridge, MA, London: Harvard University Press, 2012. 329 S., 1 Kte., 5 Graph. = Harvard Historical Studies, 177. ISBN: 978-0-674-06384-6.

In seiner Kölner Einführungsvorlesung vom 10. Dezember 1956 erklärte der Altmeister der bundesrepublikanischen Osteuropaforschung, Günther Stökl, dass das ThemaRußland und Europaseitmehr als einem Jahrhundert ein Thema für jedermannsei,für jeden, der glaubt, dazu eigene Gedanken zu haben, und der imstande ist, einigermaßen die Feder zu führen“. Mit Christian Raffensperger hat sich nunum im Bild zu bleibennicht etwa ein mehr oder weniger qualifizierter Laie an das Thema herangewagt, sondern ein vielversprechender junger Osteuropahistoriker, dem für sein Buch von amerikanischen Kollegen (D. Goldfrank, D. H. Kaiser, D. Prestel), wie dem Klappentext zu entnehmen ist, übereinstimmend hohes Lob gezollt wird. Zu Recht?

Die Generalthese des Buches lautet: Die Kiever Rus war zwischen der Annahme des Christentums durch Vladimir den Heiligen 988 bis in die 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts hinein einintegraler Teil des mittelalterlichen Europa. Sie habe ihrenfesten Platz in Europagehabt (the place of Rus was firmly in Europe), und erst nach dieser Zeit sei ein radikaler Paradigmenwechsel in der politischen Orientierung erfolgt. DemtraditionellenBlick auf die Rus bei „Mediävisten, Byzantinisten und Slavisten“ alsisoliert von Europaund Anhängsel („parcel“) desByzantine Commonwealtherteilt der Verfasser eine klare Absage. Zum Beweis dieser Auffassung richtet er sein Hauptaugenmerk auf zwei Untersuchungsfelder: die dynastischen Heiraten und den Handel. Da er sich hierbei in erster Linie auf vorliegende Forschungen und Studien stützt, und zwar hauptsächlich auf englisch- und russischsprachige, ist der historiographische Charakter der Arbeit vorherrschend. Dass der Verfasser damit einige fehlerhafte oder umstrittene Fakten und Interpretationen aus der Literatur übernimmt, sei immerhin angemerkt, ist aber für die Intention seines wissenschaftlichen Anliegens eher unerheblich.

Die akribische Zusammenstellung des in der Forschung weitgehend bekannten Quellenmaterials zu den genannten Themen ist zweifellos ein Verdienst dieser 2006 abgeschlossenen Dissertation. Sie verleiht der These des Autors, dass die Kiever Rus über einen beträchtlichen Zeitraum stärker nach Westen als nach Byzanz tendierte, und zwar nicht nur als mehr oder weniger periphere Randzone Kontinentaleuropas, Gewicht.

Interessante Beobachtungen und Überlegungen stellt der Verfasser zu den Kiever dynastischen Heiraten an. Es sind 52 innerhalb von 200 Jahren bekannt, von denen 40, d.h. 77 %, mit Königshäusern von westlich gelegenen oder skandinavischen Ländern geschlossen waren. Nach der für die Rus und den Kiever Herrscher Vladimir den Heiligen prestigeträchtigen Heirat mit der Byzantinerin Anna Porphyrogenneta hätten Heiratsbeziehungen mit den Kiever Fürsten, so der Verfasser mit Berufung auf A. P. Kashdan, in der Diplomatie von Byzanz lange keinen hohen Stellenwert mehr gehabt. Frauen aus der Rus seien in der von einer byzanzorientierten orthodoxen Geistlichkeit geführten Chronistik zweifach ausgeschlossen gewesen: alsschwaches Geschlechtund wegen ihrer Verheiratung ins lateinische Ausland, was erklärt, dass wir weitgehend nur aus westlichen Quellen über Heiraten Kiever Fürstinnen jenseits der Grenzen Kenntnis haben.

Die Eheverbindungen geschahen nach Raffensperger in den meisten Fällen aus politischen und militärischen Bündniserwägungen, wobei eingeräumt wird, dass vielfach die Gründe für ein Heiratsarrangement im Dunkeln bleiben und nur spekulativ erschließbar sind. In diese Interpretationskategorie gehört teilweise, was der Autor über die Rolle der Kiever Prinzessinnen an den ausländischen Königs- und Fürstenhöfen Aufschlussreiches darstellt: Sie hätten in ihren Gastheimaten z.T. deutliche Spuren ihrer Macht als Königinnen und Regentinnen hinterlassen. Sie und ihre heimatliche Entourage hätten wie eine ArtBotschaft(embassy) die Rus am fremden Hof diplomatisch und kulturell vertreten und in das komplizierte Geflecht der europäischen Politik einbezogen und damit gestärkt. Der Verfasser führt eine Reihe von eindrucksvollen Beispielen aus der Onomastik an, die zeigen, dass die Kieverinnen auf fremden Thronen einen maßgeblichen Einfluss auf die Namensgebung ihrer Kinder ausgeübt haben. Umgekehrt lässt sich vereinzelt auch der Einfluss ausländischer Fürstinnen in Kiev auf die Namensgebung in ihren Familien nachweisen, wie etwa das Beispiel Mstislavs/Haralds (1075/76–1132) zeigt, dessen Mutter Gyda Tochter des letzten angelsächsischen Königs Harald war.

Wie bei den dynastischen Heiraten sieht Raffensperger auch beim wirtschaftlichen Austausch den Ost-West-Handel der Kiever Rus in der Literatur unterrepräsentiert und im Vergleich zu den zeitlich früheren Austauschzonen entlang Wolga und Dnjepr nach Mittelasien und Byzanz bis in die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts eindeutig auch unterschätzt. So seien von Archäologen westliche Güter in größerer Zahl als byzantinische ausgegraben worden, was die Sicht Dmitry Obolenskys auf die Dnjepr-Route alsökonomische Lebensaderder Rusirrigerscheinen lasse. Für den Autor sind die Ost-West-Handelsbeziehungen im 11. und 12. Jahrhundert ein starkes Argument für seine Vorstellung von der Rus alseinem Teil der größeren europäischen Handelsweltund als Glied des mittelalterlichen Europaim erlesenen Kreis derFamilie der Könige(F. Dölger) des Mittelalters.

Es liegt in der Logik dieser ganzen Argumentation, dass Raffensperger zwar die europaweite Rezeption desbyzantinischen Idealsin Religion, Kunst, Architektur und politischer Symbolik eindrucksvoll aufzeigt (siehe Kap. 1)aber eben als ein von den herrschenden Eliten zur eigenen Legitimierung und Prestigeaufwertung instrumentalisiertes Ideal. Wie im übrigen Europa sei das byzantinische Vorbild auch in der Rus nicht mit einer, wie von manchen behauptet, politischen Dominanz seitens Byzanz einhergegangen. Dies gelte sogar auch für die Kirche. Sie habe im diskutierten Zeitraum trotz der Übernahme von orthodoxer Liturgie und Lehre und der Besetzung der höchsten geistlichen Ämter überwiegend mit Griechen den Charakter einernationalen Kircheangenommen (siehe Kap. 5: The Micro-Christendom of Rus), was völlig im Sinne der ihre politische Selbständigkeit betonenden Kiever Fürsten gewesen sei.Dies ist ein neues Bild von der christlichen Kirche in der Rus, das sich vom traditionell gezeichneten Bild unterscheidet.(S. 185).

Obwohl das Buch von Christian Raffensperger, wie angedeutet, viele Vorzüge aufweist und das Zeug hat, auf die Diskussion über die Kiever Rus in der mittelalterlichen Welt inspirierend zu wirken, sind doch aus Sicht des Rezensenten einige grundsätzliche Kritikpunkte angebracht.

Eine systematische Klärung des Begriffsmittelalterliches Europableibt der Verfasser dem Leser schuldig, wenngleich die gesamte Argumentation und Anlage des Buches zweifelsfrei erkennen lässt, dass damit der ostmittel-, zentral- und westeuropäische Bereich sowie Skandinavien gemeint ist, und derByzantine Commonwealthim Verhältnis dazu eine Welt für sich war. Mit B. H. Sumner, der übrigens keinen Zweifel an Russlands europäischer Zugehörigkeit hatte, ist aber darauf zu verweisen, dass etwa aus asiatischer Perspektive die Ähnlichkeiten zwischen Byzanz und Lateineuropa grundlegender als die Unterschiede waren, was ja auch die im Eingangskapitel geschilderte europaweite Rezeption desByzantine Idealim gemeinsamen christlichen Weltkreis unterstreicht.

Den seiner Hauptthese widersprechenden Gegenentwurfalso die Kiever Rus als außerhalb desmittelalterlichen Europasstehendsieht Raffensperger generell in dertraditionellenGeschichtsschreibung verortet. Diese belässt er bis auf wenige Ausnahmen (Dm. Obolensky!), auch was die wissenschaftliche Bedeutung Einzelner sowie die historiographische und zeitliche Einordnung betrifft, fast gänzlich im Anonymen. Beim historisch nicht so vorgebildeten Publikumund das Buch zielt offensichtlich auf einen breiteren Leserkreiskann auf diese Weise der Eindruck entstehen, als handele es sich dabei um eine bis in die jüngste Zeit hineinreichende Mehrheitsposition in der historischen Wissenschaft. Das ist aber nicht der Fall. Wenn der Verfasser stark spekulative und ideologiebefrachtete Sichtweisenslavophile und nationalistische Lehren des 19. Jahrhunderts,Abendland“-Perspektiven der Ranke-Schule, eurasische Konzepte, westliche Russlandvisionen in der Zeit des Kalten Krieges usw. – gemeint haben sollte, so werden sie in der seriösen Forschung, sieht man einmal von gewissen neo-eurasischen und neo-antinormannistischen Tendenzen im postsowjetischen Russland ab, schon lange nicht mehr vertreten.

Es erweist sich hier auch als nachteilig, dass Raffensperger offenbar die relevante deutschsprachige Literatur nicht kennt. Von den ca. 450 Titeln im Literaturverzeichnis sind lediglich sechs in deutscher Sprache, die zudem von Autoren stammen, die nicht auf Osteuropa spezialisiert sind oder waren. Das wäre u.U. hinzunehmen, wenn nicht auf jenen Untersuchungsfeldern, welche die zentrale Argumentationsbasis für den Verfasser darstellen, gerade von der deutschsprachigen Russlandforschung seit Beginn des vorigen Jahrhunderts grundlegende Studien erbracht worden wären. Dies gilt sowohl für die dynastisch-politischen (Th. Ediger 1911, Fr. Braun 1925, R. Bloch 1931, M. Hellmann 1959 und 1962, G. Stökl 1965, W. Philipp 1967, J. Forssman 1970) als auch für die wirtschaftlichen (L. K. Götz 1922, N. Bauer 1929, J. Brutzkus 1931, A. W. Ziegler 1947, E. Zöllner 1952, B. Widera 1954, 1971 und 1974) Beziehungen zwischen der Kiever Rus und ihren westlichen Nachbarn. Alle diese Autoren gingen hierbei mehr oder weniger selbstverständlich von der Voraussetzung aus, dass die Kiever Rus Teil auch Lateineuropas war. Manfred Hellmann gab dem 2. Abschnitt seines Beitrags über die Kiever Periode im BandRußland“ (Fischer Weltgeschichte, 1972) die Überschrift:Kievs Eintritt in die europäische Staatenwelt des Mittelalters. Das darin angedeutete wissenschaftliche Credo liegt auch den meisten Arbeiten der auf Osteuropa spezialisierten nachfolgenden Historikergeneration (in Deutschland u.a. G. Schramm, E. Donnert, K. Zernack, E. Hösch) zugrunde. Ein solcher historiographischer Sachverhalt steht in deutlichem Widerspruch zu Raffenspergers Vorstellung von dertraditionellenGeschichtsforschung, welche die Kiever Rus aus dem mittelalterlichen Europa ausgeschlossen habe, und relativiert zugleich den vermeintlich innovativen Charakter seiner Hauptthese. Zwar verwirft er zu Recht die Auffassung, dass die Kiever Rus im untersuchten Zeitraum einseitig nach Byzanz orientiert oder von diesem politisch dominiert gewesen sei. Aber das andere Extrem, den byzantinischen Einfluss zu marginalisieren und zu minimieren und ihm das alternative Szenario einer dichten Westbeziehung gegenüberzustellen, entspricht wohl ebenso wenig der historischen Realität. Es sei daran erinnert, dass die Kaufleute aus der Rus 1043 die Erlaubnis zur Gründung einer eigenen ständigen Handelsniederlassung innerhalb der Stadtmauern von Konstantinopel erhielten, die im 12. Jahrhundert bei der Kirche der Vierzig Märtyrer gelegen war. Mit Carsten Goehrke erschöpfte sich die Bedeutung der Christianisierung von Byzanz und Bulgarien her nicht in derspezifischen Art der Frömmigkeit und des Gottesdienstesoder in derost­slavisch-byzantinischen Synthesein Sakralbaukunst und Ikonenmalerei, sondern hinterließ tiefere Spuren in der Mentalität breiter Bevölkerungsschichten und im Herrschaftsverständnis der Eliten. Insofern ist immer noch gültig, was 1980 als Fazit der internationalen historischen Forschung imHandbuch der Geschichte Russlandsvon mir so formuliert wurde: Von dem orbis christianus des Mittelalters war das kulturell von Byzanz stark beeinflusste Kiever Reich mit seinen zugleich erstaunlich vielfältigen politischen, ökonomischen und kulturellen Beziehungen nach Westen ein Teil.

Ungeachtet der kritischen Anmerkungen ist das Buch Christian Raffenspergers mit Gewinn zu lesen. Es ist engagiert und kenntnisreich geschrieben, gibt einen kompakten Überblick über die westlichen Kontakte und Beziehungen der Kiever Rus nach Annahme des Christentums und bietet darüber hinaus reichlich Diskussionsstoff zu demewigenThemaRussland und Europa. Es wäre deshalb mit dem Verfasser zu wünschen, dass sein Buch als neuerlicher Anstoß dienen möge, unser Wissen über die Stellung des Kiever Reiches innerhalb der mittelalterlichen europäischen Staatenwelt durch weitere Detailforschungen zu vertiefen.

Hartmut Rüß, Münster/Westf.

Zitierweise: Hartmut Rüß, Münster/Westf. über: Christian Raffensperger: Reimagining Europe. Kievan Rus’ in the Medieval World. Cambridge, MA, London: Harvard University Press, 2012. 329 S., 1 Kte., 5 Graph. = Harvard Historical Studies, 177. ISBN: 978-0-674-06384-6, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Ruess_Raffensperger_Reimagining_Europe.html (Datum des Seitenbesuchs)

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