Jahrbücher für Geschichte Osteuropas
Im Auftrag des Osteuropa-Instituts Regensburg
herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz
Ausgabe: 60 (2012), 1, S. 116-117
Verfasst von: Edgar Hösch
Gosudarstvo i nacija v Rossii i Central’no-vostočnoj Evrope – State and Nation in Russia and Central-East Europe. Materialy meždunarodnoj naučnoj konferencii budapeštskogo Centra rusistiki ot 19–20 Maja 2008 g. – Materials of the International Historical Conference at the Centre for Russian Studies in Budapest, 19–20 May, 2008. Ed. by Gyula Szvák and Zsuzsanna Gymesi. Budapest: Russica Pannonicana, 2009. 362 S., Abb. = Knigi po rusistike / Ruszisztikai Könyvek, XXII. ISBN: 978-963-7730-51-1.
Gyula Szvák, der rührige Gründungsdirektor des Russistik-Zentrums in Budapest, hat im vergangenen Jahrzehnt mehrfach Konferenzen zu Grundfragen der russischen Geschichte organisiert, an denen Fachleute aus aller Welt beteiligt waren. Die Beiträge sind in der Schriftenreihe des Zentrums veröffentlicht worden (vgl. u.a. Mesto Rossii v Evrope. Budapest 1999; Mesto Rossii v Evrazii. Budapest 2001; Moskovija: specifika razvitija. Budapest 2003; Novye napravlenija i resul’taty v rusistike. Budapest 2005; Regional’nye školy v russkoj istoriografii. Budapest 2007). Der neue Sammelband zur Thematik von Staat und Nation in Osteuropa enthält Beiträge von 30 Autoren (14 aus Ungarn, elf aus Russland, drei aus den USA und einer aus Großbritannien). Die Organisatoren waren bemüht, neben den ausgewiesenen Sachkennern vor allem auch Nachwuchswissenschaftlern ein Diskussionsforum zur Präsentation ihrer aktuellen Forschungsarbeiten anzubieten. Die thematische Vorgabe „Staat und Nation“ wurde von den Teilnehmern allerdings weit und mitunter sehr eigenwillig ausgelegt. Die Herausgeber haben daher darauf verzichtet, das breit gefächerte Angebot zu strukturieren und die Einzelstudien und Thesenreferate zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenzufügen.
Breiteren Raum räumten die Autoren der Diskussion neuerer Forschungsergebnisse zu ausgewählten Themenbereichen ein. Tímea Bótor stellt in einem ausführlichen Bericht die jüngsten Theorien zum Drittes-Rom-Komplex von Paul Bushkovitsch und Sergej Filippov (Budapest) vor (S. 78‒90). Maureen Perrie erläutert die Thesen von Geoffrey Hoskins und Serhii Plokhy zu den Anfängen einer russischen nationalen Idee (S. 30‒38), Daniel H. Kaiser berichtet über Religion und Staat in der neueren amerikanischen Geschichtsschreibung (S. 91‒101) und Endre Sashalmi befasst sich mit den in der frühneuzeitlichen Russlandforschung diskutierten Konzeptionen des fiscal-military state, des composite-dynastic state und mit der Absolutismus-Debatte (S. 132‒141). Kritisch setzt sich Gábor Gyóni mit den Thesen des ungarischen Finnougristen János Pusztays auseinander, der als Ergebnis einer anhaltenden Russifizierung eine akute Gefährdung der finnougrischen Völker in Russland sieht. Für den Rückgang der Minderheitenzahlen in der Sowjetunion bzw. in Russland sei nicht ein ethnischer Nationalismus verantwortlich, sondern ein allgemeiner Homogenisierungsdruck, der in allen Staaten zu vergleichbaren Ergebnissen führe. Vjačeslav V. Fomin nutzte die Gelegenheit, nochmals seine Argumente gegen eine nordische Herkunft des Rus’-Namens und gegen die normannistische Theorie vorzutragen (S. 39‒54), die er in seiner Monographie (Varjagi i varjažskaja Rus’. K itogam diskussii po varjažskomu voprosu. Moskva 2005) ausführlich zu begründen versucht hat. Márta Font teilt erste Ergebnisse einer quantitativen Analyse der altrussischen Chronik mit. Die auffallende Häufung der historischen Informationen in nur wenigen Jahreseinträgen und deren inhaltliche Zuordnungen sprechen für ein Geschichtswerk aus dynastischer Sicht, das an der Wende zum 12. Jahrhundert entstanden ist und dessen ursprüngliche Textfassung in der Redaktion des Sil’vestr (d. i. in der sog. Laurentiuschronik) überliefert ist (S. 55‒68 mit Tabellen).
Lesenswert ist die gründliche Quellenstudie von Ann Kleimola zur Ikone der Gottesmutter von Kazan’ als russisches Palladium (S. 102‒120), die durch den Bericht von Birgit Farley über den Wiederaufbau der Kathedrale der Gottesmutter von Kazan’ auf dem Roten Platz 1990‒1993 ergänzt wird (S. 286‒297). Beachtung verdient auch die Interpretation von Ágnes Kríza zum Bildprogramm der Fresken aus dem 18. Jahrhundert in der orthodoxen Kirche von Báckeve (Srpski Kovin) auf der Donauinsel Csepel südlich von Budapest. In der Zusammenstellung der serbischen Nationalheiligen aus Herrschern und Hierarchen erkennt sie eine polemische serbisch-orthodoxe Antwort auf die illyristische Propaganda der Katholiken. Weitere Kurzbeiträge behandeln u.a. die Autonomieforderungen der ukrainischen Hetmane von Bohdan Chmel’nyc’kyj bis Ivan Mazepa, die Reformen Peters des Großen, Einzelaspekte der Modernisierungsbemühungen des Russischen Reiches, die Sprachen- und der Nationalitätenpolitik in der Habsburger Monarchie, im zarischen Russland, unter der kommunistischen Parteiherrschaft und in der Gegenwart, die Frauenfrage und den religiösen Faktor in der gegenwärtigen russischen Politik sowie die Identitätsbemühungen im postsowjetischen Russland.
Zitierweise: Edgar Hösch über: JGO_Rezensionen, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Hoesch_Gosudarstvo_i_nacija_v_Rossii.html (Datum des Seitenbesuchs)
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