Jahrbücher für Geschichte Osteuropas

 

Ausgabe: 59 (2011) H. 1

Verfasst von:Nada Boškovska

 

Aleksandr I. Filjuškin Tituly russkich gosudarej [Die Titel der russischen Herrscher]. Mosvka, S.-Peterburg: Al’jans-Archeo, 2006. 254 S., Kte. ISBN: 5-98874-011-1.

Der Autor befasst sich in zehn Kapiteln mit der Entwicklung der Herrschertitel in der Kiever und Moskauer Rus’ vom 10. bis zum 16. Jahrhundert. Es ist dies ein begrüßenswertes Unterfangen, denn keineswegs herrscht immer Klarheit über die diesbezüglichen Verhältnisse. Zu Recht weist Filjuškin etwa darauf hin, dass es nicht einfach ist, den exakten Zeitpunkt der Annahme eines Titels festzustellen, da sich dieser Prozess über Jahre oder gar Jahrzehnte erstrecken konnte. Zugleich wurden in verschiedenen Zusammenhängen durchaus unterschiedliche Titel gleichzeitig verwendet.

Der Autor verlässt sich für seine Schlussfolgerungen, wann eine Bezeichnung als Teil des Titels betrachtet werden kann, in erster Linie auf Quellenmaterial streng offizieller Provenienz, d.h. auf Akten, Münzen und Siegel. Narrativen Quellengattungen begegnet er mit großer Vorsicht, da sie nicht den offiziellen Gebrauch eines Titels dokumentieren. Besondere Skepsis lässt er gegenüber Chroniken walten, die häufig erst in späteren Redaktionen erhalten sind, weshalb damit gerechnet werden muss, dass Begriffe aus der Zeit der Abschrift für frühere Perioden verwendet wurden. Untersucht werden die Selbstbezeichnungen der russischen Herrscher; Fremdbezeichnungen interessieren nur sekundär.

Der Autor geht chronologisch vor und untersucht zunächst die Entwicklung von „Fürst“ (knjaz’) zu „Großfürst“ (velikij knjaz’). In der Forschung ist unbestritten, dass die älteste bekannte Selbstbezeichnung für slavische Anführer, ob einer verwandtschaftlichen Gruppierung oder eines Staatsgebildes, knjaz’ lautete (bzw. dessen Entsprechungen in den jeweiligen Sprachen). Parallel dazu sind damals schon die Begriffe kagan, car’, velikij knjaz’, samoderžec zu finden, diese jedoch nicht als offizielle Titel, sondern als ehrende Bezeichnungen vorwiegend in narrativen Quellen.

Einen Knackpunkt stellt die Frage dar, ob für die Kiever Zeit die Bezeichnung velikij knjaz’ als Titel zu verstehen ist oder nur eine Ehrenbezeichnung darstellte. Der Autor weist darauf hin, dass sie nur in narrativen Quellen anzutreffen ist und in den Akten und auf Münzen fehlt. Er vertritt den Standpunkt, dass die Bezeichnung „Großfürst“ als Titel frühestens in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts erscheint. Der erste Fürst, der diesen Titel nachweislich führen konnte, war Vsevolod Jur’evič Bol’šoe Gnezdo (1176–1212) in Vladimir. In der Zeit der Mongolenherrschaft erhielt die Großfürstenwürde überragende Bedeutung und bezeichnete den ranghöchsten Herrscher. Da kein einziger jarlyk, der an die Großfürsten ausgegeben wurde, erhalten ist, wissen wir nicht, welche Terminologie die Tataren verwendeten.

Der Begriff samoderžec taucht zwar schon früh auf, wurde aber erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts Teil des Herrschertitels und bekam gemäß Filjuškin erst gegen Ende der betrachteten Periode die Bedeutung von absoluter Herrschaft.

Die Kapitel 3 bis 6 sind dem Zarentitel gewidmet. Das Ende von Byzanz und die Befreiung von der tatarischen Oberherrschaft – also eine doppelte Emanzipation Moskoviens – ebneten den Weg zur Aneignung dieses erhöhenden Titels, dessen Verwendung sich im 15. und in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts vor allem in bestimmten außenpolitischen Zusammen­hängen häufte, bis er 1547 mit der Krönung Ivans IV. offiziell angenommen wurde. In Polen, Litauen, dem Heiligen Römischen Reich, dem Vatikan und bei den Krimtataren, d. h. bei jenen Nachbarn, mit denen die Beziehungen ohnehin häufig angespannt waren, stieß dieser Titel auf kategorische Ablehnung. Andere Mächte, etwa England oder das Osmanische Reich, übernahmen dagegen die Titulatur ohne Weiteres.

Der Zusatz „der ganzen Rus’“ (vseja Rusi) war seit dem 14. Jahrhundert in Gebrauch, allerdings nicht – wie der Autor betont – als Programm zur Vereinigung, sondern um die Großfürsten von Vladimir gegenüber den anderen Fürsten herauszuheben. Erst im 16. Jahrhundert änderte sich die Bedeutung; nun sollte mit diesem Titel der Anspruch auf die ehemals zum Kiever Reich gehörigen Gebiete legitimiert werden.

Die überaus nützliche Studie ist insgesamt sehr sorgfältig und mit großer Quellenkenntnis durchgeführt. Sie ist eher formalistisch angelegt und geht weniger auf Inhalte und Bedeutungen ein. Im letzten Kapitel widmet sich der Autor aber der anregenden Frage nach den Kategorien der politischen Kultur im mittelalterlichen Russland und kommt zum Schluss, dass sie nicht dem juristischen Bereich entnommen sind, sondern der christlichen Ethik: ljubov’ – nelju­b’e, družbanedružba, bratstvonebratstvo, dobronedobro usw. Sie wurden damals auch im internationalen Verkehr ohne Weiteres verstanden, so dass Filjuškin den Schluss zieht, dass sie in der politischen Kultur des damaligen christlichen Europa universalen Charakter hatten.

Nada Boškovska, Zürich

Zitierweise: Nada Boškovska über: Aleksandr I. Filjuškin Tituly russkich gosudarej [Die Titel der russischen Herrscher]. Mosvka, S.-Peterburg: Al’jans-Archeo 2006. ISBN: 5-98874-011-1, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Boskovska_Filjuskin_Tituly_russkich_gosudarej.html (Datum des Seitenbesuchs)

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