Jahrbücher für Geschichte Osteuropas:  jgo.e-review 7 (2017), 2 Rezensionen online / Im Auftrag des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Verfasst von: Margarete Zimmermann

 

Alexander Agadjanian: Turns of Faith, Search for Meaning. Orthodox Christianity and Post-Soviet Experience. Frankfurt a. M. [usw.]: Lang, 2014. 321 S., 1 Tab., 4 Graph. = Erfurter Studien zur Kulturgeschichte des Orthodoxen Christentums, 8. ISBN: 978-3-631-63973-3.

Die religiöse Entwicklung im Osten Europas und auf dem gesamten vormals sowjetischen Gebiet Eurasiens erfreut sich seit Jahren steigenden Interesses. Durch verschiedene Disziplinen und aus verschiedenen Blickwinkeln wird das sehr heterogene Feld beackert, wenngleich sich die meisten Forschungen wie auch die vorliegende auf das Kerngebiet der ehemaligen Sowjetunion, nun die Russische Föderation, fokussieren. Das Werk von Alexander Agadjanian, Turns of Faith, Search of Meaning. Orthodox Christianity and Post-Soviet Experience, betrachtet vor allem die größte religiöse Gemeinschaft in Russland, nämlich die orthodoxe, in ihrer Interaktion mit der postsowjetischen Realität. Es bietet jedoch darüber hinaus weiterführende Anknüpfungspunkte. Bei dem in der Reihe der Erfurter Studien zur Kulturgeschichte des orthodoxen Christentums erschienenen Buch handelt es sich um eine Zusammenstellung von 13 bereits in den Jahren 2001–2013 erschienenen Artikeln des Autors, deren Originale zum Teil in Co-Autorschaft mit Kathy Rousselet (Kap. 9 und 13) und Victor Roudometof (Kap. 12) entstanden sind. Lediglich das 14. Kapitel basiert auf einem unpublizierten Vortrag aus dem Jahr 2010. Ergänzt wird das Buch durch eine kurze Einleitung und eine fast vierzigseitige Bibliographie, die einen gelungenen Überblick über die Entwicklung soziologischer und anthropologischer Forschung der letzten 25 Jahre zu den religiösen Phänomenen auf postsowjetischem Boden bietet.

Eine thematische Einordnung der Artikel in vier Hauptteile, Reshaping Religion after the Soviet Union, Religion in Russia: Main Discourses and Major Developments, Russian Orthodoxy and the Challenges of Late Modernity und Eastern Christianity and Russian Orthodoxy in Global Perspective lässt ein durchdachtes Konzept erkennen. Nach einer überblicksartigen allgemeinen Analyse religiöser Phänomene im gesamten postsowjetischen Raum und der Frage nach der Bindekraft neuer (und alter) religiöser Kräfte (Kap. 1–2) wird die grundsätzliche Situation in Russland genauer beschrieben (Kap. 3–5), um danach im zentralen Teil die Rolle der Orthodoxie in verschiedenen gesellschaftlichen Themenkomplexen unter die Lupe zu nehmen (Kap. 6–10). Abschließend wird der Blick wieder geweitet und die Russische Orthodoxie sowohl in globale orthodoxe als auch politische Vorgänge eingebettet (Kap. 11–14).

Zunächst bemüht sich Agadjanian um eine Positionsbestimmung des Religiösen in dem sich rapide wandelnden Umfeld des zusammenbrechenden Staatsatheismus; dabei verwahrt er sich mit Verweisen auf weitgehend friedliche nationalstaatliche Transformationen etwa in Tatarstan oder Zentralasien gegen mancherorts geäußerte Pauschalisierungen, religiöse Bewegungen hätten das nationale Konfliktpotential gesteigert (S. 27). Gleichzeitig identifiziert der Autor eine besondere Entwicklung im postsowjetischen Russland in Form der scheinbar paradoxen Überlappung privater und öffentlicher religiöser Verhaltensmuster, die aus einem „syndrome of missed Modernity“ resultierten, das durch „late modern (or high modern) condition“ überlagert worden sei (S. 108–109). Mit anderen Worten: Die dialogische Koexistenz der säkularen und religiösen Sphären, wie sie in Europa im 19. und 20. Jahrhundert ausgehandelt wurde, musste in der ehemaligen Sowjetunion sehr schnell unter den Rahmenbedingungen der globalisierten Welt und vermischter (blurred) Sphären des späten 20. und des 21. Jahrhunderts hergestellt werden. Hierbei argumentiert Agadjanian historisch und erklärt aus dieser nachholenden Entwicklung etwa die Spannung zwischen einerseits öffentlich und staatlich präsenter religiöser Symbolik und andererseits einem erbitterten und dogmatischen Laizitätsdiskurs.

An dieser Stelle ist vielleicht einer der wenigen Kritikpunkte an dieser insgesamt sehr lesenswerten Übersicht angebracht: Da die Einleitung, die eher ein Vorwort ist, nur drei Seiten umfasst, bleiben zentrale Begriffe nicht geklärt. So wird zwar Religion in ihrer vielfältigen Ausprägung überzeugend als ein „umbrella term referring to a higher source of meaning“ definiert und die Vorstellung des „religious revival“ nachvollziehbar als im postsowjetischen Fall irreführend abgelehnt (S. 8); wichtige Konzepte wie Identität, Nation sowie Spät-, Hoch- oder einfach Moderne werden jedoch unterschiedlich verwendet und müssen mangels grundsätzlicher Klärung aus dem Kontext des jeweiligen Beitrags erschlossen werden. So erfolgt erst zu Beginn des 10. Kapitels, das zugleich die neueste Publikation aus dem Jahr 2013 darstellt, ein expliziter Verweis auf die „religiöse Moderne“ Danièle Hervieu-Légers als Referenzpunkt (S. 191); deren Arbeiten werden indessen schon davor verschiedentlich zitiert.

Einen ausgesprochen gelungenen Abschluss bilden die letzten vier Kapitel, die zugleich auch von der wissenschaftlichen Breite der Forschung Agadjanians zeugen. Leider sind die im 11. Kapitel angeführten Zahlen der Christen in Ägypten und im gesamten Nahen Osten nicht mehr aktuell, da (Bürger‑)Kriege und Flucht viele christliche Gruppen fast gänzlich zerstört haben. Dennoch ist es ausgesprochen verdienstvoll, die Diversität der noch vorhandenen Orthodoxen Kirchen in West- und Osteuropa, von Griechenland über Rumänien bis Georgien, und ihre verschiedenen Antworten auf die Herausforderungen des globalisierten Zeitalters herausgearbeitet zu haben.

Die Beiträge des Bandes animieren zu weiteren Fragen – sei es theoretisch-konzeptioneller Art, sei es nach regionalen Spezifika der russischen oder anderer orthodoxer Kirchen. So ist zum Beispiel inzwischen in derselben Reihe die Dissertationsschrift von Alena Alshanskaya erscheinen, die sich mit dem Verhältnis der Russischen Orthodoxen Kirche zu Europa befasst (Der Europa-Diskurs der Russischen Orthodoxen Kirche (1996–2011). Frankfurt am Main 2016. = Erfurter Studien zur Kulturgeschichte des orthodoxen Christentums, 12). Für einen problemorientierten Zugriff wäre ein Namens- und Sachindex hilfreich gewesen, doch auch so handelt es um ein in jeder Hinsicht empfehlenswertes Werk zu vielfältigen Themenfeldern des orthodoxen Christentums.

Margarete Zimmermann, Jena

Zitierweise: Margarete Zimmermann über: Alexander Agadjanian: Turns of Faith, Search for Meaning. Orthodox Christianity and Post-Soviet Experience. Frankfurt a.M. [usw.]: Lang, 2014. 321 S., 1 Tab., 4 Graph. = Erfurter Studien zur Kulturgeschichte des Orthodoxen Christentums, 8. ISBN: 978-3-631-63973-3, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/erev/Zimmermann_Agadjanian_Turns_of_Faith.html (Datum des Seitenbesuchs)

© 2017 by Institut für Ost- und Südosteuropastudien in Regensburg and Margarete Zimmermann. All rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact jahrbuecher@ios-regensburg.de

Die digitalen Rezensionen von „Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. jgo.e-reviews“ werden nach den gleichen strengen Regeln begutachtet und redigiert wie die Rezensionen, die in den Heften abgedruckt werden.

Digital book reviews published in Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. jgo.e-reviews are submitted to the same quality control and copy-editing procedure as the reviews published in print.