Jahrbücher für Geschichte Osteuropas:  jgo.e-reviews 3 (2012), 2 Rezensionen online / Im Auftrag des Instituts für Ost- und Südosteuropastudien in Regensburg herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Verfasst von: Martina Winkler

 

Peter Hoffmann: Michail Vasil’evič Lomonosov (1711–1765). Ein Enzyklopädist im Zeitalter der Aufklärung. Frankfurt a.M. [etc.]: Lang, 2011. 298 S. ISBN: 978-3-631-61797-7.

Es gibt Themen und Personen der Vergangenheit, die weitgehend bekannt sind, möglicherweise gar als „Schlüsselpersonen“ der Geschichte gelten, zu denen Historiker aber dennoch bemerkenswert wenig publiziert haben. Eine solche Person ist, zumindest aus westlicher Perspektive, der Universalgelehrte des 18. Jahrhunderts Michail Lomonosov. Peter Hoffmann musste für sein Buch keine Grundlagenforschung betreiben, und es kann auch nicht darum gehen, Lomonosov dem Vergessen zu entreißen – dennoch handelt es sich hier fast um ein Erstlingswerk, denn in deutscher Sprache lag überraschenderweise bisher keine systematische Biographie Lomonosovs vor. Sowjetische und russische Historiker haben über Jahrzehnte hinweg unzählige Einzelstudien, Biographien und Editionen zu Lomonosov vorgelegt. Zahlreiche Untersuchungen, insbesondere zu den naturwissenschaftlichen Arbeiten Lomonosovs, sind auch in der DDR publiziert worden. Die ansonsten so reiche Russlandforschung Nordamerikas aber zeigt sich in Bezug auf Lomonosov auffällig zurückhaltend.

Nun also eine deutsche Biographie: Auf knapp dreihundert Seiten wird dem Leser – wobei nicht ganz deutlich wird, welcher Zielgruppe dieser Leser angehören soll – eine Darstellung von Lomonosovs Leben und Wirken an die Hand gegeben. Das Buch ist chronologisch und systematisch gegliedert, Abschnitte zu einzelnen Lebensphasen Lomonosovs werden ergänzt durch Kapitel zu seinen vielfältigen Arbeitsfeldern wie Mineralogie, Geschichte, Optik und Sprachwissenschaft. Eine überzeugende Strukturierung des Buches zu schaffen, dürfte zu den schwierigsten Aufgaben gehört haben: Weil Lomonosov eben nicht als „Astronom“, als „Chemiker“ und als „Historiker“ arbeitete, weil man seine feierlichen Oden an russländische Herrscher nicht von seiner naturwissenschaftlichen Arbeit abgrenzen kann, und weil tiefer Gottesglaube und experimentelle Forschung keineswegs Gegensätze bildeten, stoßen moderne Kategorien zu wissenschaftlichen Disziplinen, Politik und Religion hier schnell an ihre Grenzen. Hoffmann ist es weitgehend gelungen, die Kapitel übersichtlich zu strukturieren, ohne dem Inhalt allzu moderne Kriterien aufzuzwingen. Zwar fällt es auf, dass die religiöse Komponente erst sehr spät ins Spiel kommt, was vermutlich einem klassischen Bild von der zwangsläufig säkularen Aufklärung geschuldet ist, doch generell werden die Vielzahl und die Breite von Lomonosovs Arbeitsfeldern ebenso deutlich wie die Tatsache, dass diese Bereiche eng miteinander verwoben waren. Gleichermaßen nachvollziehbar werden die engen Verflechtungen der Wissenschaft in Moskau und vor allem St. Petersburg mit europäischen, insbesondere deutschen Forschungslandschaften. Die Bedeutung Christian Wolffs wird hervorgehoben, und auch auf die Konflikte zwischen dem in Russland arbeitenden Gerhard Friedrich Müller und Lomonosov, die Kontakte zu Leonhard Euler sowie die generell sehr intensive Wahrnehmung von Entdeckungen und Schriften in einer europäischen Gelehrtenrepublik werden dem Leser verständlich gemacht.

Peter Hoffmann ist mit seinen Ausführungen vor allem daran interessiert, Lomonosovs Wirken zu werten. Das Buch ist damit einer klassischen Wissenschaftsgeschichte verpflichtet: Was wurde wann von wem erfunden, wie sollen wissenschaftliche Leistungen bewertet werden? Der Autor diskutiert vor allem sowjetische Schriften und fragt nach der – jeweils aktuellen ebenso wie langfristigen – Bedeutung von Lomonosovs Wirken. Was war wirklich neu, welche Thesen konnten sich durchsetzen, wo konnte Lomonosov etwas ändern? Im Detail korrigiert Hoffmann dabei ältere Thesen, im Gesamtbild kommt er zum Fazit, Lomonosov habe ein „erfülltes Leben“ geführt, sei „ein Sohn seines Zeitalters“ geblieben (hier wird Lew Kopelew zitiert), habe aber viele Grundlagen gelegt, die später aufgegriffen und entwickelt wurden. Dies ist kaum überraschend, und so bietet dieses Buch weniger eine originelle Analyse als einen durchaus nützlichen Überblick, eine Zusammenstellung und zuweilen auch eine gute Erklärung vor allem physikalischer Zusammenhänge für den naturwissenschaftlich eher hilflosen Historiker. Neuere Ansätze einer kulturhistorisch informierten, eventuell auch aufklärungskritischen Wissenschaftsgeschichte werden weder rezipiert noch umgesetzt.

Auf verschiedenen Ebenen ist das Buch darüber hinaus irritierend inkonsequent, erscheint wenig durchdacht und schlecht lektoriert. Auf der einen Seite zeigt der Autor eine erstaunliche, oft übertriebene Liebe zum Detail: Weshalb wird hier eingeflochten, dass die Private Lomonosov-Schule in Berlin schulgeldpflichtig ist, wo genau sie liegt und welchem Träger sie unterstellt ist? Auf der anderen Seite wären beispielsweise bei den Ausführungen zum Normannisten-Streit einige Hintergrundinformationen durchaus wünschenswert gewesen: Der Kern und das eigentliche Problem der Debatte um die Ursprünge des russischen Staates werden mit keinem Wort erklärt. Auch die mehrfache Erwähnung der (gleichzeitig in Russland tätigen und damit durchaus verwechslungsanfälligen) Delisle-Brüder Joseph-Nicholas und Louis ohne die jeweiligen Vornamen ist verwirrend. Formal irritierend ist das Nebeneinander von kyrillisch geschriebenen Begriffen einerseits und Ortsbezeichnungen in der populären deutschen Transkription andererseits, ergänzt durch Personennamen in der wissenschaftlichen Umschrift. Es bleibt unklar, an wen Hoffmann sich eigentlich wendet: Die an Reiseprospekte erinnernden Einführungen einiger Kapitel legen eine eher breite Zielgruppe nahe, während die durchgehende Nutzung kyrillischer Buchstaben in Fußnoten und zuweilen im Fließtext den Nicht-Spezialisten abschrecken dürfte.

Insgesamt also ist es ausgesprochen erfreulich, dass nun eine Lomonosov-Biographie in deutscher Sprache vorliegt, auch wenn man hier keine moderne, innovative Wissensgeschichte erwarten sollte. Trotz der erwähnten Kritikpunkte wird das Buch als Hilfsmittel in Lehre und Forschung sicherlich nützlich werden.

Martina Winkler, Loughborough

Zitierweise: Martina Winkler über: Peter Hoffmann: Michail Vasil’evič Lomonosov (1711–1765). Ein Enzyklopädist im Zeitalter der Aufklärung. Frankfurt a.M. [etc.]: Lang, 2011. 298 S. ISBN: 978-3-631-61797-7, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/erev/Winkler_Hoffmann_Michail_Vasilevic_Lomonosov.html (Datum des Seitenbesuchs)

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