Jahrbücher für Geschichte Osteuropas:  jgo.e-reviews 5 (2015), 2 Rezensionen online / Im Auftrag des Instituts für Ost- und Südosteuropastudien in Regensburg herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Verfasst von: Gerhard Wettig

 

Masterpieces of History. The Peaceful End of the Cold War in Europe, 1989. Ed. by Svetlana Savranskaya / Thomas Blanton / Vladislav Zubok. Budapest, New York: Central European University Press, 2011. XLIV, 730 S., 16 Abb. = National Security Archive Cold War Readers. ISBN: 978-615-5053-40-5.

Wie war es möglich, dass das Regime der Sowjetunion, das wie kein anderes auf Gewalt gegründet war und sich stets darauf gestützt hatte, das äußere Imperium in Osteuropa aufgab, ohne zu Gewalt zu greifen? Das ist die Kernfrage. Zu ihrer Beantwortung enthält der Band sachkundige Einleitungen von Svetlana Savranskaya und Thomas Blanton, die Wiedergabe eines ausführlichen Gedankenaustauschs maßgeblicher Akteure (der Gorbačev-Mitarbeiter Anatolij Černjajev, Georgij Šachnasarov, Sergej Tara­sen­ko, auf amerikanischer Seite Botschafter Jack Matlock und CIA-Abteilungsleiter Douglas MacEachin) mit zeithistorischen Experten auf einer Tagung in Musgrove am 1.–3. Mai 1998 sowie 122 Schlüsseldokumente sowjetischer und anderer Provenienz. Alle diese Materialien beziehen sichebenso wie die beigefügte Chronologieauf die Entwicklungen vom Amtsantritt Gorbačevs 1985 bis zum Ende des Jahres 1989, als mit dem Sturz der kommunistischen Herrschaft in den bisherigen Gefolgschaftsstaaten der UdSSR das Ende des äußeren Imperiums vollzogen war.

Gorbačev hatte eine andere politische Prägung als die Führer der UdSSR vor ihm. Er stand zwar dem sozialistischen System seines Landes überaus kritisch gegenüber, war aber zugleich davon überzeugt, dass es dem Kapitalismus im Westen weit überlegen sei, wenn man sein wahres Wesen durch Beseitigung der Fehlentwicklungen entfalte. Dann werde es den Menschen Wohlstand bringen und ihre Zustimmung gewinnen. Die Verhinderung der darauf abzielenden Reformen in der Tschechoslowakei 1968 durch Brežnevs Militärintervention war demnach für alle sozialistischen Staaten und Gesellschaften verderblich. Das sollte unbedingt korrigiert werden. Es galt mithin, das große positive Potenzial des Sozialismus voll auszuschöpfen. Die Lösung der entstandenen Probleme sollte nicht länger durch gewaltsames Festhalten an den bisherigen Verhältnissen blockiert werden. Vor diesem Hintergrund erklärten Gorbačevs Mitarbeiter auf der Musgrove-Tagung überstimmend, er habe von Anfang an auf den Einsatz von Gewalt in Osteuropa verzichten wollen, aber lange Zeit davon abgesehen, dies zu verkünden. Wie es scheint, wollte er zunächst günstige Voraussetzungen für das Zustandekommen von Reformen schaffen.

Als Gorbačev die Führung der UdSSR übernahm, sah er sich einer umfassenden Krise im Innern und nach außen gegenüber. Es gab weder Programme noch Erfahrungen, wie sie zu überwinden sei. Er musste daher ohne Kenntnis der Konsequenzen seines Vorgehens handeln. Welcher Art diese waren, ließ sich erst nach geraumer Zeit ersehen. Dann aber hatte er sich mit der getroffenen Wahl so weit festgelegt, dass er die Richtung nur unter Verlust seiner Glaubwürdigkeit und des im In- wie Ausland gewonnenen Vertrauens hätte wechseln können. Zudem blieb er fast bis zuletztkurz vor der vertraglichen Auflösung des Warschauer Pakts und des Comecondavon überzeugt, dass sein Weg letzten Endes zum angestrebten Ziel der Stärkung des Sozialismus und des östlichen Zusammenhalts führen müsse.

Diese Zusammenhänge werden angesprochen vor allem in Savranskayas Einleitungskapitel und im Gespräch der politischen Akteure mit den wissenschaftlichen Experten, dessen Verlauf faszinierende Einblicke in die Gedankengänge und Aktivitäten auf sowjetischer Seite wie auch im Westen, namentlich bei den Amerikanern, bietet. Erhellend ist auch die Lektüre der Dokumente, die den Gang der Geschehnisse widerspiegeln. Im Zentrum von Blantons Einleitungskapitel steht der Vorwurf an die Adresse der USA, sie hätten zu lange gezögert, Gorbačevs Abrüstungsbemühungen zu unterstützen und damit deren Erfolg verhindert, solange sich dieser damit im eigenen Land noch hätte durchsetzen können. Ob es tatsächlich dazu gekommen wäre, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Sicher ist lediglich eine gewisse fast einjährigePause“ in den sowjetisch-amerikanischen Beziehungen, nachdem im Januar 1989 George H. W. Bush Präsident geworden war. Gorbačevs Ungewissheit wegen des weiteren Verhältnisses zur westlichen Führungsmacht wurde erst durch das Treffen mit Bush vor Malta im Dezember überwunden. Als dauernder Dissens blieb freilich dernunmehr in Anbetracht dringenderer Probleme zunehmend unwichtigeUmstand, dass die USA vom Ziel der kernwaffenfreien Welt abrückten, das Gorbačev mit Reagan verbunden hatte, sondern sichwie auch die sowjetischen Militärsauf den Standpunkt der nuklearen Abschreckung stellten.

Der Band stellt die Außen- und Sicherheitspolitik der ausgehenden achtziger Jahre als ein gelungenes Zusammenspiel der Akteure von Ost und West dar. Die künftige Forschung wird die darin enthaltenen Informationen unbedingt zu berücksichtigen haben. Wer immer zu einem verlässlichen Urteil über Gorbačevs Politik und die Auflösung des sowjetischen Imperiums kommen will, wird das Buch lesen und studieren müssen.

Gerhard Wettig, Kommen

Zitierweise: Gerhard Wettig über: Masterpieces of History. The Peaceful End of the Cold War in Europe, 1989. Ed. by Svetlana Savranskaya / Thomas Blanton / Vladislav Zubok. Budapest, New York: Central European University Press, 2011. XLIV, 730 S., 16 Abb. = National Security Archive Cold War Readers. ISBN: 978-615-5053-40-5, http://www.oei-dokumente.de/JGO/erev/Wettig_Savranskaya_Masterpieces_of_History.html (Datum des Seitenbesuchs)

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