Jahrbücher für Geschichte Osteuropas:  jgo.e-reviews 7 (2017), 1 Rezensionen online / Im Auftrag des Instituts für Ost- und Südosteuropastudien in Regensburg herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Verfasst von: Gerhard Wettig

 

The Revolutions of 1989. A Handbook. Ed. by Wolfgang Mueller / Michael Gehler / Arnold Suppan. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2015. 705 S. = Internationale Geschichte – International History, 2. ISBN: 978-3-7001-7638-1.

Inhaltsverzeichnis:

http://d-nb.info/1064337139/04

 

Der Sammelband enthält Beiträge über das revolutionäre Geschehen, das die Herrschaft der kommunistischen Parteien in Osteuropa beendete. Außer den Staaten des äußeren Imperiums der UdSSR, das den Weg der Auflösung beschritt, werden das außerhalb stehende Jugoslawien, die baltischen Sowjetrepubliken und sogar China berücksichtigt, das mit dem brutal niedergeschlagenen Protest auf dem Tiananmen-Platz in Peking ein Beispiel gab, das den osteuropäischen Akteuren auf beiden Seiten vor Augen stand, aber nur in Rumänien zum – dort scheiternden – Versuch der Nachahmung führte. In Ostmitteleuropa einschließlich der DDR sowie in Bulgarien setzte sich der politische Wandel wesentlich auf friedliche Weise durch, obwohl die Machthaber über die zur Unterdrückung der aufbegehrenden Opposition nötigen Sicherheitskräfte verfügten. Dafür waren vor allem zwei Ursachen bestimmend: Als Chef der sowjetischen Führungsmacht lehnte Gorbačev den Einsatz von Gewalt und die Einmischung in innere Verhältnisse ab. Der Sozialismus, den er auf friedliche Weise erneuern und zum Sieg befähigen wollte, hatte aber in Wirklichkeit wegen systembedingter Schwächen den Wettstreit mit dem Kapitalismus bereits verloren und konnte sich nicht mehr aus eigener Kraft wirtschaftlich behaupten. Schon lange hatte der Lebensstandard, mit dem die Bevölkerung einigermaßen zufriedengestellt worden war, auf hoher, ständig wachsender Verschuldung im Westen beruht, und inzwischen war in vielen Ländern, vor allem in der besonders wichtigen DDR, der Punkt erreicht, an dem der Bankrott, mithin die Unmöglichkeit weiterer Kredite, direkt bevorstand. Damit stand eine politisch nicht mehr zu bewältigende Absenkung des Lebensstandards zu erwarten – ein Problem, das sich mit der gewohnten Repression nicht mehr lösen ließ.

Der – deswegen überall im Osten außer in Jugoslawien errungene – Sieg über die alten Regime führte in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei nicht nur zur Befreiung von der sowjetischen Oberherrschaft und damit zu nationaler Unabhängigkeit, sondern auch zur demokratischen Transformation. In Rumänien und weithin auch in Bulgarien dagegen bestand die Veränderung vor allem in der (weiteren) Lösung der Bindungen an den Hegemon UdSSR, während sich im Innern ein Regime etablierte, das sich zwar nicht mehr auf die marxistisch-leninistischen Prinzipien der Parteidiktatur berief und mehr Freiheiten ließ als früher, aber autoritär war und insoweit nicht zum Westen tendierte. Jugoslawien und die DDR waren Sonderfälle, deren Gemeinsamkeit darin bestand, dass beide Staaten keine tragende nationale Identität besaßen und deswegen ihre Existenz beendeten. Alles andere – einschließlich der Art des nationalen Defizits und des daraus sich ergebenden Verlusts des staatlichen Status quo – war gegensätzlich. Jugoslawien war ein Vielvölkerstaat, der sich in einzelne Bestandteile auflöste, während die DDR ihr Dasein beendete, weil ihre Bevölkerung zur größeren deutschen Nation gehörte und auf dieser Grundlage den Zusammenschluss mit der Bundesrepublik suchte. Das geschah, als die Kommunisten die Macht durch die friedliche Revolution verloren. In Jugoslawien dagegen gab es keinen revolutionären Umsturz, und das alte Regime griff zu militärischer Gewalt, als nationale Kräfte unter dem Eindruck des sich ringsum vollziehenden Wandels nach Selbständigkeit strebten, und in der Auseinandersetzung mit nationalen serbischen Zielen ein langer, blutiger Bürgerkrieg begann, der die staatliche Einheit restlos zerstörte. Auch wenn der Ceauşescu-Clan keineswegs vor dem Gebrauch von Gewalt zurückschreckte, blieb Rumänien das Schicksal einer anhaltenden bewaffneten Auseinandersetzung erspart, weil der Herrscher die Unterstützung der Sicherheitsapparate verlor und rasch beseitigt wurde.

Der Sammelband besteht aus drei Hauptteilen, welche die Aufsätze über den Verlauf des Geschehens in den einzelnen Ländern, die Reaktionen der Staaten im Westen unter Einschluss des neutralen Österreichs und eine Reihe folgender Entwicklungen darstellen. Vorangestellt ist eine Einleitung von Wolfgang Mueller mit knappen Inhaltswiedergaben der Beiträge. Den Schluss bilden kurze Betrachtungen von Michael Gehler zu den Forschungsergebnissen und Standpunkten, die in dem Band zum Ausdruck gebracht werden, eine von ihm und Arnold Suppan verfasste Chronologie über Ereignisse der Zeit von 1975 bis 2014, die natürlich erst ab Gorbačevs Amtsantritt 1985 in großem Umfang relevant erscheinen, wobei der Schwerpunkt auf der Zeit von 1989 bis 1995 liegt, sowie eine umfangreiche Bibliographie, ein Abkürzungsverzeichnis, ein kombiniertes Personen- und Sachregister und Angaben zu den Autoren des Bandes.

Der erste Hauptteil (Revolutions) enthält Beiträge über Gorbačev und sein „neues Denken“ (Andrei Grachev), die gebremste Revolution in Polen (Klaus Bachmann), den Machtverzicht und die Bereitschaft zur Teilung der Macht seitens der ungarischen Kommunisten (Andreas Oplatka), die Bedeutung der blutigen Repression auf dem Tianan­men-Platz für die Entwicklungen in Osteuropa (Péter Vámos), die Revolution in der DDR (Hans-Hermann Hertle), die anschließende Transformation der Tschechoslowakei (Jiří Suk), das Ende der kommunistischen Herrschaft in Bulgarien (Ulf Brunnbauer), den gewaltsamen Umsturz in Rumänien (Anneli Ute Gabanyi) und die „Singende Revolution“ in den drei baltischen Sowjetrepubliken (Karsten Brüggemann).

Im zweiten Hauptteil (Reactions) finden sich Beiträge über die Haltung der Supermächte 1989 (Norman M. Naimark), die Frage der Verursachung durch die UdSSR (Ella Za­do­rozh­nyuk), die das Verhalten der USA bestimmenden konzeptionellen Vorstellungen und das nachdrückliche Eintreten von Präsident George H. W. Bush für die deutsche Einheit (Philip Zelikow), Gorbačevs sich sukzessive dazu verändernde Haltung (Wolf­gang Mueller), die heftige, dann aber notgedrungen aufgegebene Ablehnung der britischen Premierministerin Margret Thatcher (Klaus Larres), die auf widerwilliger Einsicht beruhende und an die Bedingung zusätzlicher europäischer Bindungen geknüpfte Zustimmung des französischen Staatspräsidenten François Mitterrand (Georges Saunier) und des italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti (Antonio Varsori), die Beziehungen Österreichs zu seinen osteuropäischen Nachbarn (Arnold Suppan) und seine Haltung zur Revolution im Osten und zur deutschen Wiedervereinigung (Michael Geh­ler).

Die Aufsätze des dritten Hauptteils (Aftermath) befassen sich mit den nachfolgenden gesellschaftlichen Veränderungen in Osteuropa (Dieter Segert), mit der rückblickenden Sicht der bulgarischen Öffentlichkeit (Liliana Deyanova), mit der „Archiv­revolution“ in der UdSSR infolge der Revolution von 1989 (Mikhail Prozumenshchikov), mit den Anfängen der NATO-Osterweiterung (Stanley R. Sloan), mit der Ausdehnung der Europäischen Union auf Osteuropa in den Jahren bis 2009 (John O’Brennan) und mit Reflexionen über die Bedeutung der epochalen Veränderungen von den osteuropäischen Revolutionen 1989 bis zum Ende der Sowjetunion 1991 (Horst Möller).

Die – durch Gorbačevs Haltung ermöglichten, partiell auch unterstützten – revolutionären Kernereignisse im äußeren Imperium der UdSSR waren der politische Wandel in Polen und Ungarn 1988/89, der Sieg der friedlichen Opposition in der DDR, der unvorhergesehene Fall der Berliner Mauer, Bundeskanzler Kohls Entscheidung für das Ziel der deutschen Einheit (statt das Geschäft „menschliche Erleichterungen“ gegen Kasse fortzusetzen und damit das kollabierende sozialistische System zu retten) und das daraus sich ergebende Ende des ostdeutschen Staates. Denn die Wiedervereinigung wurde unausweichlich, weil die UdSSR dem SED-Regime nicht zu helfen vermochte, die Bevölkerung den raschen Zusammenschluss mit der Bundesrepublik wollte, US-Präsident Bush Kohls Politik von Anfang an voll unterstützte und gegen alle Widerstände durchsetzte, die sich sowohl im Westen, vor allem bei Margret Thatcher, als auch auch im Kreml regten, weil man sich dort dessen bewusst war, dass mit der DDR und den dort in großer Zahl stationierten sowjetischen Truppen eine nicht zu ersetzende geopolitische Klammer des Warschauer Pakts wegfallen würde. Gorbačev war aber noch mehr auf die Zusammenarbeit mit den beiden Staaten angewiesen, die sich am stärksten für die Wiedervereinigung einsetzen: Die USA waren als Sicherheitspartner unverzichtbar, und die Bundesrepublik leistete die wirtschaftliche Unterstützung, die der Sowjetunion über die akuten Versorgungsnöte des Jahres 1990 hinweghalf.

Im Ringen um die deutsche Einheit ging es zugleich um die Zugehörigkeit des vereinig­ten Landes zur NATO. Die Westmächte waren sich – ebenso Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn als Verbündete der UdSSR – darüber einig, dass es in der Mitte Europas nicht so wie in den fatalen Jahrzehnten nach dem Ersten Weltkrieg einen ungebundenen großen Staat geben dürfe, dessen unvorhersehbare Wendungen die internationale Sicherheit und Stabilität bedrohen würden. Diesem Risiko musste man durch die Einbindung in die atlantische Allianz vorbeugen. Diese wurde auch von Kohl und der Bundesregierung gewollt, weil sich auf diese Weise gewährleisten ließ, dass Deutschland nicht wieder ringsum von Feinden umgeben sein werde. Gorbačev musste nachgeben. Damit akzeptierte er auch, dass sich der Warschauer Pakt nicht aufrechterhalten ließ, denn die im Zuge des Umbruchs in Osteuropa an die Macht gekommenen neuen Eliten waren – anders als erhofft – nicht bereit, ihn fortzusetzen, selbst wenn künftig ihre Selbständigkeit und Mitbestimmungskompetenz gewahrt würde. Sie wollten die Bindung an Moskau loswerden und sich dem Westen zuwenden. Weil Gorbačev das fast bis zuletzt nicht erkannte, versäumte er es, sich rechtzeitig um die Zusage zu bemühen, dass sich die NATO nicht über die deutsche Grenze hinaus nach Osten ausdehnen werde. Als er in den abschließenden Verhandlungen mit den Warschauer-Pakt-Staaten über die Auflösung des Bündnisses darum nachsuchen ließ, war es zu spät. Der Abschied vom äußeren Imperium erfolgte ohne Gegenleistung.

Der Band wird der zugrunde gelegten Absicht eines Handbuchs voll gerecht, denn der Wissensstand wird sachlich und klar zusammengefasst und durchweg mit Literatur- und Quellenhinweisen belegt. Die Autoren stützen sich in aller Regel auf thematisch einschlägige eigene Studien, ohne sich von ihnen einseitig leiten zu lassen. Dem Leser wird auf diese Weise ein umfassendes Bild des Geschehens und der Zusammenhänge geboten. Besonders wichtig ist, dass nicht nur die sprachlich gut zugänglichen englischen und amerikanischen, deutschen und französischen Werke berücksichtigt werden. Außer den Arbeiten anderer westlicher Provenienz wird vor allem einbezogen, was in den betroffenen osteuropäischen Ländern selbst – in Polen, in der Tschechoslowakei, in Serbien, Kroatien und Slowenien, in Ungarn und in den baltischen Staaten – in den kaum bekannten dortigen Sprachen erschienen ist und weithin auf deswegen ebenfalls kaum bekannten einheimischen Quellen beruht. Diese zusätzliche Innenperspektive der Darstellung ermöglicht immer wieder Einsichten, die allein aufgrund von Zeugnissen aus anderen Ländern nicht zu gewinnen sind. Auch aus diesem Grund ist der Sammelband sowohl zeithistorischen Fachleuten und als auch einem breiteren Publikum zur Lektüre zu empfehlen.

Gerhard Wettig, Kommen

Zitierweise: Gerhard Wettig über: The Revolutions of 1989. A Handbook. Ed. by Wolfgang Mueller / Michael Gehler / Arnold Suppan. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2015. 705 S. = Internationale Geschichte – International History, 2. ISBN: 978-3-7001-7638-1, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/erev/Wettig_Mueller_The_Revolutions_of_1989.html (Datum des Seitenbesuchs)

© 2017 by Institut für Ost- und Südosteuropastudien in Regensburg and Gerhard Wettig. All rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact jahrbuecher@ios-regensburg.de

Die digitalen Rezensionen von „Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. jgo.e-reviews“ werden nach den gleichen strengen Regeln begutachtet und redigiert wie die Rezensionen, die in den Heften abgedruckt werden.

Digital book reviews published in Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. jgo.e-reviews are submitted to the same quality control and copy-editing procedure as the reviews published in print.