Jahrbücher für Geschichte Osteuropas:  jgo.e-reviews 8 (2018), 1 Rezensionen online / Im Auftrag des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Verfasst von: Anti Selart

 

Drevnejšie gosudarstva Vostočnoj Evropy – The Earliest States of Eastern Europe. 2014 god: Drevnjaja Rus i srednevekovaja Evropa. Vozniknovenie gosudarstv – 2014: Old Rus and Medieval Europe. The Origin of States. Otv. red. T. N. Džakson. Moskva: Russkij fond Sodejstvija Obrazovaniju i Nauke, 2016. 623 S. ISBN: 978-5-91244-147-9.

Inhaltsverzeichnis:

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Der Band des renommierten Jahrbuchs ist der Frage der Entstehung und Herausbildung der frühen Staaten in Europa gewidmet. Er basiert hauptsächlich auf den Vorträgen einer Tagung am Institut für Allgemeine Geschichte der Russländischen Akademie der Wissenschaften, die 2012 in Moskau stattfand. Die Autoren der auf Russisch, Englisch und Deutsch verfassten Aufsätze präsentieren Forschungsergebnisse nicht nur aus Russland, sondern auch aus der Ukraine, Bulgarien, Großbritannien, Deutschland, Estland, Polen und Norwegen. Zusätzlich befindet sich im Band die russische Übersetzung eines Kapitels aus der Publikation des niederländischen Sozialanthropologen Henri J. M. Claes­sen The Early State (1978). Dieses übersetzte Kapitel wird ergänzt durch eine von Nikolai N. Kradin verfasste Zusammenfassung des heutigen relevanten Forschungsstandes.

Ein Block der Beiträge thematisiert die Staatsentstehung besonders in Skandinavien und im angelsächsischen Bereich sowie in Bulgarien. Er ist als Vergleichsmaterial zum Hauptteil des Buches zu betrachten, der der frühen Geschichte der Ostslaven gewidmet ist. Petr P. Toločko verteidigt die These von der eigenständigen Herausbildung der ostslavischen Staatlichkeit vor der Invasion der Waräger und verwirft die in der letzten Zeit von einigen russländischen Wissenschaftlern vorgestellte Hypothese, der zufolge nicht Kiew, sondern Novgorod oder Staraja Ladoga als erste Hauptstadt der Alten Rus gelten könne. Marika Mägi behandelt in einem interessanten, aber diskussionsbedürftigen Aufsatz die Rolle der ostseefinnischen Völker in der Entstehungsgeschichte der Kiewer Rus. Sie identifiziert das altrussische Ethnonym čud mit den damaligen Einwohnern des estnischen Binnenlandes. Während die Einwohner des Küstengebietes und der estnischen Inseln sehr eng mit Skandinavien verbunden gewesen seien, hätten die Tschuden im 9.–10. Jahrhundert unter der Oberherrschaft von Garđaríki gestanden. Um das Jahr 1000, als sich die Kommunikationsmuster der Region veränderten und der skandinavische Einfluss in der Rus zurückging, traten die Tschuden in den Quellen nicht mehr als Bundesgenossen, sondern als Feinde der Rus in Erscheinung.

Laut Natal’ja V. Enisova und Tamara A. Puškina war Gnezdovo bei Smolensk keine Siedlung der Kaufleute oder Krieger, sondern eine von Bauern und Handwerker dominierte Niederlassung, die dennoch umfangreiche Handelsbeziehungen aufwies, besonders mit dem Orient, aber auch direkte Kontakte mit Byzanz besaß. Der Untergang von Gnezdovo um 1000 stand mit der Knappheit des östlichen Silbers und der zunehmenden Vormachtstellung Kiews in Zusammenhang. Anton A. Gorskij behauptet, dass im Laufe des 10. Jahrhunderts in den lokalen Zentren der Rus die posadniki von den Kiewer Fürsten eingesetzt worden seien, dass also schon damals eine staatliche Administration vorhanden gewesen sei. Boris N. Florja typologisiert die Phasen der Entstehung der Staatlichkeit in Pommern im 12. Jahrhundert. Sein Ergebnis ist, dass sie mit einer gewissen Verzögerung der Entwicklung im slavischen Ost- und Mitteleuropa entspricht und die pommerschen Quellen also als Vergleichsmaterial für die Erforschung der Entstehung der slavischen Staaten in den früheren Perioden retrospektiv verwendbar sind.

Jonathan Shepard weist auf die Analogien in der Chronistik des 11. und 12. Jahrhunderts in der Rus, in Byzanz und in England hin. Auch in den Werken, die die weltliche Macht legitimieren sollten, üben die klerikalen Autoren gelegentlich Kritik an den Herrschern. Ian Wood fasst die Tätigkeit der katholischen Missionare der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts in Osteuropa zusammen. Betont werden die politischen Intentionen der Ottonen und der polnischen Fürsten in Zusammenhang mit der Mission und die unterschiedlichen Möglichkeiten der zum Martyrium bereiten Geistlichen, sich in einer fremden Gesellschaft zu behaupten. Nach Andrzej Poppe gab es aber keine besondere ottonische Ostpolitik, die die Kiewer Rus im Blickfeld gehabt hätte. Sie wird auch nicht von den Kontakten der Kaiser mit der Fürstin Olga bewiesen. Poppe erläutert auch die Umstände, unter welchen zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Moskau die Quellen zur angeblichen päpstlichen Gesandtschaften des 10. Jahrhunderts nach Kiew fabriziert wurden. Im wohl innovativsten Beitrag des Bandes erläutert Aleksandr E. Musin die Umstände der Heirat zwischen König Heinrich I. von Frankreich und Anna, der Tochter des Großfürsten Jaroslav von Kiew 1051. Der Verfasser verneint weitreichende geopolitischen Pläne hinter dieser Eheschließung. Es ging nicht um eine altrussisch-französische Allianz, sondern um eine Kooperation zwischen Heinrich I. von Frankreich und König Harald III. von Norwegen, der mit Elisabeth, der Schwester Annas, verheiratet war, wobei die Kooperation gegen die Normandie sowie gegen Flandern und England gerichtet war. Zusätzlich behandeln Nikolaj A. Alekseenko und Valerij E. Naumenko die byzantinische Administration im Schwarzmeerraum im 8.–12. Jahrhundert.

Erwähnenswert ist weiter die Bibliographie der wissenschaftlichen Publikationen der Mitarbeiter des Zentrums Das östliche Europa in der antiken und mittelalterlichen Welt des Instituts für Allgemeine Geschichte aus den Jahren 2006–2014. Insgesamt findet man im Jahrbuch sowohl einen zusammenfassenden Überblick über die aktuelle west- und südeuropäische Forschung, die vor allem für den russischen Leser bestimmt ist, als auch Forschungsansätze von unterschiedlicher Originalität.

Anti Selart, Tartu

Zitierweise: Anti Selart über: Drevnejšie gosudarstva Vostočnoj Evropy – The Earliest States of Eastern Europe. 2014 god: Drevnjaja Rus’ i srednevekovaja Evropa. Vozniknovenie gosudarstv – 2014: Old Rus’ and Medieval Europe. The Origin of States. Otv. red. T. N. Džakson. Moskva: Russkij fond Sodejstvija Obrazovaniju i Nauke, 2016. 623 S. ISBN: 978-5-91244-147-9, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/erev/Selart_Dzakson_Drevnejsie_gosudarstva_2014.html (Datum des Seitenbesuchs)

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