Jahrbücher für Geschichte Osteuropas:  jgo.e-reviews 2 (2012), 2 Rezensionen online / Im Auftrag des Instituts für Ost- und Südosteuropastudien in Regensburg herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Verfasst von: Tanja Penter

 

A. Ja. Livšin, I. B. Orlov: Sovetskaja propaganda v gody Velikoj Otečestvennoj Vojny: „Kommunikacija ubeždenija“ i mobilizacionnye mechanizmy. [Die sowjetische Propaganda während des Großen Vaterländischen Krieges: „Vergewisserungskommunikation“ und Mechanismen der Mobilisierung.] Moskva: Rosspėn, 2007. 806 S. = Dokumenty sovetskoj istorii. ISBN: 978-5-8243-0925-6.

Die Bedeutung der Propaganda für die Mobilisierung der Sowjetbevölkerung und deren spezifische Wirklichkeitsrezeption unter der Herrschaft Stalins ist von der Stalinismusforschung schon länger erkannt worden. Die Sowjetunion unter Stalin war, wie die Forschung betont hat, zugleich „Propagandastaat“ (Vgl. u. a. Peter Kenez: The Birth of the Propaganda State. Soviet Methods of Mass Mobilization, 1917-1929. Cambridge 1985) und „Mobilisierungsdiktatur“ (Vgl. Manfred Hildermeier: Geschichte der Sowjetunion 19171991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates. München 2001), in der die Gleichschaltung der Köpfe mit Hilfe von Presse, Rundfunk, Film, Literatur, Massenaufmärschen, Personenkult, Architektur, Wissenschaft und Kunst vorangetrieben wurde und alle Bereiche des Alltags der Sowjetbürger durchdrang. Es mangelt bisher jedoch an einer umfassenden Untersuchung der sowjetischen Propaganda im Zweiten Weltkrieg (mit Fokus auf die Generierung einer russisch nationalen Identität vor allem David Brandenberger: National Bolshevism. Stalinist Mass Culture and the Formation of Modern Russian National Identity, 19311956, Cambridge, Mass. 2002). Der von Aleksandr Livšin und I. B. Orlov für die Reihe „Dokumente zur sowjetischen Geschichte“ zusammengestellte und von Dietrich Beyrau eingeleitete Quellenband zu den Funktionsweisen der sowjetischen Propaganda im Zweiten Weltkrieg trägt dazu bei, diese Lücke zu schließen.

Die in der Quellensammlung abgedruckten 264 Dokumente stammen aus den einschlägigen Beständen der zentralen Moskauer Staatsarchive, dem Staatsarchiv der Russländischen Föderation (GARF) und dem Russländischen Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte (ehemaliges Parteiarchiv/RGASPI). Ausgewertet wurden vor allem die Bestände der Propaganda- und Zensurbehörden: der Nachrichtenagentur TASS, des Staatskomitees für Fernsehen und Radio, des Sowjetischen Informationsbüros (Sov­inform­bjuro), der Hauptverwaltung für Literatur (Glavlit), der Abteilung für Propaganda und Agitation des ZK der Kommunistischen Partei und der Künstler-Gewerkschaft. Es handelt sich zumeist um erstmals veröffentlichte Dokumente.

Die Funktionsweisen der Propaganda werden in dem Band aus mehrfacher Perspektive betrachtet: Zum einen werden der Aufbau des sowjetischen Propagandaapparates, seine Personalstruktur, Arbeitsweisen und Methoden in den Blick genommen; zum anderen wird aber auch versucht, die Rezeptions- und Wirkungsebene der Propaganda über Briefe und Stimmungsberichte einzufangen. Die Propaganda wird hier als komplexer wechselseitiger Kommunikationsprozess verstanden.

Der Band untergliedert sich in vier große thematische Kapitel: Das erste, kürzere Kapitel ist der Vorkriegspropaganda gewidmet, wobei insbesondere die sowjetische Ignorierung der Kriegsgefahr sichtbar wird. Die folgenden drei Unterkapitel betrachten die Propaganda der Kriegszeit im Hinblick auf institutionelle Strukturen und Kader, Formen und Methoden sowie Effektivität, Rezeption und Wirkung. Die ausgewählten Dokumente ermöglichen Aussagen über die Arbeitsweisen und Methoden, über Produktionsumfang, Verbreitung, zentrale Muster und Sprache sowie über die Rezeption der sowjetischen Propaganda. Der betrachtete Rahmen der Propagandatätigkeit erstreckt sich auf die in Presse, Literatur, Radio, Kino, Flugblättern oder auch in mündlicher Übermittlung verbreitete Propaganda für die Sowjetbürger. Nicht berücksichtigt wurde hingegen die Propaganda für das Ausland.

Die Quellensammlung vermittelt den Fachleuten für zahlreiche Einzelaspekte der Kriegspropaganda erhellende Einsichten, beispielsweise über die Vorgaben der Zensurbehörden, die vorschrieben, über welche Ereignisse berichtet werden durfte und welches Bild der deutschen Feinde verbreitet werden sollte.

In mehreren Dokumenten werden auch die Grenzen, infrastrukturellen Mängel und professionellen Defizite des „Propagandastaates“ sichtbar, der unter anderem an einem Mangel an Propagandaexperten litt, wie Beyrau betont (S. 32). In den Kriegsjahren wurden daher etwa 1.000 Schriftsteller als Kriegskorrespondenten für die Propagandaabteilungen rekrutiert. Prominente Autorenpersönlichkeiten wie Il’ja Ėrenburg konnten sogar weitgehend unbehelligt von der Zensur ihre Arbeiten publizieren, was für die Mehrzahl der Autoren jedoch nicht zutraf.

Auch das gewandelte Verhältnis zwischen Propaganda und Religion wird in einigen Dokumenten deutlich: Die stalinistische Antireligionspropaganda erfuhr in den Kriegsjahren eine Aufweichung hin zu größerer Toleranz, da Stalin die Kirche nun für die patriotische Mobilisierung der Bevölkerung instrumentalisieren wollte. Zugleich reagierte er damit auch auf die tolerantere Religionspolitik in den von den Deutschen besetzten Gebieten.

Einige der Dokumente enthalten Nachrichten über die Verbrechen der Deutschen im besetzten Gebiet, die ein zentrales Thema der sowjetischen Kriegspropaganda darstellten. Vermissen wird man jedoch eine systematische Beschäftigung mit der wichtigen Frage nach dem Informationsgehalt der sowjetischen Propaganda im Hinblick auf den deutschen Massenmord an den Juden. Wie eine jüngere Untersuchung gezeigt hat, wurde der Holocaust in den ersten Kriegsmonaten durchaus in der sowjetischen Presse- und Radioberichterstattung thematisiert. Erst seit 1942 nahm die Berichterstattung über jüdische Opfer dann immer weiter ab bzw. sie wurde allgemein unter den Verlusten in der „friedlichen sowjetischen Zivilbevölkerung“ zusammengefasst. Vermutlich geschah dies, weil die sowjetische Führung zunehmend antisemitische Tendenzen in der sowjetischen Bevölkerung feststellte. (Karel Berkhoff hat diese Frage in einem Beitrag umfassend untersucht und kommt in Abgrenzung zu älteren Arbeiten zu dem Ergebnis, dass das sowjetische Lese- und Radiopublikum in den ersten Kriegsmonaten durchaus die Möglichkeit besaß, sich über die Ermordung der Juden zu informieren. Vgl. Karel C. Berkhoff: „Total Annihilation of the Jewish Population“. The Holocaust in the Soviet Media, 19411945, in: Kritika 10, (2009), H. 1, S. 61105.)

Die spezifische Semantik und die Muster und Mythen der sowjetischen Kriegspropaganda werden in der Edition vor allem anhand von Textbeispielen deutlich gemacht, während den bildlichen Ausdrucksformen, also der Ikonographie der Kriegspropaganda, nur wenige Beispiele (ausschließlich im Schwarz-Weiß-Abdruck) gewidmet sind.

Gelungen erscheint der Versuch, im abschließenden Kapitel auch die Rezeptions- und Wirkungsebene der Propaganda einzufangen. In Briefen von Sowjetbürgern oder auch in Stimmungsberichten der Parteiorgane und Zensurbehörden werden insbesondere die operativen und systemimmanenten Probleme der Propaganda und die Mechanismen der Mobilisierung deutlich. Vor besonderen Herausforderungen stand der Propagandaapparat beispielsweise angesichts von katastrophalen Lebensbedingungen der evakuierten Familien von Frontkämpfern oder auch spezifischen Erfahrungen der Bevölkerung in den zeitweilig von den Deutschen besetzten Gebieten.

Im Anhang besitzt der Band eine umfangreiche Auswahlbibliographie zu (seit 1990 erschienenen) Quellen und Forschungsliteratur sowie ein hilfreiches Namensregister. Die Quellensammlung stellt eine wichtige Ergänzung der zentralen Dokumenteneditionen zum „Großen Vaterländischen Krieg“ dar und wird bei allen, die sich mit seiner Geschichte beschäftigen, auf großes Interesse stoßen.

Tanja Penter, Hamburg

Zitierweise: Tanja Penter über: A. Ja. Livšin, I. B. Orlov: Sovetskaja propaganda v gody Velikoj Otečestvennoj Vojny: „Kommunikacija ubeždenija“ i mobilizacionnye mechanizmy. [Die sowjetische Propaganda während des Großen Vaterländischen Krieges: „Vergewisserungskommunikation“ und Mechanismen der Mobilisierung.] Moskva: Rosspėn, 2007. 806 S. = Dokumenty sovetskoj istorii. ISBN: 978-5-8243-0925-6, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/erev/Penter_Livsin_Propaganda.html (Datum des Seitenbesuchs)

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