Jahrbücher für Geschichte Osteuropas:  jgo.e-reviews 6 (2016), 3 Rezensionen online / Im Auftrag des Instituts für Ost- und Südosteuropastudien in Regensburg herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Verfasst von: Reinhard Nachtigal

 

Invalidy i vojna. Invalidy Pervoj mirovoj vojny. Istoričeskie i nravstvennye uroki. Materialy II Meždunarodnoj naučno-praktičeskoj konferencii (29–30 nojabrja 2012 g., Moskva). Pod. red. S. S. Stepanova i E. Ju. Sergeeva. Moskva: Izdat. MNĖPU, 2013. 382 S., Abb. ISBN: 978-5-7383-0379-1.

Kriegsinvaliden sind selten Gegenstand der Forschung; erst seit der hundertjährigen Wiederkehr des Beginns des Ersten Weltkriegs holt sie die Wissenschaft verstärkt aus dem Dunkel des Vergessens. Von den Invaliden der Zarenarmee scheint insbesondere zu gelten, dass sie als Opfer des „imperialistischen Kriegs“ auch später im Sowjetstaat wenig wissenschaftliche Beachtung erfuhren. Den Invaliden der Roten Armee des Bürgerkriegs waren sie materiell nachgestellt, wenn auch eine rudimentäre Versorgung für sie vorgesehen war, die allerdings wegen der Versorgungskrise der Bürgerkriegszeit und der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts vor allem von Angehörigen und Dorfgemeinschaft geleistet wurde. So greift der Leser erwartungsfroh zu dem aufwändig gestalteten Sammelband einer Konferenz, die im Spätjahr 2012 in Moskau zu „historischen und ethischen Lektionen“ des Themenkomplexes abgehalten und von einer Fotoausstellung begleitet wurde. Als erstes fällt hier auf, dass der Sammelband nicht nur 22 Beiträge von unterschiedlichster Länge enthält, sondern in einer zweiten Abteilung historische Quellentexte abgedruckt sind, die von Zeitgenossen – oft als Memoirenfragmente – verfasst wurden. Sie beschreiben teilweise Personen des Zarenhauses, die im Krieg im Sinne der russischen blagotvoritel’nost’ tätig wurden, vor allem aber auch Personen und Dinge, die mit dem Thema nicht im entferntesten zu tun haben. Beschlossen wird dieser mit einer Empfehlung der Konferenzteilnehmer – an die staatlichen Organe der Russländischen Föderation? –, das Gedenken an die Opfer des Ersten Weltkriegs zu verewigen und die Forschung zu den Invaliden zu unterstützen.

Nicht nur in seiner strukturellen Anlage zerfällt der Band in zwei sehr verschiedene Teile. Schnell gewärtigt man auch krasse inhaltliche und qualitative Unterschiede bei den Aufsätzen, wobei sich manche Autoren auf eine Wiederholung der russischen Weltkriegspropaganda und älterer Quellen beschränken, was an die russische „Reprintomanie“ seit den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gemahnt. Die meisten Beiträger kommen ohne die Rezeption neuerer, geschweige denn ausländischer Publikationen aus. Dem Rezensenten erleichtert dieses Faktum seine Arbeit, da es sich nicht lohnt, solche Beiträge zu erwähnen, ganz abgesehen davon, dass einige das Thema vollständig verfehlen. Hier sollen nur die Artikel besprochen werden, die für die Forschung tatsächlich einen Erkenntnisgewinn darstellen.

Irina Pavlova (Krasnojarsk) greift politische und rechtliche Voraussetzungen für Hilfsorganisationen in der Zarenzeit und nach der Oktoberrevolution auf, die sich den Kriegsinvaliden widmeten. Bis 1917 waren diese Organisationen sehr verschieden, voneinander und von einer koordinierenden Zentralbehörde unabhängig und vom russischen Wohltätigkeitsgedanken angetrieben. Interessant ist hier, dass noch im Krieg versucht wurde, von den Erfahrungen im Umgang mit Invaliden beim Kriegsgegner Deutschland zu lernen. Das hat den Beschluss der Provisorischen Regierung mit beeinflusst, die zahlreichen privaten bzw. gesellschaftlichen Invalidenasyle in staatliche Aufsicht zu überführen und die Versorgung von staatlicher Seite zu leisten. Der Prozess führte 1918 zur Auflösung der vorrevolutionären gesellschaftlichen Einrichtungen und zur Zentralisierung der Hilfeleistung, indem die Kriegsinvaliden den „Invaliden der Arbeit“ gleichgestellt wurden.

Oksana Nagornaja (Čel’jabinsk) vergleicht den Umgang mit kriegsgefangenen Invaliden in Russland und Deutschland in ihren Heimatländern. Sie betont, dass in Deutschland das Problem offensiv angegangen wurde und Invalide so bald wie möglich ihrem beruflichen Lebensalltag zugeführt werden sollten, während im zarischen Russland ein prinzipielles Misstrauen gegen alle in Gefangenschaft geratenen Soldaten bestand, was auch den Invalidenaustausch bzw. die Internierung in neutralen Staaten verzögerte. Weiterhin stand vor dem humanitären Anliegen die Furcht vor Spionage, während die Staatsorgane gleichzeitig die Repatriierten als Informationsquelle über den Gegner und zu Propagandazwecken im eigenen Land benutzten. Die Ausrichtung der Invalidenversorgung am Vorbild der deutschen Erfahrungen, etwa mit Rehabilitationszentren, scheiterte meist am Fehlen jeglicher Mittel, und repatriierte Invalide wurden im Sowjetstaat in überfüllte und unzureichende Arbeitskolonien abgeschoben.

Der Beitrag von Danila Vladomirskij (Minsk) zur Sozialfürsorge der Kriegsinvaliden in der Weimarer Republik beeindruckt durch seine gründlichen Kenntnisse und konkreten Schlüsse. Der Weißrusse hat sich durch deutsche Gesetzestexte und neuere Publikationen hindurchgearbeitet. Er beachtet psychisch-mentale Aspekte der Kriegsinvalidität ebenso wie die materiell-organisatorische Seite. In Deutschland entstanden mehrere Interessenverbände, die auch parteipolitisch organisiert waren und sich zuweilen gegenseitig bekämpften, während die staatliche Fürsorge, nicht zuletzt durch die Geldinflation, schließlich versiegte und die Stimmung in der Bevölkerung mitunter gegen die Invaliden umschlug. Die wirtschaftliche Notlage jener Jahre und die Konkurrenzsituation verhinderten ungeachtet des hohen Organisationsgrades günstigere Lösungen für die Invaliden.

Sevo Javaščev (Sofia) bietet einen kurzen Überblick über die Invalidenfürsorge in Bulgarien, und zwar entgegen dem im Titel genannten Zeitrahmen von 1919 bis 1945 schon seit den Balkankriegen 1912/13. Wenn auch die geordnete Einrichtung der Fürsorge erst nach dem Weltkrieg richtig begann, so besteht hier der Eindruck einer guten Organisation.

Irina Belova (Kaluga) behandelt die Fürsorge für repatriierte russische Kriegsgefangene im Gouvernement Kaluga, wofür sie zeitgenössische und Archivquellen heranzieht, was sich in ihrem statistisch fundierten Beitrag positiv niederschlägt. Ihre Studie beginnt mit der Heimkehr größerer Kontingente Kriegsgefangener seit 1917 und den ersten ausgreifenden Maßnahmen der Gouvernementsverwaltung. Dass nach dem Waffenstillstand an der Westfront die deutsche Militärverwaltung entgegen einem entsprechenden Verbot der Entente-Mächte noch verstärkt russische Gefangene zur Repatriierung nach Osten entließ, scheint ihr unbekannt: England und Frankreich waren im russischen Bürgerkrieg Verbündete der Weißen und befürchteten eine personelle Verstärkung der Roten Armee. In der Heimat fehlte es aber schon 1918 fast an allem, nicht zuletzt an Formularen für die Rückkehrer, mit denen diese staatliche Hilfe beanspruchen konnten. Während der Bürgerkriegsjahre blieb so die Heimkehrer- und vor allem Invalidenfürsorge schlichtweg auf der Strecke, bis sie zwischen 1920 und 1922 ganz eingestellt wurde. Bis 1921 kehrten über 86 % aller in Gefangenschaft geratenen 21.000 Männer des Gouvernements dorthin zurück, was eine recht hohe Rate ist und für Verluste von 10 % oder weniger spricht. Die Regionalstudie stellt einen der konkretesten Beiträge des Bandes dar.

In einem der kürzesten Beiträge stellen Ljubov’ Žvanko (Charkiv) und Aleksej Nestulja (Poltava) die Sozialpolitik des Hetmanstaats für rund 184.000 Invalide in der Ukraine rein auf Basis von Archivquellen vor. Da 1918 das – überdies von Mittelmächte-Truppen besetzte – Land ausgesprochenes Durchzugsgebiet für die sich auflösenden russischen Frontarmeen war, kamen Invalide aller Nationalitäten in den Genuss materieller, medizinischer und juristischer Hilfe.

Die Petersburger Medizinhistoriker Anatolij Budko und Galina Gribovskaja umreißen Tätigkeit und Bedeutung des Petersburger Marienasyls für Amputierte in den Kriegsjahren. In einem Gebäude mit 75 Plätzen konnten diese kostenlos dort wohnen, bis ihre Prothesen hergestellt und angepasst waren.

Auf einem bislang in der Weltkriegsforschung kaum beachtetem Feld leistet Alek­sandr Astašov (Moskau) Pionierarbeit, wenn er Ergebnisse seiner Archivforschungen mit der internationalen Literatur abgleicht. Selbstverstümmelung von Soldaten zum Zwecke ihrer „Invalidisierung“ ist teilweise bis heute ein Tabu in national ausgerichteten Geschichtsschreibungen. Mit einem Blick auf frühere und spätere Kriege stellt er eine durchschnittliche Rate bei Verletzungen der oberen Extremitäten von etwa einem Drittel aller Verwundungen fest, während sie in der russischen Weltkriegsarmee rund 10 % mehr bzw. bis zu 50 % betragen habe, was er auf Selbstverstümmelung zurückführt. Russische Militärorgane trachteten frühzeitig, den massenhaften Selbstverstümmlern auf die Spur zu kommen und setzten bei ihrer Entdeckung hohe Strafen – bis zur Todesstrafe – an, die jedoch im allgemeinen doch nicht verhängt wurden, ebenso wenig wie die harte Bestrafung von aufgegriffenen Deserteuren. Allerdings reichten Zeit, Ausbildung (Forensik) der Ärzte und Mittel in den Lazaretten nicht aus, Selbstverstümmler herauszufinden. Die Hälfte der Verdächtigten wurde daher als gerechtfertigt entlassen, andere ihren Einheiten rücküberstellt. Auch bei den Bürgerkriegsparteien spielte Selbstverstümmelung eine Rolle. Auf die Erfahrungen von 1914 bis 1920 griff dann die sowjetische Militärmedizin seit dem Winterkrieg mit Finnland zurück, und 1943 wurde ein gerichtsmedizinischer Dienst bei der Roten Armee eingerichtet.

Neben der Selbstverstümmelung steht komparativ der auf neuesten Forschungen beruhende Artikel von Irene Guerrini und Marco Pluviano (Genua) zu psychischen Erkrankungen und shell-shock italienischer Soldaten. Die italienische Vorkriegspsychiatrie scherte aus der Linie der Psychiatrie der meisten europäischen Länder insofern aus, als sie mit der juristischen scuola positiva und der Kriminalanthropologie eng verbunden war und organisch-genetische Defekte wie etwa physische Ausfälle, Alkoholismus, Syphilis, Epilepsie als Ursache für psychische Erkrankungen ansah. Zur Heilung von Psychosen und vor allem zur Feststellung von Simulanten wurde in der Armee ein psychiatrischer Dienst mit führenden Psychiatern des Landes eingerichtet. Ungeachtet dessen wurden für den Kriegsdienst Untaugliche eingezogen, was den unbeachtet bleibenden Protest der Psychiater hervorrief. Mit den Rückschlägen der italienischen Armee seit 1917 wurde die brutale Disziplin verstärkt, Erholungsmöglichkeit für die Frontsoldaten verringert, physisch-mentale Schäden wurden restriktiver anerkannt. Die Autoren erinnern daran, dass neben 1080 hingerichteten Soldaten (im Text ist fälschlicherweise von Hunderttausenden die Rede) weitere von den eigenen Offizieren getötet wurden, als sie im Gefecht Nervenkrisen erlitten. Wie etwa in der österreichischen Armee wurden Elektroschocks angewandt, auch um Simulanten herauszufinden. Die Autoren nennen verschiedene psycho-neurale Erkrankungen als Kriegsfolgen und betonen die Filtrierfunktion der Militär­psychatrie, die wenigstens 40.000 Soldaten und damit eine anteilig sehr viel niedrigere Zahl als die britische, französische oder deutsche Psychiatrie behandelte. Dabei war der Anteil hospitalisierter Offiziere, die eine mildere Behandlung erfuhren, in Italien höher als der der Mannschaftsränge. Eine auch politische Aufarbeitung der italienischen Militärpsychiatrie unterblieb nach dem Krieg. Psychisch traumatisierte Kriegsinvaliden wurden hier nicht den physisch Versehrten gleichgestellt, der Heldenstatus wurde ihnen in der Siegernation vorenthalten. Waren schon die sanitär-hygienischen Bedingungen in den Militärspitälern katastrophal, so starben viele der hospitalisierten Kriegstraumatisierten bei Kriegsende noch an der Spanischen Grippe. Insgesamt stellen die Autoren der italienischen Kriegspsychiatrie damit ein schlechtes Zeugnis aus. Dass dieser Zustand neben der Nicht-Anerkennung der aus Gefangenschaft heimkehrenden Soldaten im Nachkriegsitalien die faschistische Bewegung Mussolinis nachhaltig beförderte und weitreichende politische Folgen hatte, bleibt unausgesprochen.

Weitere, lose mit der Invalidenfrage zusammenhängende Beiträge behandeln die Tätigkeit des Russischen Roten Kreuzes, der russischen und bulgarischen orthodoxen Kirche und der Erholungssanatorien für Flüchtlingskinder.

Trotz einiger erhellender Artikel leidet der Sammelband insgesamt unter seiner großen Disparität, vor allem wegen der Menge an nicht-themenbezogenen Beiträgen. Die national­patriotisch-heroische Ausrichtung etlicher Texte verstärkt darüber hinaus den eher bescheidenen Eindruck, den das Werk hinterlässt.

Reinhard Nachtigal, Freiburg i. Br.

Zitierweise: Reinhard Nachtigal über: Invalidy i vojna. Invalidy Pervoj mirovoj vojny. Istoričeskie i nravstvennye uroki. Materialy II Meždunarodnoj naučno-praktičeskoj konferencii (29–30 nojabrja 2012 g., Moskva). Pod. red. S. S. Stepanova i E. Ju. Sergeeva. Moskva: Izdat. MNĖPU, 2013. 382 S., Abb. ISBN: 978-5-7383-0379-1, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/erev/Nachtigal_Stepanov_Invalidy_i_vojna.html (Datum des Seitenbesuchs)

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