Jahrbücher für Geschichte Osteuropas:  jgo.e-reviews 3 (2013), 2 Rezensionen online / Im Auftrag des Instituts für Ost- und Südosteuropastudien in Regensburg herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Verfasst von: Eva Maeder

 

V. F. Balakirev [i dr.] (sost.): Spasennaja žizn. Žizn i vyživanie v Minskom getto. [Gerettetes Leben. Leben und Überleben im Minsker Ghetto.] 2 izd. dop. i pererab. Minsk: Linarium, 2010. 100 S. ISBN: 978-985-6968-13-9.

„Der Holocaust ist kein Feld für den Kampf von Ambitionen und den Wetteifer schöner Reden. Es ist ein Thema, über das man weniger reden und mehr schweigen sollte. Wie am Rand des Grabes.“ Diese Worte schließen den Bericht von Michail Trejster ab, einem Holocaust-Überlebenden aus Minsk. Wie aber können Schüler zum Nachdenken gebracht, und gleichzeitig unangebrachte Worte vermieden werden? Eine Antwort findet sich im Lehrmittel, das die Geschichtswerkstatt in Minsk mit Unterstützung der Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätte Dortmund erarbeitet hat. Aus diesem stammt aus obiges Zitat. Ziel ist es, Schülern das unvorstellbare Leid des Holocaust aus der Sicht der Betroffenen zu vermitteln. Statt das Interesse mit einer Fülle von schwer verständlichen Fakten zu töten, sollen sich die Schüler in die Situation der Opfer hineinversetzen und so zusammen mit diesen nach den Hintergründen für das Verbrechen fragen.

Dieser Ansatz wie die Thematik überhaupt ist in Belarus bisher noch außergewöhnlich. In den regulären Schulbüchern zum Großen Vaterländischen Krieg kommt der Holocaust noch nicht als eigenes Thema vor. Statt die Juden als besonderes Ziel der deutschen Vernichtungskampagne zu nennen, sprechen die Schulbücher bisher unterschiedslos von der Ermordung von „Sowjetbürgern“. Damit übernehmen sie die Sichtweise der staatlichen Propaganda, die bis in die 1980er Jahre die gesamte Geschichtswissenschaft geprägt hat. Darin wurde der Kampf der Partisanen und der Roten Armee heroisiert und der Sieg über Nazi-Deutschland gefeiert. Das Leid der Zivilbevölkerung hingegen wurde nur pauschal beschrieben. Falls überhaupt Berichte von Zeitzeugen Verwendung fanden, so handelte es sich in der Regel um eher stereotype Erzählungen von Kriegsveteranen.

Mit dem Ziel, alle Erinnerungen an die Zeit der deutschen Besetzung festzuhalten und besonders auch die Sicht der Opfer aufzuarbeiten, wurde 2003 mit deutscher finanzieller Hilfe die Geschichtswerkstatt Minsk gegründet. Untergebracht ist sie in einem der letzten baulichen Überreste des Ghettos, einer Baracke für die Juden aus Reichsdeutschland. Die Mitarbeitenden haben unter der Leitung von Kuz’ma Kozak bisher rund 500 Lebensberichte gesammelt. Aus diesem reichen Schatz haben sie die Erzählungen von zwei jüdischen Überlebenden sowie zweier Weißrussinnen ausgewählt, die jüdische Kinder bei sich versteckt hatten. Als 2008 Präsident Lukaschenko vorübergehend von der üblichen Darstellung der Geschichte abwich und an die Auflösung des Ghettos in Minsk 1943 erinnerte, nutzten die Mitarbeiter der Geschichtswerkstatt den Moment und veröffentlichten das Lehrmittel. Das Buch beginnt mit einem historischen Überblick, danach folgen die vier Zeitzeugenberichte, neun Archivquellen sowie Arbeitsvorschläge für den Unterricht.

Die statistischen Angaben im ersten Teil führen das Ausmaß der Katastrophe vor Augen, wobei sich die genaue Anzahl der Opfer nur ungefähr erfassen lässt. 1939, nach dem Anschluss der als „Westweißrussland“ deklarierten Gebiete der Zweiten Polnischen Republik, lebten in der Belarussischen Sowjetrepublik knapp 9 Millionen Menschen, davon 940.000 Juden. Von diesen konnten beim deutschen Überfall im Juni 1941 nur maximal 180.000 in das noch unbesetzte Gebiet der Sowjetunion flüchten. Von den Zurückgebliebenen lebten die allermeisten in Städten; hinzu kamen etwa 110.000 jüdische Flüchtlinge aus Polen. Sie alle sahen sich dem Kriegselend noch schutzloser ausgesetzt als die belarussische Bevölkerung und besaßen kaum Möglichkeiten, das eigene Los zu verbessern.

Bereits ab Juli 1941 mussten sich alle Juden öffentlich kennzeichnen und in ein Sammellager umziehen. In diesen so genannten Ghettos war der Wohnraum äußerst knapp bemessen – auf eine Wohneinheit kamen rund 50 Menschen –, es gab kaum Nahrung und regelmäßig fanden Massenerschießungen und Pogrome statt. Ab November 1941 wurde die Wohnungsnot im Minsker Ghetto noch größer, weil ein Teil der Häuser geräumt wurde, um Platz für etwa 7000 Juden aus verschiedenen deutschen Städten sowie Wien und Brünn zu schaffen. Mit zeitweise bis zu 100.000 Menschen zählte das Minsker Ghetto zu den größten Europas. Insgesamt starben bis zur Befreiung im Juli 1944 ein Drittel der belarussischen Bevölkerung, darunter 700.000 Juden.

Die vier Selbstzeugnisse im zweiten Teil des Buches zeigen, wie es jüdischen Kindern und Jugendlichen trotz allem gelang, die Vernichtungspolitik der Nazis zu überleben. Der damals 14-jährige Michail Trejster nutzte die Identität eines bereits Getöteten, um aus einem Vernichtungslager der SS zu entkommen. Anschließend floh er aus dem Ghetto zu den Partisanen, bei denen er bis zur Befreiung Unterschlupf fand. Der 1926 geborene Iosif Grajfer wurde mit einer Gruppe anderer Juden zur Erschießung getrieben. Doch er konnte „sich das Sterben nicht vorstellen, nicht daran glauben“ – und kroch wie durch ein Wunder lebend aus der Grube. Auch bei einem andern Pogrom blieb er unentdeckt in dem kleinen Versteck (malina), das sich die Ghettobewohner geschaffen hatten. Wirklich Tritt im Leben fasst er aber erst wieder, als er nach der Befreiung in einer Schule seine zukünftige Frau kennen lernte und sich in die Arbeit stürzte.

Vom Schicksal von zwei jüdischen Mädchen, Ida und Nina, sowie des 1941 erst einjährigen Leonid erfahren wir durch die zwei Frauen, in deren Familien die Kinder damals Aufnahme fanden. Dafür hat der Staat Israel den beiden Belarussinnen und ihren Müttern den Ehrentitel „Gerechte“ verliehen, den in Weißrussland bisher gut 600 Personen erhielten. Die beiden Erzählungen beschreiben die Beziehung, zwischen Gastfamilie und jüdischen Kindern und zeigen, dass diese dort nicht als besondere Menschen wahrgenommen wurden. Doch leider sind die Beispiele nicht repräsentativ. Zahlreiche Belarussen reagierten auf den Holocaust als Zuschauer, andere kollaborierten sogar. In den Familien von Michail Trejster und Iosif Grajfer war die jüdische Herkunft vor der deutschen Besetzung kein Thema gewesen; der sowjetische Terror, der einen nahen Verwandten Graifers das Leben gekostet hatte, hingegen schon.

Im Anschluss an die Lebensgeschichten finden sich Fragen, welche die Texte auf der Ebene der Fakten und Ereignisse erschließen sollen. Gedacht ist das Lehrmittel für den Kurs „Der Große Vaterländische Krieg des sowjetischen Volkes (im Kontext des Zweiten Weltkrieges)“, den Schüler der Oberstufe als Freifach belegen können. Die ausgewählten Beispiele würden sich aber auch gut eignen, um die Unterschiede zwischen Selbstzeugnissen aufzuzeigen und Oral History als Methode vorzustellen. Michail Trejster hat seine Erlebnisse selbst aufgeschrieben. Sein Bericht ist äußerst präzise, detailliert und mit den Resultaten von späteren Nachforschungen ergänzt. Iosif Grajfers Geschichte entstand im Gegensatz dazu im Gespräch mit einer Mitarbeiterin der Geschichtswerkstatt und wirkt dadurch spontaner, bisweilen auch emotionaler.

Im letzten Teil des Buches finden sich neun Archivdokumente aus belarussischen, russischen und deutschen staatlichen Archiven über die Schaffung des Ghettos in Minsk, über Massenerschiessungen und Massengräber, über Transporte ins Sonderghetto und das Vernichtungslager Malyi Trostenec bei Minsk. Sie enthalten viele statistische Angaben und zeigen, wie früh die sowjetischen Verantwortlichen bereits über die Ghettoisierung und Ermordung der Juden informiert waren und wie die Amtssprache dennoch pauschal von „Sowjetbürgern“ spricht.

Fragen der aktuellen (Erinnerungs-)Politik bleiben im Buch weitgehend ausgeklammert. Doch die neuen Inhalte und Lehrmethoden fördern die Eigeninitiative und das kritische Denken bei Schülern und tragen damit zur Schaffung einer neuen Generation bei, welche die sowjetischen Geschichtsmythen nicht mehr einfach unhinterfragt akzeptiert. Insgesamt leistet das Buch einen wichtigen Beitrag, um den Holocaust als zentralen Teil der belarussischen Geschichte besser bekannt zu machen.

Eva Maeder, Winterthur

Zitierweise: Eva Maeder über: V. F. Balakirev [i dr.] (sost.): Spasennaja žizn’. Žizn’ i vyživanie v Minskom getto. [Gerettetes Leben. Leben und Überleben im Minsker Ghetto.] 2 izd. dop. i pererab. Minsk: Linarium, 2010. 100 S. ISBN: 978-985-6968-13-9, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/erev/Maeder_Spasennaja_zizn.html (Datum des Seitenbesuchs)

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