Jahrbücher für Geschichte Osteuropas:  jgo.e-reivews 7 (2017), 4 Rezensionen online / Im Auftrag des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Verfasst von: Klaus-Peter Friedrich

 

Polin. 1000 lat historii Żydów polskich. Redakcja naukowa Barbara Kirshenblatt-Gimblett i Antony Polonsky. Warszawa: Polin, 2014. 429 S., zahlr. Abb., Ktn., Graph. ISBN: 978-83-938434-4-2.

Polin. 1000 Year History of Polish Jews. Ed. by Barbara Kirshenblatt-Gimblett and Antony Polonsky. Warszawa: Polin, 2014. 429 S., zahlr. Abb., Ktn., Graph. ISBN: 978-83-938434-5-9.

Im Jahr 2014 hat in Warschau POLIN, das Museum der Geschichte der polnischen Juden, nach langen Jahren der Vorbereitung seinen Betrieb aufgenommen. Die Dauerausstellung zu tausend Jahren jüdischer Geschichte präsentiert der vorliegende Katalog. Er ist einem Team aus Wissenschaftlern und Museumsfachleuten aus verschiedenen Ländern zu verdanken. In Theater of History erläutert die kanadische Kulturanthropologin Barbara Kirshenblatt-Gimblett zunächst die Grundsätze der Ausstellungskonzeption. Sie soll 1) die Gesamtperiode in den Blick nehmen, also ohne Zäsuren und Wendepunkte auskommen, 2) die Geschichte der Juden als einen integralen Bestandteil der Geschichte Polens auffassen, 3) Juden nicht nur als deren Opfer, sondern vielmehr als Akteure und Mitbeteiligte erscheinen lassen, 4) die Herausbildung einer eigenständigen jüdischen Kultur in Ostmitteleuropa gebührend würdigen, die sich von der nichtjüdischen Umgebung teilweise abschloss, aber in anderen Bereichen in stetem Austausch blieb und Wechselwirkungen unterlag, 5) den Betrachter einladen, sich auf die damaligen, zeitbedingten Wahrnehmungen einzulassen und sein Wissen um das, was danach kam, vorübergehend auszuschalten, 6) dem Ansatz einer „konstruktiven Engagiertheit“ (S. 33) folgen, also sich nicht mit der Auseinandersetzung mit falschen Vorstellungen (über „die Juden“) aufhalten, 7) die jüdische Bevölkerung insgesamt betrachten und nicht nur deren Held(inn)en, große Männer und Frauen, 8) offen lassen, was nicht ein für allemal feststeht, und dabei fragen, wie sich etwas zutrug (statt „warum“), 9) exemplarische Beispiele verwenden, um das Gesamtgeschehen zu verdeutlichen, 10) den Umstand kreativ nutzen, dass museal präsentierbare Originalobjekte aus der ferneren Vergangenheit weitgehend fehlen. Dieser Mangel ließ sich durch den Rückgriff auf andernorts erhaltene Exponate und auf die Textüberlieferung ausgleichen. Keinesfalls sollte die Ausstellung den Eindruck vermitteln, dass die Geschichte der Juden in Polen bloß eine Vorgeschichte dessen gewesen sei, was im Abschnitt Holocaust, 1939–1945 (S. 289–361), verfasst von Barbara Engelking und Jacek Leociak, abgehandelt wird. Dieser bildet zwar einen umfangreichen, aber doch keinen dominierenden Bestandteil des Katalogs. Ihm folgt noch der von Stanisław Krajewski verantwortete Abschnitt über das jüdische Leben in den Nachkriegsjahren seit 1944/45.

Das Kapitel über das Mittelalter – mit dem wenig glücklichen Titel First Encounters, 960–1500, waren diese ersten Begegnungen, vor allem im Westen der polnischen Gebiete, doch kaum dermaßen andauernd – wurde verfasst von Hanna Zaremska. Der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit ist ausgespart, so dass der Beitrag von Adam Teller und Igor Kąkolewski über das Paradisus Iudaeorum mit dem Jahr 1569 einsetzt. Die folgende Periode über die jüdisch geprägte Stadt von 1648 bis 1772 schildert wieder Adam Teller, ehe Antony Polonsky in Encounters with Modernity die Zeit von den Teilungen Polens bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs zusammenfasst. Die Zwischenkriegsjahre – Oyf der yidisher gas – beschreibt Samuel Kassow.

Die Beteiligten bekennen sich eingangs auch dazu, terminologisch präzise zu verfahren und zeittypische Begriffe in ihrem historischen Kontext zu belassen, also etwa den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Antijudaismus vom Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts zu scheiden. Ambitioniert erscheint das Unterfangen, den Besucher der Ausstellung mit den Originalquellen zu konfrontieren. In dem Fall wird aus der durchgängig zweisprachigen Beschriftung (auf Polnisch und Englisch) eine mehrsprachige, die beispielsweise auch Latein, Hebräisch, Arabisch und Deutsch einschließt. Freilich zählen die ausgewählten kurzen Quellentexte zu den ohnehin eher schon bekannten. Und so fehlt hier auch nicht die Legende, mit der die Ausstellungsbesucher anfangs eingestimmt werden: Auf ihrer Flucht aus Mittel- und Westeuropa sei den Juden, als sie im Wald lagerten, das hebräische Wort „po lin“ (verweile hier) erschienen, und so hätten sie sich in „Polin“ niedergelassen, das zum bedeutendsten Zufluchtsort der europäischen Juden wurde.

Problematisch ist es, wenn die Konzeption sich in der Frühen Neuzeit auf das Territorium des vereinigten, weit nach Osten ausgreifenden Doppelstaats Polen-Litauen bezieht. Damit werden wiederholt Entwicklungen und Personen in Gebieten vereinnahmt, die (auch) dem heutigen Litauen, Weißrussland und der Ukraine zugehörten. Einer der Höhepunkte der Ausstellung ist sicherlich die in das Museum integrierte teilrekonstruierte, detailreich und farbenprächtig ausgemalte hölzerne Synagoge von Hvisdez  (Гвіз­дець, poln. Gwoździec) im Südwesten der Ukraine.

Am Ende erweist sich, dass die anfangs erarbeitete Klärung der Prinzipien für die zeitgemäße Darstellung der jüdischen Geschichte in Polen dem Unternehmen auf großartige Weise zugutegekommen ist. Entstanden ist somit eine polnische und jüdische Geschichte, die unauflöslich verflochten ist in einer Erzählung, die zahlreiche Teilaspekte einzufangen vermag, dabei gleichzeitig durch eine Unmenge von Bildern und eine uns Heutige weiterhin ansprechende Farbigkeit überzeugt. Wie die Ausstellung, hat auch der Katalog einen hohen Standard gesetzt, der dem reflektierten Vorgehen der verantwortlich Beteiligten und ihrer von (geschichts)politischer Einflussnahme weitgehend freien Arbeit zu verdanken ist.

Klaus-Peter Friedrich, Marburg/Lahn

Zitierweise: Klaus-Peter Friedrich über: Polin. 1000 lat historii Żydów polskich. Redakcja naukowa Barbara Kirshenblatt-Gimblett i Antony Polonsky. Warszawa: Polin, 2014. 429 S., zahlr. Abb., Ktn., Graph. ISBN: 978-83-938434-4-2; Polin. 1000 Year History of Polish Jews. Ed. by Barbara Kirshenblatt-Gimblett and Antony Polonsky. Warszawa: Polin, 2014. 429 S., zahlr. Abb., Ktn., Graph. ISBN: 978-83-938434-5-9, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/erev/Friedrich_SR_Geschichte_des_Judentums_in_Polen_Museumskatalog.html (Datum des Seitenbesuchs)

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