Jahrbücher für Geschichte Osteuropas:  jgo.e-reviews 6 (2016), 3 Rezensionen online / Im Auftrag des Instituts für Ost- und Südosteuropastudien in Regensburg herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Verfasst von: Jochen Fornasier

 

Drevnejšie gosudarstva Vostočnoj Evropy. 2012 god: Problemy ėllinizma i obrazovanija Bosporskogo carstva. [Die ältesten Staaten Osteuropas. Jahr 2012: Probleme des Hellenismus und der Bildung im Bosporanischen Reich.] Otv. red. A. V. Podosinov / O. L. Gabelko. Moskva: Russkij fond Sodejstvija Obrazovaniju i Nauke, 2014. 399 S., 8 Abb. ISBN: 978-5-91244-118-9.

Der jüngst vorgelegte Band der Reihe Die ältesten Staaten Osteuropas umfasst die Ergebnisse von zwei in Moskau im Jahr 2012 organisierten wissenschaftlichen Veranstaltungen, die sich einerseits mit der Entwicklung des Bosporanischen Reiches und andererseits mit verschiedenen Fragen zur Epoche des Hellenismus beschäftigten. Ihre thematische Nähe führte die Herausgeber zur Idee einer gemeinsamen Publikation, die sich – gemäß Umschlagtext – explizit an Spezialisten der Altertumswissenschaften wendet. Dabei zählt das Bosporanische Reich im Nordosten des Schwarzen Meeres seit langem zu den zentralen Betätigungsfeldern der ukrainisch-russischen Forschung, während dieser beeindruckende Territorialstaat, dessen Wurzeln bis in das 5. Jh. v. Chr. reichen, hierzulande bislang nur selten im wissenschaftlichen Fokus stand.

Eingeleitet wird der russischsprachige Band zunächst durch einen ausführlichen Nachruf auf den Trierer Althistoriker Heinz Heinen, der im Juni 2013 im Alter von 71 Jahren verstorben ist (S. 3–11). Wie kein anderer deutscher Wissenschaftler prägte Heinen die internationale Kooperation mit osteuropäischen Kollegen, die er gerade auch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs trotz aller Schwierigkeiten und Rückschläge aufrechtzuerhalten verstand. Es ist maßgeblich mit sein Verdienst, dass die Altertumswissenschaften in Ost und West seit dem Beginn der 1990er Jahre sehr schnell wieder in einen engen, kollegialen Austausch treten konnten. Diesem Vermächtnis Heinens wird der Nachruf von I. A. La­bynin gerecht.

Der erste Hauptteil der Publikation (S. 13–235) wird eingeleitet durch A. V. Podosinov als verantwortlichem Mitherausgeber und damaligem Moderator des Runden Tisches zum Thema Die Entwicklung des Bosporanischen Staates: von der Polis zum Reich. Die einführenden Informationen sind tatsächlich bemerkenswert relevant für ein Verständnis der folgenden Beiträge. So erfährt der Leser, dass den Teilnehmern der Veranstaltung vorab ein ganzer Katalog an Fragen zugegangen war, die alle wesentlichen Bereiche der aktuellen Diskussion zur Entstehung und Frühzeit des Bosporanischen Reiches betreffen, und dass die grundsätzlichen Thesen zum Themenkomplex der Konferenz den jeweils anderen Wissenschaftlern vor Beginn bereits bekannt gewesen sind. Eben dieses Vorgehen spiegeln die einzelnen Beiträge wider, die vielerorts direkt Bezug aufeinander nehmen, wodurch man sich immer wieder in eine lebhafte Diskussion hineinversetzt meint und der Lesespaß deutlich gesteigert wird.

Dabei bedarf das Studium der im ersten Hauptteil zusammengefassten neun Beiträge tatsächlich umfangreicher sachlicher Vorkenntnisse. Ohne entsprechendes Spezialwissen ist z. B. die Diskussion um Herkunft und politischen Status der Archaianaktiden, die Periodisierung der Genese des Bosporanischen Reiches, die Migration im nordpontischen Raum oder die sog. Protohellenismus-Theorie in ihren relevanten Details schlichtweg nicht zu erfassen. Verfügt man allerdings über dieses Wissen, offenbart sich hier eine hervorragende Darstellung der aktuellen Diskussion führender Wissenschaftler zu diesen Themenbereichen, die ihre jeweiligen Thesen durch die beschriebene Vorgehensweise immer wieder auch direkt vor dem Hintergrund der anderen Beiträge formuliert haben. Ein umfangreicher Anmerkungsapparat fasst die relevanten Veröffentlichungen der vergangenen Jahre zusammen, unterstreicht den grundlegenden Charakter der Beiträge und trägt dazu bei, dass hier der derzeitige Forschungsstand umfassend präsentiert wird. In diesem Sinn stellt dieser Teil des Bandes eine echte Bereicherung dar.

Der zweite Hauptteil (S. 236–393) basiert auf dem russisch-ukrainischen Wissenschaftssymposion Hellenismus: geographische Grenzen, chronologischer Rahmen, Wesenszüge. Vergleichbar dem Runden Tisch zum Bosporanischen Reich war auch hier im Vorfeld ein Fragenkatalog verschickt worden, der von den Teilnehmern u. a. Stellungnahmen zur Droysen’schen Definition des Begriffes Hellenismus oder zu Termini wie Proto- bzw. Posthellenismus forderte. Anders als beim Runden Tisch, der von Anfang an als reines Diskussionsforum geplant war, wurden hier insgesamt 15 Vorträge zu sehr unterschiedlichen Themen gehalten, von denen neun Eingang in die vorliegende Publikation fanden. Die Konzeption und der deutlich größere thematische Rahmen des Symposions spiegeln sich ebenfalls in den Beiträgen wider, die u. a. das Phänomen der Krönung Ptolemaios I., die autobiographische Inschrift des Priesters Petosiris oder die Rolle der griechisch-makedonischen Bevölkerung während des Niedergangs der Seleukidenherrschaft behandeln – alles interessante Themen, die im Rahmen der vorgelegten Publikation allerdings eine inhaltliche Vernetzung vermissen lassen. Auf diesen zweiten Hauptteil folgen abschließend noch ein Abkürzungs-, ein Autoren- sowie ein Inhaltsverzeichnis. Die Zahl der Abbildungen im gesamten Band ist verschwindend gering.

Die vorgelegte Publikation hinterlässt einen etwas zwiespältigen Eindruck. Der erste Hauptteil besticht durch die interessant konzipierte und umfangreiche Präsentation der aktuellen Forschungsdiskussion zur Entstehungsgeschichte des Bosporanischen Reiches. In einer entsprechend ausgerichteten Fachbibliothek sollte der Band daher auf keinen Fall fehlen. Der zweite Teil hingegen besteht aus Einzelstudien, die demgegenüber analoge Querverbindungen vermissen lassen und sich auch mit dem ersten Teil des Buches allenfalls chronologisch berühren. Im direkten Vergleich erscheint die Konzeption des Symposions daher wissenschaftlich weniger gewinnbringend und die gemeinsame Veröffentlichung eher etwas unglücklich gewählt. Dennoch: die insgesamt sehr hohe Qualität aller Beiträge, die unzweifelhaft an ein Fachpublikum gerichtet sind, rechtfertigt letztlich eine sehr positive Bewertung der gesamten Publikation.

Jochen Fornasier, Frankfurt am Main

Zitierweise: Jochen Fornasier über: Drevnejšie gosudarstva Vostočnoj Evropy. 2012 god: Problemy ėllinizma i obrazovanija Bosporskogo carstva. [Die ältesten Staaten Osteuropas. Jahr 2012: Probleme des Hellinismus und der Bildung im Bosporanischen Reich.] Otv. red. A. V. Podosinov / O. L. Gabelko. Moskva: Russkij fond Sodejstvija Obrazovaniju i Nauke, 2014. 399 S., 8 Abb. ISBN: 978-5-91244-118-9, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/erev/Fornasier_Podosinov_Drevnejsie_gosudarstva.html (Datum des Seitenbesuchs)

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