Jahrbücher für Geschichte Osteuropas:  jgo.e-reviews 7 (2017), 3 Rezensionen online / Im Auftrag des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Verfasst von: Dittmar Dahlmann

 

Phänomenologie, Geschichte und Anthropologie des Reisens. Internationales Alexander-von-Humboldt-Kolleg in St. Petersburg 16.–19. April 2013. Hrsg. von Larissa Polubojarinova / Marion Kobelt-Groch / Olga Kulishkina. Kiel: Solivagus, 2015. 584 S., 31 Abb. ISBN: 978-3-943025-23-1.

Inhaltsverzeichnis:

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Dieser Band enthält insgesamt 50 (fünfzig) Aufsätze, die die Herausgeberinnen nach „Problemclustern“ (S. 15–16) gruppieren, deren „Übergänge und Grenzen“ „notwendigerweise fließend“ sind. Der Band versteht sich als eine Anregung zu weiteren Studien und möchte Forschungslücken aufzeigen, Anreize geben und „Perspektiven für tiefer gehende Studien und zukünftige Analysen eröffnen“. Diese Fülle der Beiträge und der Themen von der Geschichte des Reisens in der Antike bis hin zu einem Essay zum Thema auch nur annähernd adäquat zu besprechen, ist eine schier unlösbare Aufgabe, denn aus dieser Überfülle lässt sich kaum eine exemplarische Auswahl treffen. Wie im Untertitel genannt, handelte es sich um eine interdisziplinäre Veranstaltung, bei der sich Literaturwissenschaftler, Historiker, Philosophen, Ethnologen und Anthropologen vier Tage lang begegneten. Auf den ersten Blick fällt auf, dass fast alle Texte ausgesprochen kurz sind, kaum einer ist länger als 15 Seiten unter Einschluss des jedem Aufsatz angefügten Literaturverzeichnisses. Daraus folgt, dass die behandelten Themen gleichsam nur angerissen werden, eine tiefergehende Behandlung kaum möglich ist.

Dies beginnt schon mit der Einleitung. Die Herausgeberinnen, zwei russische Literaturwissenschaftlerinnen und eine deutsche Historikerin, leiten ihren Einführungstext mit einem längeren Zitat aus Afanasij Nikitins Fahrt über drei Meere und einer daran anknüpfenden Interpretation über das Fremde und das Eigene ein. Diese Aufzeichnungen eines russischen Kaufmanns aus Tver, die er während einer Geschäftsreise nach Indien und Persien von 1466 bis 1472 machte, sind in Russland recht gut bekannt, im deutschsprachigen Raum eher eine Sache für Spezialisten. Nach knapp zwei Seiten über Nikitins Reise wechseln die Herausgeberinnen das Thema, und dem geneigten Leser bleibt im Literaturverzeichnis der Verweis auf eine russische Ausgabe, die 2013 in Moskau erschienen ist. Ein Blick in den Karlsruher Virtuellen Katalog zeigt, dass es diesen Band in deutschen Bibliotheken (noch) nicht gibt. Aber generell hätte deutschsprachigen Lesern, für die doch dieser Band wohl zunächst gedacht ist, ein Verweis auf eine russische Edition kaum weitergeholfen. Ein Blick in das deutschsprachige Wikipedia zeigt uns den bisweilen katastrophalen Zustand dieser Internet-Enzyklopädie, denn auch hier wird kein Weg zu einer deutschen Fassung des Textes gewiesen, stattdessen gibt es einen Link zu einem Eintrag über einen russisch-indischen Abenteuerfilm aus den fünfziger Jahren, der auf Nikitins Aufzeichnungen basiert. Deutsche Fassungen gibt es übrigens seit 1835, eine sinnvoll edierte und kommentierte neuere Fassung erschien 1966 in München.

An Nikitins Text ließe sich auch mühelos zeigen, welche Probleme sich mit solch frühen Texten ergeben. Wie es so häufig der Fall ist, ist kein Original überliefert, sondern nur sieben Abschriften, bei denen die Wissenschaft davon ausgeht, dass sie alle auf dem Urtext basieren und unabhängig voneinander angefertigt wurden. Und obwohl Nikitins Text die erste Beschreibung Indiens aus der Feder eines Europäers ist, rund 25 Jahre bevor der portugiesische Seefahrer Vasco da Gama die Malabarküste erreichte, so kannte eben niemand diesen Text, denn er wurde erst am Anfang des 19. Jahrhunderts von dem russischen Historiker und Schriftsteller N. M. Karamzin ‚gefunden‘ und 1821 erstmals publiziert. Grund genug also, dem Band einen Beitrag über diese doch so wichtige Reise beizufügen, und man fragt sich, warum dies denn unterblieben ist.

Die „Problemcluster“, von denen eingangs die Rede war, behandeln Phänomenologie und Diskurstheorie, zeigen die Konstruktion des Anderen oder genderrelevante Aspekte des Reisens. Es geht auch um die Geschichte des Reisens, um Goethe und das Reisen oder um Westeuropäer auf Russland- und Russen auf Europareise in Anlehnung an die bekannte Reihe, die Lew Kopelew und dann Karl Eimermacher herausgegeben haben. Es gibt die Reise als literarisch-metaphorische Klammer und Reisende in Poesie und Bildender Kunst sowie zum Abschluss drei Essays über Reisen, von denen der letzte, verfasst von Larissa N. Polubojarinova, überleitet zu der am Ende des Bandes gezeigten New York Polyphony, Fotografien des Künstlers Jeff Beer, die während dessen Reise nach New York im Jahre 2008 aufgenommen und während der Konferenz 2013 im St. Petersburger Nabokov-Museum gezeigt wurden. Alle Bilder sind „ohne Titel“, man mag sich also denken, was man möchte, und wüsste der unbefangene Betrachter nicht, dass es sich um New York handelt, so könnten alle gezeigten Bilder auch aus anderen Städten stammen, keines davon verbindet sich für mich unzweifelhaft mit dieser Metropole.

Kein eigenes Kapitel gibt es zu Forschungsreisen, sie werden zum großen Teil unter Geschichte des Reisens subsumiert oder finden sich, wie Kristina Küntzel-Witts Beitrag über Alexander von Humboldts Russlandreise von 1829 unter der Überschrift Westeuropäer auf Russlandreise, dabei war doch Humboldt gar nicht so sehr an Russland interessiert, sondern eher an Zentralasien. Der Beitrag ist, neben Jochen Golz Aufsatz über Goethes Italienreise, Susanne Lubers Ausführungen über St. Petersburg im Spiegel deutschsprachiger Reiseberichte oder Werner Fricks Artikel über Wolfgang Koeppens Reise in die Sowjetunion aus den fünfziger Jahren einer der hervorzuhebenden Aufsätze. Leider findet sich auch bei Küntzel-Witt die so völlig anachronistische wie sinnentleerte Wiederholung des Vorwurfs der US-amerikanischen Literaturwissenschaftlerin Mary Louise Pratt, Humboldt habe eine „eurozentristische“ Perspektive gehabt; „eurozentrisch“ reicht nicht, es muss schon „eurozentristisch“ sein. Humboldt aber hatte nur, wie Jürgen Osterhammel generell einmal angemerkt hat, eine europazentrische Sicht. Welch andere sollte dieser letzte Universalgelehrte mit dem gesammelten Bildungskanon der europäischen Aufklärung im Kopf auch sonst gehabt haben? Für die „political correctness“ genügt es nicht, dass Humboldt gegen die Sklaverei oder die Leibeigenschaft Stellung bezog, sondern ihm wird eine „Vernachlässigung“ der indigenen Bevölkerung vorgeworfen. Was immer das auch sein mag.

Ein Band, so muss man abschließend sagen, bei dem weniger wohl in der Tat mehr gewesen wäre, eine Versammlung höchst heterogener Beiträge unter einem Dach, die nur sehr bedingt zusammengehören.

Dittmar Dahlmann, Bonn

Zitierweise: Dittmar Dahlmann über: Phänomenologie, Geschichte und Anthropologie des Reisens. Internationales Alexander-von-Humboldt-Kolleg in St. Petersburg 16.–19. April 2013. Hrsg. von Larissa Polubojarinova, Marion Kobelt-Groch und Olga Kulishkina. Kiel: Solivagus, 2015. 584 S., 31 Abb. ISBN: 978-3-943025-23-1, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/erev/Dahlmann_Polubojarinova_Phaenomenologie.html (Datum des Seitenbesuchs)

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