Jahrbücher für Geschichte Osteuropas:  jgo.e-reviews 4 (2014), 2 Rezensionen online / Im Auftrag des Instituts für Ost- und Südosteuropastudien in Regensburg herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Verfasst von: Jana Bürgers

 

Mykhaylo Banakh: Die Relevanz der Zivilgesellschaft bei den postkommunistischen Transformationsprozessen in mittel- und osteuropäischen Ländern. Das Beispiel der spät- und postsowjetischen Ukraine 1986–2009. Mit einem Vorwort von Gerhard Simon. Stuttgart: Ibidem, 2013. XXV, 462 S., 154 Tab., 3 Abb. = Soviet and Post-Soviet Politics and Society, 121. ISBN: 978-3-8382-0499-4.

Man muss sich erst einmal bis zur Seite 37 vorarbeiten, um die Grundthese des Buches deutlich formuliert zu finden: „Ohne eine engagierte Zivilgesellschaft in der Ukraine und in anderen mittel- und osteuropäischen Ländern wäre die erfolgreiche Demokratisierung nicht oder kaum möglich gewesen.“ Eine Seite weiter dann lautet die Fragestellung für das Buch: „Welche Bedeutung kann der Zivilgesellschaft für den Transformationserfolg zugesprochen werden?“ In diesen beiden Sätzen werden Thema, aber auch Problematik der Dissertation von Banakh deutlich.

Der Autor hat den Anspruch, die beiden Forschungsgebiete Zivilgesellschaft und Transformation am Beispiel der Ukraine im Vergleich mit anderen postkommunistischen Ländern zu verbinden. Leider vermischt er dabei Leitfrage und Antwort, fallen These und ihre Begründung oftmals zusammen. Dieses Dilemma liegt ein Stück weit in der Sache selbst, die Banakh – andere Forscher zusammenfassend – so auf den Punkt bringt: „Ist die Demokratie eine Voraussetzung für das Vorhandensein einer Zivilgesellschaft? Oder ist die Existenz der Zivilgesellschaft die Bedingung für eine funktionierende Demokratie?“ (S. 81). Der Autor nähert sich der Thematik von mehreren Seiten, was eine Orientierung gelegentlich etwas erschwert. Auch das zwölfseitige (!) Inhaltsverzeichnis schafft kaum Überblick. Sehr interessant in ihren Einzelergebnissen sind dagegen die zahlreichen (154) Tabellen, die von den Transformationsetappen in der Ukraine über die allgemeine und konkrete Protestbereitschaft der Ukrainer oder wichtige Bestandteile der Zivilgesellschaft bis zur Auflistung der Zufriedenheit mit dem Demokratisierungsprozess (Ukraine: > 10 %) oder dem Vertrauen in Institutionen oder Massenmedien reichen. Es gelingt Banakh jedoch nicht immer, die aufschlussreichen Details und Statistiken gewinnbringend ins Ganze einzubauen.

Der Aufbau der Arbeit ist klassisch: Zunächst umkreist Banakh Theorie und Forschungsstand der Themen Zivilgesellschaft und Transformation und nennt die wenigen Beispiele, in denen diese beiden Gebiete bereits in Bezug zueinander gesetzt werden. Dann begibt er sich auf das Feld der Bestandsaufnahme und der Untersuchung der Wirkung bzw. Relevanz von Zivilgesellschaft für den Transformationsprozess, ehe er im letzten Teil eine vorsichtige Prognose wagt. Bei dem Versuch, dem komplexen Thema gerecht zu werden, zergliedert der Autor die Materie allerdings so sehr, dass die Leserin am Ende Gefahr läuft, den Kern aus den Augen zu verlieren. So finden sich beispielsweise verschiedene Definitionen von Zivilgesellschaft verteilt über fast 200 Seiten.

Immerhin wird klar, dass Banakh die Zivilgesellschaft als Bereich neben Staat und Wirtschaft verortet, wobei natürlich die Abgrenzung nicht immer klar ist. Gerade der sogenannte Dritte Sektor, der organisierte und institutionalisierte Teil der Zivilgesellschaft, zeigt starke Überschneidungen mit staatlichen Strukturen. Während eine gut entwickelte Zivilgesellschaft im Westen ein wechselseitiges Verhältnis zum Staat pflege und eher kreierende Funktionen erfülle, hafte der Zivilgesellschaft in Osteuropa noch ein „oppositioneller Mythos“ (S. 44) an und ihre Funktionen seien weniger reflexiv oder konstruktiv als vielmehr strategisch und antistaatlich, so der Autor. Andere Begriffe für Zivilgesellschaft, die Banakh alle eingeschlossen sehen möchte, sind Bürgergesellschaft, Freiwilligenarbeit und Ehrenamt, civil society, Gemeinnützigkeit und Selbsthilfe. Wirklich interessant ist seine Feststellung, dass es keinen ukrainischen Begriff für bürgerschaftliches Engagement gibt, da die Idee des Ehrenamtes gar keine Tradition in der Ukraine hat. Statt dessen sei in der Ukraine aus der Geschichte das Prinzip der Wohltätigkeit bekannt. Daneben nennt Banakh noch eine Reihe weiterer, geschichtlich zu erklärender Hindernisse für die Entstehung zivilgesellschaftlichen Engagements: Während des Kommunismus habe ein starker Paternalismus geherrscht, der zu einem hohen Grad bürgerschaftlicher Passivität geführt habe. Nur private Netzwerke im Nahraum seien aktiv gewesen. Organisationen des Dritten Sektors wie Gewerkschaften oder Vereine waren staatlich organisiert und reglementiert. Daraus folge bis heute eine starke Skepsis gegenüber Mitgliedschaften und festen Verpflichtungen in solchen Organisationen. Ungebundene, zeitlich begrenzte und projektorientierte Aktionen fänden eher Anklang als langfristiges, sach­orien­tiertes Engagement. Weitere Schwierigkeiten seien der Mangel an juristischem Wissen, an Transparenz und Managementfähigkeiten bei den Akteuren.

Ein ganz eigenes Thema stellt die Finanzierung dar. Ohne auf Details eingehen zu wollen, sei doch erwähnt, dass ausländisches Kapital eine enorm große Rolle spielt.

Um der Fülle zivilgesellschaftlicher Phänomene Herr zu werden, sortiert Banakh sie nach verschiedenen Kriterien: Reichweite (Fernraum/Nahraum, lokal-regional-national-international), Organisationsgrad (spontan vs. organisiert), Finanzierung (Spenden, Stiftungen, Staat, Wirtschaft, Mitglieder), inhaltliche Ausrichtung (z.B. Selbsthilfegruppen, Interessenverbände, Think Tanks, Wohltätigkeitsvereine). Leider bleibt Banakh fast immer bei der Auflistung von Zahlen und Daten stehen; über Inhalte, konkrete Aktivitäten und tatsächliche Auswirkungen oder gar Beispiele für erfolgreiches zivilgesellschaftliches Engagement erfahren wir so gut wie nichts.

Trotz aller Umwege, die man zum Gesamtverständnis der Materie nehmen muss und der nachlässigen Redaktion lohnt die Lektüre – schon um so schöner Details willen, dass es in der Ukraine (und Russland) durchaus üblich ist, Menschen für die Teilnahme an Demonstrationen zu bezahlen, was so manches vorgeblich zivilgesellschaftliche Engagement schnell in einem anderen Licht erscheinen lässt. Banakh kommt insgesamt zu dem Schluss, dass die Ukraine in ihrer Entwicklung von Zivilgesellschaft und Transformation einen mittleren Platz zwischen den ostmitteleuropäischen, bereits konsolidierten Demokratien mit funktionierender Marktwirtschaft und den postkommunistischen Ländern Osteuropas, Zentralasiens oder des Kaukasus einnimmt. Die Menge an Hindernissen und Schwierigkeiten für die Entstehung und Konsolidierung von Zivilgesellschaft klingt zwar einerseits deprimierend, andererseits machen die gelungenen Anstrengungen und die kleinen wie die großen (Orangene Revolution 2004) Erfolge doch auch Hoffnung, dass die Ukraine und ihre Zivilgesellschaft eine Chance haben.

Jana Bürgers, Offenburg

Zitierweise: Jana Bürgers über: Mykhaylo Banakh: Die Relevanz der Zivilgesellschaft bei den postkommunistischen Transformationsprozessen in mittel- und osteuropäischen Ländern. Das Beispiel der spät- und postsowjetischen Ukraine 1986–2009. Mit einem Vorwort von Gerhard Simon. Stuttgart: Ibidem, 2013. XXV, 462 S., 154 Tab., 3 Abb. = Soviet and Post-Soviet Politics and Society, 121. ISBN: 978-3-8382-0499-4, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/erev/Buergers_Banakh_Die_Relevanz_von_Zivilgesellschaft.html (Datum des Seitenbesuchs)

© 2014 by Institut für Ost- und Südosteuropastudien in Regensburg and Jana Bürgers. All rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact jahrbuecher@ios-regensburg.de

Die digitalen Rezensionen von „Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. jgo.e-reviews“ werden nach den gleichen strengen Regeln begutachtet und redigiert wie die Rezensionen, die in den Heften abgedruckt werden.

Digital book reviews published in Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. jgo.e-reviews are submitted to the same quality control and copy-editing procedure as the reviews published in print.