Jahrbücher für Geschichte Osteuropas:  jgo.e-reviews 7 (2017), 4 Rezensionen online / Im Auftrag des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Verfasst von: Inge Bily

 

Sergej V. Kodan / Sergej A. Fevralëv: Mestnoe pravo nacionalnych regionov v Rossijskoj imperii (vtoraja polovina XVII – načalo XX v.). Monografija. Moskva: Jurlitinform, 2014. 282 S. ISBN: 978-5-4396-0556-9.

Ihre ausführliche Untersuchung zum Partikularrecht nationaler Gebiete innerhalb des Russischen Reichs von der zweiten Hälfte des 17. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gliedern die russischen Wissenschaftler S. V. Kodan und S. A. Fevralëv in 3 Kapitel. Vorangestellt ist eine fundierte und als Einstieg in die Thematik sehr zu empfehlende Einleitung (S. 3–15), die anhand umfangreicher Literaturverweise den Stand der Forschung zu Untersuchungsgegenstand und -gebieten zusammenfassend darstellt, um daraus Anliegen und Ziel der eigenen Arbeit abzuleiten und zu begründen. Mit dem Thema wird ein Desiderat der Forschung aufgegriffen.

Kapitel 1 (S. 16–68) wendet sich den Quellen des Rechtspartikularismus und dem politischen und juristischen Wesen des Partikularrechts nationaler Gebiete innerhalb des Russischen Reichs zu. Schwerpunkte der Darstellung bilden die Quellen des russischen Rechtspartikularismus und die Entstehung des Partikularrechts in Russland (S. 16-29), das Partikularrecht nationaler Gebiete in Politik und Ideologie wie auch bei der Herausbildung und Festigung des Russischen Reichs (S. 29–48), abschließend das juristische Wesen des Partikularrechts sowie der Rechtssysteme nationaler Gebiete (S. 48–68).

In Kapitel 2 (S. 69–117) werden Integration, Entwicklung und Vereinheitlichung des Partikularrechts in den nationalen Gebieten von der zweiten Hälfte des 17. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts untersucht, mit folgenden Schwerpunkten: Integration, Quellen und Vereinheitlichung des Partikularrechts Kleinrusslands, Weißrusslands und Litauens (S. 69–88), Integration der Rechtsquellen und Systematisierung lokaler Gesetzessammlungen in den Ostsee-Gouvernements (S. 89–103), Integration und Nutzung der Quellen des Partikularrechts Georgiens bei der Rechtsregulierung im Kaukasus (S. 103–117).

Kapitel 3 (S. 118–230) beleuchtet Integration und Transformation lokaler Rechtssysteme in autonomen Gebieten des Russischen Reichs im Laufe des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Behandelt werden folgende Themen und Gebiete: das System des Partikularrechts des Großfürstentums Finnland im Rechtssystem des Russischen Reichs (S. 118–157), die Quellen und die Veränderungen im lokalen Rechtssystem im Gebiet Bessarabien (S. 157–195) sowie die Quellen des Partikularrechts und die Veränderungen des Rechtssystems im Königreich Polen (S. 195–230).

Jeder der Unterpunkte der Kapitel 1–3 endet mit einer knappen Zusammenfassung, bevor sich an das 3. Kapitel eine Gesamtzusammenfassung der Ergebnisse aller drei Kapitel anschließt (S. 231–243). Es folgt eine ausführliche Liste der verwendeten Quellen und Literatur (S. 244–280), die zunächst die Quellen (S. 244–265) vorstellt, erst alphabetisch geordnet, dann nach Gebieten, was nicht nur die Interessenten an zukünftigen Forschungen, sondern alle Benutzer schätzen werden, denn diese Anordnung ermöglicht eine schnelle Orientierung, auch regional. Es folgt die Literatur (S. 266–280). Mit dem Inhaltsverzeichnis (S. 281–282) schließt der Band ab.

Entstanden ist eine komplexe Analyse des Partikularrechts als politisch-rechtlicher Erscheinung und als Bestandteil des Rechtssystems des Russischen Reichs. Die gut gegliederte und logisch aufgebaute Monographie von S. V. Kodan und S. A. Fevralëv wendet sich an Lehrkräfte, Wissenschaftler und Studenten juristischer und historischer Hochschulen wie auch an breite Kreise von an der Geschichte der staatsrechtlichen Entwicklung des Russischen Reichs interessierten Lesern.

Die Autoren beleuchten die Grundlagen wie auch die grundlegenden Entwicklungstendenzen der partikularrechtlichen Regulierung unter den Bedingungen von Aufbau, Entwicklung und Festigung des Russischen Reichs. Außerdem werden die politischen und ideologischen Voraussetzungen der Herausbildung und Festigung des Partikularrechts als Teil des russischen Rechtssystems gezeigt. Und nicht zuletzt erfolgt eine Analyse sowohl der Stellung des Partikularrechts in der Politik des russischen Staates wie auch der juristischen Besonderheiten des Partikularrechts. Besondere Aufmerksamkeit schenken die Autoren der Charakterisierung der partikularrechtlichen Systeme einzelner nationaler Gebiete des Russischen Reichs. So betrachten sie die Ukraine, Weißrussland und Litauen (2. Hälfte des 17. Jahrhunderts bis vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts), die Ostsee-Gouvernements, d. h. das Baltikum (1710–1917), den Kaukasus, d. h. Georgien und Transkaukasien (1801 bis fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts), das Großfürstentum Finnland (1808–1917), das Gebiet Bessarabien (1812–1917) und das Königreich Polen (1815–1917).

Bei der geographischen Dimension der Untersuchungsgebiete in den betrachteten Zeiträumen war eine beachtliche Menge an Quellen und Literatur einzubeziehen und auszuwerten. Diese Aufgabe haben S. V. Kodan und S. A. Fevralëv erfolgreich gemeistert. Neben allen zu beachtenden allgemeinen Aspekten hatten sie immer auch die spezifischen historischen wie rechtlichen Verhältnisse des jeweiligen Gebietes im Blick. Aus dem Vergleich umfangreicher, auch regionaler Quellen war es den Autoren möglich, eine gewisse Dynamik in der Rechtsentwicklung der betrachteten nationalen Gebiete abzuleiten. Auch konnten sie zeigen, dass es sich bei den untersuchten Partikularrechten nicht, wie bisher fälschlich angenommen, einfach um Subsysteme des russischen Rechts handelt. Die behandelten nationalen Gebiete wie auch die jeweiligen Zeiträume betrachten die Autoren im Zusammenhang mit der entsprechenden lokalen Geschichte und Rechtsgeschichte, und sie stellen ebenfalls immer den Bezug zu den Verhältnissen im Russischen Reich insgesamt her. Grundlage von Bewertungen sind entsprechende Rechtsdokumente zu regionalen wie auch überregionalen Entwicklungen im Rechtswesen. Dabei wird die spezielle Bedeutung einzelner Rechtsdokumente für das jeweilige Gebiete gezielt herausgestellt. Im Rahmen ihrer Ausführungen zu den behandelten nationalen Gebieten arbeiten S. V. Kodan und S. A. Fevralëv gleichzeitig große Teile der Rechtsgeschichte dieser Gebiete auf.

Leider wurde nicht daran gedacht, mit einem, wenn auch noch so knappen, englischen oder auch deutschen Resümee die Sprachbarriere zu überwinden. Auch das Inhaltsverzeichnis gibt es lediglich in russischer Sprache. Das ist bedauerlich, denn so werden die Ausführungen, vor allem aber die Ergebnisse dieser nicht nur umfangreichen, sondern auch fundierten und innovativen Untersuchung nicht so leicht die Verbreitung finden können, die man den Autoren für ihre gute Arbeit gewünscht hätte.

Inge Bily, Leipzig

Zitierweise: Inge Bily über: Sergej V. Kodan / Sergej A. Fevralëv: Mestnoe pravo nacional’nych regionov v Rossijskoj imperii (vtoraja polovina XVII – načalo XX v.). Monografija. Moskva: Jurlitinform, 2014. 282 S. ISBN: 978-5-4396-0556-9, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/erev/Bily_Kodan_Mestnoe_pravo.html (Datum des Seitenbesuchs)

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