Jahrbücher für Geschichte Osteuropas

Im Auftrag des Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung Regensburg
herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Ausgabe: 63 (2015), 2, S. 305-307

Verfasst von: Mathias Voigtmann

 

Lu Seegers: „Vati blieb im Krieg“. Vaterlosigkeit als generationelle Erfahrung im 20. Jahrhundert – Deutschland und Polen. Göttingen: Wallstein, 2013. 620 S. = Göttinger Studien zur Generationenforschung, 13. ISBN: 978-3-8353-1251-7.

Im Gefolge des Zweiten Weltkriegs war allein in Deutschland ein Viertel aller Kinder vom Tod des Vaters betroffen, in Polen wird von 1,1 Millionen Waisen und Halbwaisen nach 1945 ausgegangen. Diese Größenordnungen lassen Lu Seegers bereits zu Beginn ihrer Studie die Behauptung vertreten, dass die kriegsbedingte Vaterlosigkeit „geradezu als eine Signatur des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden“ kann (S. 10). Hierbei, so die Autorin, kann von einem überwiegend in den pri­vaten Raum verschobenem Massenphänomen gesprochen werden, welches den Norma­lisierungsprojekten und Wiederaufbaumaßnahmen der Nachkriegszeit entgegenstand.

Haben in der öffentlichen Wahrnehmung diesbezüglich bisher die Erinnerungen west­deutscher männlicher Akademiker dominiert, verfolgt Seegers einen multiperspektivi­schen Ansatz. Ziel der hier vorliegenden Studie, bei der es sich um eine leicht gekürzte und überarbeitete Version der Habilitationsschrift der Autorin von 2011 handelt, ist es demnach, die biografischen Erfahrungen von vaterlosen Halbwaisen zu analysieren, wel­che „abseits des generationellen master narratives liegen“ (S. 33). Dieser Prämisse folgend, wertet die Autorin sowohl 30 Lebensgeschichten west- und ostdeutscher Männer und Frauen, als auch in einer vergleichenden Perspektive 10 Narrative polnischer Interview­partnerinnen und -partner aus, nicht zuletzt um nach einer spezifischen Generationalität der Betroffenen zu fragen. Bei den Interviewten handelt es sich um Personen der Jahrgänge 1935 bis 1945 mit unterschiedlichem Bildungs- und Konfes­sionshintergrund.

Das Buch, welches in einem übergeordneten Rahmen Beiträge zu mehreren aktuellen Forschungsfeldern liefert, beispielsweise zum unter­schiedlichen Umgang mit Tod und Gewalt, zu Fragen nach Kindheit in Kriegs- und Nachkriegszeiten, zu einer subjektbezogenen Gesellschaftsgeschichte sowie zu dem Zu­sammenhang zwischen öffentlichen Erinnerungskulturen und altersspezifischen Selbst­verortungen, ist in sechs große Abschnitte aufgeteilt.

Im ersten großen Teilkapitel, überschrieben mit: Strukturen, Situationen, Debatten (1914–1970), beschreibt Seegers unter anderem die gesetzlichen und gesellschaftlichen Lösun­gen der Hinterbliebenenversorgung, ausgehend vom Kaiserreich über die Weimarer Republik bis hin zu den beiden deutschen Staaten. Darüber hinaus schildert die Autorin die öffentlichen Auseinandersetzungen über die sogenannten „Halbfamili­en“ sowie die künstlerische Bearbeitung der Kriegsfolgenthematik in Film und Literatur. Überzeugend stellt sie heraus, dass die öffentliche Wahrnehmung den Söhnen „eine stär­kere Betroffenheit durch den Tod des Vaters“ zuschrieb als beispielsweise den weibli­chen Halbwaisen (S. 125). In diesem Zusammenhang konstatiert Seegers auch ein unterschiedliches Maß an genereller Herabsetzung der Halb­waisen in den beiden deutschen Staaten, bedingt durch eine asymme­trische Bewältigung und Aufarbeitung der Vergangenheit.

In Anlehnung an die Arbeiten vornehmlich von Ulrike Jureit und Dorothee Wierling und ergänzt um aktuelle Ergebnisse der Gedächtnisforschung etwa von Malte Thießen, widmet sich die Autorin im zweiten großen Teilabschnitt des Bu­ches, unter der Überschrift Subjektive Erzählungen und Deutungen: Kindheit und Jugend in der Bundesrepublik und der DDR, der individuellen Verarbeitung der Vaterlosigkeit sowie dem retrospektivem Blick auf diese. Mit dem Ziel, eine Verknüp­fung von individueller Lebensgeschichte und allgemeiner Gesellschaftsgeschichte herzu­stellen, verweist sie darauf, dass ein Großteil der Inter­viewten kaum eigene Erinnerungen an den Vater aufzuweisen hat, was bei den untersuchten Geburtsjahrgängen jedoch auch nicht verwunderlich ist. Vielmehr domi­niert in den meisten Erinnerungen und Erzählungen das Bild der zugleich leidenden und starken Mutter sowie der aus der Vaterlosigkeit resultie­rende materielle und soziale Abstieg der meisten „Halbfamilien“.

Im Zusammenhang mit diesem speziellen Mutterbild und der Fokussierung auf den sozialen Status und den Lebensstandard zeigt Seegers in den beiden sich an­schließenden Kapiteln: Subjektive Erzählungen und Deutungen: Erwachsenwerden und Erwach­sensein in der Bundesrepublik und in der DDR und Deutungen und Verortungen im Wiedervereinig­ten Deutschland nach 1989, dass einerseits bei allen Interviewpartnerinnen und -partnern ei­ne große Erwartung der „Wiedergutmachung“ besteht und dass es andererseits mit dem Tod der Mutter als wichtigstem Bezugspunkt „zu einer Re-Aktualisierung der Familiengeschichte und der kriegsbedingten Vaterlosigkeit“ kam (S. 405). Dies äußerte sich zum Beispiel in Erbstreitigkeiten, aber auch in dem generell bedingten und als unwiederbringlich empfundenen Verlust der Familiengeschichte, vor allem in solchen Fällen, in denen der Nachlass der Mutter sehr gering war.

In den letzten beiden Kapiteln der Studie beschäftigt sich die Autorin mit den Erfah­rungen und Deutungen in Polen: Kindheit und Jugend sowie mit den Erfahrungen und Deutungen in Polen: Erwachsenwerden und Erwachsensein (1956–2006). Gemeinsam ist dabei allen Erzäh­lungen, dass die spärlich vorhandenen Erinnerungen an den Vater weitestgehend von Gewalterlebnissen während der Besatzungszeit überlagert sind. Ist die Einbezie­hung der polnischen Perspektive und somit die Überwindung nationaler Beschrän­kung, „wie sie lange Zeit in generationsgeschichtlichen Studien üblich war“ (S. 13), einer der großen innovativen Pluspunkte der Studie, so wird aber auch schnell deutlich, dass der polnische Abschnitt der Arbeit im Vergleich zum deutschen hinsicht­lich der analytischen Tiefe leider etwas abfällt. Indem die Autorin Literatur zu Polen nur in englischer und deutscher Sprache benutzt hat und sie engagierte Initiativen und Verei­ne wie Moje wojenne dzieciństwo (Meine Kindheit im Krieg) und Dzieci wojny w Polsce (Kriegskinder in Polen) nicht berücksichtigt, bleibt die allgemeine Aussagekraft der polni­schen Analyse etwas blass. Auch bleibt zu fragen, inwieweit lediglich zehn Interviewpart­nerinnen und -partner wirklich als repräsentativ gelten können.

Bilanzierend arbeitet Lu Seegers heraus, „dass politische, gesellschaftliche und kultu­relle Faktoren die Wahrnehmungen und Sinnstiftungen männlicher und weiblicher Halb­waisen stärker prägten, als dies bislang in der Forschung berücksichtigt wurde“ und die Selbstdeutungen des Vaterverlustes demnach sehr stark differierten (S. 529–530). In Symbiose mit der Grunderfahrung des Vaterverlustes sind es diese Unterschiede, die „den Entstehungsprozess von Generationalität als intersubjektive Selbstverortung in der Zeit“ konturieren (S. 546). Größtenteils überzeugend legt die Autorin dementsprechend allgemein­gültige länder- und gesellschaftsübergreifende Unterschiede und Gemeinsamkeiten dar.

So verstehen sich zum Beispiel die Interviewpartner aus der BRD am ehesten als „Kriegskinder“, wohingegen sich die Betroffenen aus der DDR zuallererst als Ostdeut­sche begreifen und nur in untergeordneter Bedeutung die Bezeichnung „Kriegskinder“ für sich geltend machen. Bei den polnischen Befragten ist nach Meinung der Autorin das generationelle Verbunden­heitsgefühl am schwächsten ausgebildet bzw. kaum existent – eine Feststellung, die vor dem Hintergrund der weiter oben genannten Kritikpunkte durchaus zu hinterfragen ist. Plausibel gestalten sich die von der Autorin herausgearbeiteten Erkenntnisse zu geschlechtsspezifi­schen Merkmalen, welche sie äußerst aufschlussreich mit den sozialgeschichtlichen Rah­menbedingungen in Zusammenhang bringt. So empfinden die weiblichen Befragten in allen Fällen eine größere Verantwortung gegenüber der Mutter als dies bei den Männern der Fall ist. Dies schlägt sich häufig nieder in der Berufs- als auch in der Partnerwahl, bei denen sich die Frauen eher den Vorstellungen und Wünschen der Mütter anpassen.

Mit der Studie von Seegers liegt eine äußerst interessante und anregende sowie gut lesbare Arbeit vor, die einen sehr breiten Leserkreis verdient und deren Er­gebnisse für nachfolgende Forschungen unerlässlich sein werden.

Mathias Voigtmann, Marburg/Lahn

Zitierweise: Mathias Voigtmann über: Lu Seegers: „Vati blieb im Krieg“. Vaterlosigkeit als generationelle Erfahrung im 20. Jahrhundert – Deutschland und Polen. Göttingen: Wallstein, 2013. 620 S. = Göttinger Studien zur Generationenforschung, 13. ISBN: 978-3-8353-1251-7, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Voigtmann_Seegers_Vati_blieb_im_Krieg.html (Datum des Seitenbesuchs)

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