Jahrbücher für Geschichte Osteuropas

Im Auftrag des Instituts für Ost- und Südosteuropastudien Regensburg
herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Ausgabe: 61 (2013), 4, S. 617-618

Verfasst von: Susanne Schattenberg

 

Irina Vladimirovna Ružickaja: Prosveščennaja bjurokratija (1800 – 1860e gg.). [Auf­geklärte Bürokratie, 1800 – 1860er Jahre.] Moskva: Izdatel’skij centr Instituta rossijskoj istorii RAN, 2009, 341 S. ISBN: 978-5-8055-0212-6.

Die „aufgeklärten“ bzw. „liberalen“ Beamten des frühen 19. Jahrhunderts, die die Reformen vorbereiteten und durchführten, sind ein beliebter Gegenstand, sind sie doch Beweis dafür, wie europäisch Russland war. Sie verkörpern die Schicht gebildeter, von der Aufklärung inspirierter Adliger, die sich am Westen orientierten und Russland am europäischen Wesen genesen lassen wollten. Irina Vladimirovna Ružickaja ist Expertin auf diesem Gebiet: Nachdem sie bereits zwei Monographien zu Baron Modest A. Korf (1996) und der gesetzgeberischen Tätigkeit unter Nikolaj I. (2005) sowie das Tagebuch von Korf (2004) vorgelegt hat, präsentiert sie in dem vorliegenden Band drei herausragenden Vertreter der aufgeklärten Beamten“, nämlich P. D. Kiselev (17881872), der maßgeblich die Abschaffung der Leibeigenschaft vorantrieb, sowie D. N. Bludov (17851864) und M. A. Korf (18001876), die beide eine entscheidende Rolle in der Zweiten Abteilung der Persönlichen Kanzlei Ihrer Kaiserlichen Majestät spielten, die mit der Rechtskodifikation betraut war. Ružickaja verweist auf die Standardwerke von Richard Wortman: The Development of a Legal Consciousness in Russia (1976) und William Lincoln: In the Vanguard of Reform (1982), aber über deren Erkenntnisse kommt sie mit ihren drei Protagonisten nicht hinaus, die bestätigen, was Lincoln und Wortman bereits beschrieben haben: dass die Ideen der Aufklärung, die Erschütterungen der Französischen Revolution, der schmachvolle Frieden von Tilsit und das heroische Jahr 1812 eine besondere Mischung aus Streben nach Wissen, Patriotismus und Tatendrang schufen und dass diese Beamten ein besonderes „Expertenwissen“ bei ihren Revisionsreisen durch die Provinzen anhäuften, wo sie die Realität des ärmlichen, bäuerlichen Lebens und die schamlose Bereicherung der Beamten schockierte. Die militärische Ausbildung war zu Beginn des 19. Jahrhunderts immer noch vorherrschend (Kiselev), und in den Genuss der Lyzeums-Ausbildung kamen erst die später Geborenen (Korf). Das Lyzeum in Carskoe Selo vermittelte nicht nur systematisches Wissen, sondern auch den spezifischen „Geist“, Hüter der Rechtsnorm, Schützer des Allgemeinwohls und Gegner des Formalismus und der Korruption zu sein. Die jungen russischen Reformer unterschied von ihren westlichen Altersgenossen der große Hang zur Literatur und Poesie. Im Archiv des Außenamts schrieben sie Gedichte, übersetzten Werke ins Russische und schwärmten für ein besseres Russland (Bludov). Kiselev diente nach seinen Feldzügen in Frankreich und gegen die Türken von 18291834 als Statthalter in den Donaufürstentümern, wo er bereits erste Reformen durchsetzte, bevor ihn der Zar 1835 zu seinem Berater in Sachen Leibeigenschaft machte und ihn 1837 an die Spitze des neu geschaffenen Domänenministeriums stellte. Bludov verkehrte v. a. in literarischen Kreisen und Salons, bevor er 1826 in die Zweite Abteilung der Persönlichen Kanzlei kam, um hier unter Speranskij am Svod Zakonov mitzuarbeiten, bevor er von 1832 bis 1839 Innenminister wurde. Hier arbeitete auch Korf, der seinen Dienst als Schreiber im Justizministerium begonnen hatte und dann bald ins Finanzministerium gewechselt war.

Ružickaja hat sich zum Ziel gesetzt, den Beitrag, den diese Männer zur Modernisierung Russlands leisteten, darzulegen und dabei zu zeigen, welche persönlichen und welche allgemeinen Eigenschaften dieser Beamten(schicht) dafür entscheidend waren. Sie folgt damit einem sehr traditionellen Ansatz und erzählt in drei großen Kapiteln die Lebensgeschichte und Karriere ihrer drei Protagonisten herunter. Dabei ist erstaunlich, dass sie kaum mit Zitaten aus den Tagebüchern und Briefen arbeitet, die sie ja alle gelesen und ausgewertet hat. Sie interessiert sich nicht für Diskurse, und es gelingt ihr auch nur in Ansätzen, das spezifische Milieu oder die spezifische Atmosphäre des frühen 19. Jahrhunderts im Schatten von Napoleon und im Triumph von dessen Besiegung einzufangen. Erstaunlich ist, dass sie auch nicht systematisch nach Netzwerken, Patronagebeziehungen und rivalisierenden Clansystemen fragt, obwohl sie dafür immer wieder Beispiele bringt. Kiselev gehörte dank seiner aristokratischen Herkunft von jungen Jahren an zur Suite des Zaren, der ihn unmittelbar von einem Posten auf den anderen beförderte. Aber Bludov und Korf bedurften einiger Protektion und diverser Förderer, um ihre Karriere zu machen. Der Literat und Schwärmer Bludov brauchte eine angesehene Stellung, um seine große Liebe Fürstin Anna Ščerbatova heiraten zu können. Also besorgte ihm ein Verwandter einen Posten als Leiter einer diplomatischen Mission, und Bludov ging nach Moldavien, um sich Meriten im Kampf gegen die Türken zu erwerben. Korf wechselte seine Förderer ständig, die sich wie ein Who-is-who der russischen Staatsmänner lesen: Justizminister Lobanov-Rostovskij, Finanzminister Kankrin, der Reformer Speranskij und der Vorsitzende des Staatsrats Kočubej. Doch über die Bedeutung dieser Protektion und ihren systemischen Charakter sagt Ružickaja nichts. Obwohl sie sich auf Max Weber bezieht, interessiert sie sich nur für die Modernisierung und lässt die Debatte, inwieweit wir es im Russland des 19. Jahrhunderts noch mit einer patrimonialen Herrschaft zu tun haben, außer Acht. Wenig verständlich ist, dass sie ihre drei Protagonisten kaum miteinander ins Verhältnis setzt oder vergleicht. Dabei erwähnt sie, dass Bludov und Korf direkte Kontrahenten bei der Reform des Strafrechts im Jahr 1844 waren. Bei diesen Auseinandersetzungen sei es meist gar nicht um inhaltliche Fragen, sondern um persönliche Beziehungen bzw. Animositäten und Charakterschwächen gegangen (S. 127). Ružickaja geht nicht der Frage nach, was das zu bedeuten hat, dass hier vielleicht nicht nur persönlicher Zwist, sondern auch Rivalitäten zwischen verschiedenen „Clans“ im Spiel waren.

Die Autorin schließt mit der Feststellung, dass die Erforschung der Genese der aufgeklärten Beamten gerade erst am Anfang stehe und noch viele solche biographischen Studien gebraucht würden, um das Bild zu vervollständigen. Dem sei widersprochen: Wir brauchen nicht mehr biographische Daten, sondern mehr Analyse und andere Modelle als die „Modernisierung“, um diese Zeit besser zu verstehen.

Susanne Schattenberg, Bremen

Zitierweise: Susanne Schattenberg über: Irina Vladimirovna Ružickaja: Prosveščennaja bjurokratija (1800 – 1860e gg.). [Auf­geklärte Bürokratie, 1800 – 1860er Jahre.] Moskva: Izdatel’skij centr Instituta rossijskoj istorii RAN, 2009, 341 S. ISBN: 978-5-8055-0212-6, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Schattenberg_Ruzickaja_Bjurokratija.html (Datum des Seitenbesuchs)

© 2013 by Institut für Ost- und Südosteuropastudien Regensburg and Susanne Schattenberg. All rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact redaktion@ios-regensburg.de

Die digitalen Rezensionen von „Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. jgo.e-reviews“ werden nach den gleichen strengen Regeln begutachtet und redigiert wie die Rezensionen, die in den Heften abgedruckt werden.

Digital book reviews published in Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. jgo.e-reviews are submitted to the same quality control and copy-editing procedure as the reviews published in print.