Jahrbücher für Geschichte Osteuropas

Im Auftrag des Instituts für Ost- und Südosteuropastudien Regensburg
herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Ausgabe: 61 (2013), 4, S. 611-612

Verfasst von: Alvydas Nikžentaitis

 

Kommunikation durch symbolische Akte. Religiöse Heterogenität und politische Herrschaft in Polen-Litauen. Hrsg. von Yvonne Kleinmann. Stuttgart: Steiner, 2010. 305 S., Abb. = Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa, 35. ISBN: 978-3-515-09419-1.

Insgesamt vierzehn Autoren haben in dem Sammelband ihre Aufmerksamkeit auf die religiöse Heterogenität und politische Herrschaft sowie die Kommunikation durch symbolische Akte in Polen-Litauen in der Zeit vom 16. bis zum 18. Jahrhundert gerichtet. Der Sammelband wird durch einen Einleitungstext der Herausgeberin und zwei theoretische Texte von Gottowik und Preuße ergänzt. Wenn auch inhaltlich etwas heterogen, behandeln die Autoren des Bandes verschiedene Kommunikationsformen und Räume: Grygorjeva analysiert die diplomatischen Zeremonien polnisch-litauischer Gesandter in Istanbul, Kulik beschäftigt sich mit Sex und Liebe zwischen Juden und Christen usw.

Viel Platz wird dem Zusammenleben verschiedener Konfessionen in einem Raum (Stadt, Region) gewidmet. Müller weist zu recht auf das diesbezügliche Spezifikum Ostmitteleuropas hin. Er spricht von „Toleranz vor der Toleranz“ in Ostmitteleuropa und zerstört dabei einerseits den Mythos der ‚polnischen Toleranz‘ und zeigt andererseits, dass eine gewisse Koexistenz verschiedener Konfessionen in Ostmitteleuropa bereits früher statt gefunden hat als in deutschen Ländern und Westeuropa. Diese These Müllers wird am Beispiel Polen-Litauens im Beitrag von Kazmiercyzk zur Politik der polnischen Magnaten gegenüber den jüdischen Untertanen weiterentwickelt.

Obwohl in Polen-Litauen der Katholizismus die dominierende Konfession war, bedeutete dies keine Benachteiligung jüdischer Mitbürger bei Gerichtsverfahren. Węgryznek zeigt das sehr deutlich am Beispiel Lublins in seiner Untersuchung zu Konflikten zwischen Franziskanern und der jüdischen Bevölkerung. Kleinmann macht anhand sehr spannender Beispiele von Privilegien in Rzeszów deutlich, wie diese Koexistenz auf der unteren Ebene der Gesellschaft funktionierte. Bei der Analyse der Privilegien der Rzeszówer Zünfte konnte sie beispielsweise feststellen, dass bei der Ausübung katholischer Traditionen die jüdischen Mitglieder von der Teilnahme an öffentlichen katholischen Veranstaltungen befreit waren und die Vertreter anderer christlicher Konfessionen einen Vertreter schicken durften.

Die Koexistenz verschiedener Konfessionen hatte auch Einfluss auf die Konfessionen selbst, wie aus dem sehr erkenntnisreichen Aufsatz von Doktór zu ersehen ist. Im 18. Jahr­hundert entstand in Polen eine jüdische Sekte von Frankisten, die versuchte, den Judaismus und die Dogmen des katholisches Glauben miteinander zu verbinden.

Obwohl sich die Autoren des Bandes hauptsächlich auf die Frage der Koexistenz konzentrieren, werden die Konflikte nicht ausgespart. Der Aufsatz von Augustynowicz beschäftigt sich z. B. hauptsächlich mit der Frage der angeblichen Ritualmorde in Sandomierz.

Zwei Texte des Sammelbands beschäftigen sich mit der Frage des Zusammenhangs zwischen frühneuzeitlicher Nation und Konfession in Polen-Litauen. Tricoire analysiert das Thema der „Erfindung“ der Gottesmutter als Königin von Polen und Rohdewald untersucht den Kult von Josafat Kuncevyč im 17. Jahrhundert. Beide Themen sind recht wenig erforscht, wobei sie sehr aussagekräftig zum Thema Nation und Konfession sind. Die Untersuchung von Tricoire ist auch deswegen spannend, weil sie ein klassisches Beispiel für die Erfindung von Geschichte zur Stabilisierung der Nation ist. Dagegen verdeutlicht der Beitrag von Rohdewald, welche Faktoren das Funktionieren eines multikonfessionellen Staates wie Polen-Litauen ermöglicht haben. Mit diesem Aufsatz ergänzt der Autor auch die Forschungen von Mathias Niendorf über die Nationsbildung im Großfürstentum Litauen in der Frühen Neuzeit (Mathias Niendorf: Das Großfürstentum Litauen. Studien zur Nationsbildung in der frühen Neuzeit (1569–1795). Wiesbaden 2006).

Der ganze Band beschäftigt sich, wie man aus dem Titel entnehmen kann, geographisch mit Polen-Litauen, d. h. einer Doppelmonarchie der Frühen Neuzeit. Der konföderative Charakter dieses Staates bedeutete, dass die Situation im polnischen und litauischen Teil auch für die Vertreter verschiedener Konfessionen jeweils unterschiedlich sein konnte. Diesen Unterschiede belegt beispielsweise direkt das Dritte Litauische Statut: Anders als im polnischen Teil der Republik der beiden Nationen (Rzeczpospolita Obojga Narodów) war die Strafe für die Ermordung jüdischer Mitbürger im litauischen Teil die gleiche wie für den Mord an Adeligen. Juden durften Güter erwerben, und lange Zeit war der Übertritt zum Katholizismus für die jüdische Bevölkerung lohnend: In diesem Fall bekam der neugetaufte Jude, egal wie reich oder arm er war, sofort den Status eines litauischen Adligen (Vgl. Jurgita Šiaučiūnaitė-Verbickienė: The Social and Legal Status of Jews in the Grand Duchy of Lithuania and its Influence on the Status of Tatars and Karaites, in: Central Europe 8 [2010], 2 [Special Issue on the Grand Duchy of Lithuania], p. 68–85). Solche Details hatten vermutlich auch Auswirkungen auf den alltägliche Umgang zwischen den Vertretern verschiedener Konfessionen im litauischen Teil der Doppelmonarchie, der höchstwahrscheinlich ein anderer war als im polnischen Teil. Diese spannende Hypothese haben die Autoren des Bandes nicht überprüft, weil sie sich vor allem bei den mikrohistorischen Forschungen ausschließlich auf polnische Fallbeispiele konzentrierten. Diese womöglich zu polonozentristische Sicht auf die Geschichte Polen-Litauens provoziert weitere Fragen: Man bezweifelt nicht die Existenz einer polnischen politischen Nation in der Frühen Neuzeit; ob es dagegen eine litauische politische Nation gab und, wenn ja, in welchem Verhältnis sie zur polnischen politischen Nation stand, ist nicht ganz geklärt. Diese Frage ließ Niendorf im bereits erwähnten Buch für die zukünftige Forschung offen und sie wurde auch im hier besprochenen Sammelband nicht aufgegriffen. Vor allem Rohdewald hätte diesem Punkt nachgehen können mit der Fragestellung, ob der Kult von Josafat Kuncevyč nicht doch ein Instrument für die Bildung einer litauischen politischen Nation war. Eine solche Möglichkeit hat Niendorf dargeboten, als er z. B. den Marienkult im Großfürstentum als einen die Integrationsfaktor der politischen Nation bewertete. Rohdewald dagegen beschränkt sich in seiner Untersuchung auf die Feststellung, dass eines der wichtigsten Zentren dieses Kultes Vilnius und das Großfürstentum waren und dass dieser Kult auch im polnischen Teil des Doppelstaates verbreitet war.

Abgesehen von gewissen konzeptionellen Schwächen, ist der besprochene Sammelband jedoch als sehr wichtiger Beitrag zur Geschichte der religiösen Heterogenität in Polen-Litauen und in Ostmitteleuropa zu werten.

Alvydas Nikžentaitis, Vilnius

Zitierweise: Alvydas Nikžentaitis über: Kommunikation durch symbolische Akte. Religiöse Heterogenität und politische Herrschaft in Polen-Litauen. Hrsg. von Yvonne Kleinmann. Stuttgart: Steiner, 2010. 305 S., Abb. = Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa, 35. ISBN: 978-3-515-09419-1, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Nikzentaitis_Kleinmann_Kommunikation_durch_symbolische_Akte.html (Datum des Seitenbesuchs)

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