Andreas Frings Sowjetische Schriftpolitik zwischen 1917 und 1941. Eine handlungstheoretische Analyse. Franz Steiner Verlag Stuttgart 2007. 455 S. = Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europa, 73.

Dass sich mit dem Ende einer Epoche teleologische Erklärungsmuster, die das faktische Ende durch eine Rekonstruktion des Anfangs nochmals zu bestätigen suchen, besonders massiv aufdrängen – dies stellt eine konzeptuelle Herausforderung dar, der sich zu stellen der historisch orientierten Forschung nicht immer gelingt. Die vorliegende Studie gehört zu jenen neueren Arbeiten zur Gründungs- und Konsolidierungsphase des sowjetischen Systems der Zwanziger- und Dreißigerjahre, die mit erheblichem methodologischen Aufwand versuchen, teleologische Kurzschlüsse und deduktive Simplifizierungen zu vermeiden. Das ist umso bemerkenswerter, als ihr Gegenstand zu einem Problembereich gehört, dem seit den spät- und postsowjetischen Konflikten in den kaukasischen und mittelasiatischen Regionen große forschungspolitische Brisanz zukommt – der sowjetischen Nationalitätenpolitik der Zwanziger- und Dreißigerjahre.

Gegenstand der Studie ist die sowjetische Schriftpolitik zwischen 1917 und 1941 und deren so eigentümlicher und unwahrscheinlicher Verlauf, der mit der Latinisierung aller nationalen Alphabete nichtrussischer Sprachen beginnt und mit einer flächendeckenden Kyrillisierung sämtlicher Schriftsysteme ab 1933 seinen Abschluss findet. Präzise zeichnet die Studie ausgewählte, für die Gesamtentwicklung relevante schriftpolitische Debatten nach. Anhand der Auseinandersetzungen um die Reform der arabischen Schrift in Tatarstan und die Einführung des lateinischen Alphabets in Azerbajdžan wird zunächst verdeutlicht, wie unterschiedliche kulturhistorische und soziokulturelle Bedingungen differente Haltungen gegenüber der Latinisierung hervorbringen. Die These, die der Verfasser vertritt, betrifft das Verhältnis von Zentrum und Peripherie und zielt darauf, dass die Durchsetzung der zunächst von Baku favorisierten Latinisierung nicht die Erfüllung einer von Moskau initiierten und geplanten Maßgabe ist. Vielmehr sind es die auf dem Turkologischen Kongress 1926 kulminierenden Auseinandersetzungen zwischen Baku und Kazan’, die die Moskauer Parteispitze zum Handeln und zu einer Entscheidung „nicht für ein Alphabet, sondern für eine Republik“ (S. 235) zwingen. Der weitere Prozess der Latinisierung stellt sich im weiteren dann als ein Mechanismus des „self-enforcing“ dar, bei dem sich die übrigen Republiken dem Beispiel Azerbajdžans anschließen.

Auf einer analogen These basiert auch der zweite Teil der Studie, in dem es um die Umstellung aller Sprachen auf die kyrillische Schrift geht. Hier insistiert der Verfasser darauf, dass „die Initiative zur Kyrillisierung der Alphabete nicht von Moskau ausging“ (S. 380) und dass es sich bei der Kyrillisierung nicht um eine „konzentrierte Russifizierungsaktion“ (S. 379) gehandelt habe. Auch lassen sich die offensichtlichen Probleme bei der Alphabetisierung und die drucktechnischen Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Latinisierung nicht als unmittelbare Ursachen für den rasanten Umschwung zur Kyrillisierung identifizieren. Als ein „Auslöser für die Kyrillisierungswelle“ können lediglich der „Great Retreat, die schrittweise Aufgabe revolutionärer zu Gunsten traditioneller Werte“ und eine allgemeine „Aufwertung der russischen Sprache“ als Teil dieses Prozesses (S. 387–388) benannt werden. Auch hier operiert der Verfasser mit der Annahme einer von den Republiken ausgehenden Eigendynamik, die ausgelöst wird, nachdem die Kyril­li­sie­rungs­initiativen für die Alphabete des Nordens und des Nordkaukasus durch Moskau nicht blockiert worden sind. Die Kyrillisierungswelle seit 1933 lässt sich als Ergebnis einer „gegenseitigen Fehlrezeption“ durch die Republiken beschreiben, bei der Moskau „Präferenzen unterstellt werden, die dort keineswegs vorhanden waren“. „Eine Art gegenseitige self-fulfilling prophecy“ wird in Gang gesetzt (S. 395).

Mit einem beträchtlichen Aufwand an Archivmaterial und methodischem Instrumentarium relativiert der Verfasser die in der Forschung persistente Vorstellung von der moskauzentrierten Entscheidungsstruktur. Er lässt deutlich werden, dass die (schrift-)politischen Entwicklungen aus den Interrelationen der nichtrussischen Republiken untereinander resultieren und zeigt, wie komplex, dezentriert und kontingent sie ablaufen; das Agieren auf Seiten der Moskauer Institutionen ist weniger initiativ als vielmehr reagierend. Hier liegt der unbestreitbare gegenstandsbezogene Forschungsbeitrag der Studie.

Bemerkenswert ist die Studie aber auch in methodischer Hinsicht. Der konzeptuelle Master­plot, der sowohl die feingliedrige, „erzählende“ Darstellung der schriftpolitischen Debatten als auch das „Erklären“ der historisch-empirischen Phänomene bedingt, verdankt sich einer an handlungstheoretischen Modellen des „rational choice“ orientierten Argumentation. Konsequent wird zwischen den Intentionen der historischen Akteure, den jeweiligen Referenzrahmen von Handlungen und Entscheidungen und schließlich einer über die Zeit hin zu beobachtenden strukturbildenden „Logik der Aggregation“ von Handlungs- und Entscheidungsverläufen unterschieden. Die strikte Trennung von empirisch ausgerichtetem „Erzählen“ der Chronologien schriftpolitischer Diskussionen und kom­paktem, handlungstheoretisch modelliertem „Erklären“ produziert dabei allerdings erhebliche Redundanzen und macht die Lektüre manchmal doch recht mühsam. Aufschlussreich ist dabei, dass die Schubkraft der handlungstheoretischen Argumentation im zweiten Teil der Arbeit, der sich mit der Kyrillisierung beschäftigt, erheblich abnimmt. Dies liegt wohl daran, dass sich die Strukturen der sowjetischen Machtkommunikation, die sich in den dreißiger Jahren entwickelten, nur sehr bedingt in einem „rational-choice-Modell“ beschreiben lassen. Während das „rational-choice-Modell“ mit der Beobachtung von Differenzen operiert, um dann davon ausgehend die unterschiedlichen Referenzen und Ziele von (politischen) Akteuren zu bestimmen, weist das sowjetische politische und kulturelle System ab den Dreißigerjahren gerade eine markante Tendenz zur Tilgung von Differenzstrukturen auf. Jede Handlung, ob in der Wissenschaft, Politik, Literatur oder im Recht, ist darauf angelegt, seine differenzielle Spur zu tilgen, um im Blick auf das Ganze, auf das sowjetische Ethos bemessen zu werden. Insofern ließe sich der Befund der Studie, dass ab den Dreißigerjahren zwar ein verstärktes, gesamt­sowjetisches Interesse an der russischen Sprache zu beobachten, aber dennoch keine vom politischen Moskauer Zentrum ausgehende Initiative zur Kyrillisierung der nationalen Alphabete nachweisbar ist, auch als Strukturmerkmal der sowjetischen (totalitären) Machtkommunikation deuten, deren Spezifik eben darin besteht, den Unterschied von informeller und formaler Macht zu eliminieren und die Urheberschaft von Macht und die unterschiedlichen Funktionen von Machthaben und Machtbetroffenheit der Beobachtbarkeit permanent zu entziehen – ein Phänomen, dass sich in allen Teilbereichen des sowjetischen Systems beobachten lässt, aber mit dem Modell des „rational-choice“ kaum erfasst werden kann. Somit kommt der Studie auch das Verdienst zu, durch ihre konsequente Argumentation sowohl die Leistungsfähigkeit aber auch die begrenzte Reichweite des „rational-choice“-Modells deutlich werden zu lassen.

Jurij Murašov, Konstanz

Zitierweise: Jurij Murašov über: Andreas Frings: Sowjetische Schriftpolitik zwischen 1917 und 1941. Eine handlungstheoretische Analyse. Franz Steiner Verlag Stuttgart 2007. 455 S. = Quellen und Studien zur Geschichte des oestlichen Europa, 73. ISBN: 978-3-515-08887-9, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. Neue Folge, 58 (2010) H. 1, S. 114-116: http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Murasov_Frings_Sowjetische_Schriftpolitik.html (Datum des Seitenbesuchs)