Jahrbücher für Geschichte Osteuropas

Im Auftrag des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung Regensburg
herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Ausgabe: 65 (2017), 4, S. 680-683

Verfasst von: Martin Munke

 

Stefan Guth: Geschichte als Politik. Der deutsch-polnische Historikerdialog im 20. Jahrhundert. Berlin, Boston: De Gruyter Oldenbourg, 2015. VII, 520 S. = Ordnungssysteme, 45. ISBN: 978-3-11-034611-4.

Mit seiner Studie zum deutsch-polnischen Historikerdialog – der die Beschreibung als Dialog tatsächlich nur für den kleineren Teil des behandelten Zeitraums verdient – bewegt sich der Tübinger Historiker Stefan Guth auf einem Feld, das in den vergangenen beiden Jahrzehnten intensiv erforscht worden ist: dem Neben-, Gegen- und nur selten Miteinander der Geistes- und vor allem Geschichtswissenschaften in zwei Nachbarstaaten, die sich auch politisch zumeist antagonistisch gegenüberstanden. Hierbei vermag er mit seiner bereits mehrfach ausgezeichneten Arbeit neue Akzente zu setzen, zumal sie den viel beschworenen, aber nur selten eingelösten Anspruch einer international vergleichend angelegten Untersuchung des Themas wirklich ernst nimmt. Neben der Einbettung in die deutsch-polnische Beziehungsgeschichte verfolgt Guth einen wissenschaftsgeschichtlichen Strang, der methodisch reflektiert das Verhältnis von Wissenschaft und Politik – der „Historisierung der Politik“ und der „Politisierung der Historie“ (S. 2–3, anknüpfend an eine Formulierung des Ostmitteleuropahistorikers Herbert Ludat) im 19. und 20. Jahrhundert – in den Blick nimmt und von Guth als eine „politische Geschichte der Geschichtsschreibung“ (S. 3) bezeichnet wird. Er fragt dabei nach den „politischen Voraussetzungen und Implikationen ihrer [d.h. der Berufshistoriker M.M.] historiographischen und geschichtspopularisierenden Tätigkeit“ (S3).

Die Arbeit basiert auf der bereits 2009 in Bern abgeschlossenen Dissertation des Verfassers; Literatur wurde bis zum Erscheinungsjahr 2013 berücksichtigt. So konnte z. B. die (ebenfalls mehrere Jahre nach Abschluss publizierte) Dissertation von Gernot Briesewitz zur polnischen „Westforschung“ und deren Bezügen zur „Ostforschung“ nicht herangezogen werden, was gerade für die in beiden Büchern behandelten dreißiger und vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts interessant gewesen wäre – zumal es zwischen den benutzten Archivbeständen nur wenige Überschneidungen gibt und sich auch der methodische Zugriff unterscheidet. Hauptgrundlage von Guths Studie bilden Quellen aus 14 polnischen und deutschen Archiven. Vor allem die Fülle der ausgewerteten Warschauer und Posener Archivbestände ist es, die die bisherigen Kenntnisse über die geschilderten Vorgänge sowie die handelnden Akteure in ihren Kontexten im Detail erweitert. Ein wichtiges Verdienst der Studie ist es zudem, bisherige Forschungen analytisch und vergleichend zu bündeln.

Thematisch konzentriert sich der Autor auf das Wirken der großen Forschungsverbände und -einrichtungen wie die Nordostdeutsche Forschungsgemeinschaft mit der Publikationsstelle Berlin-Dahlem bzw. das Marburger Herder-Institut als eine Art Nachfolger auf deutscher und das Westinstitut (Instytut Zachodni) in Posen/Poznań auf polnischer Seite. Außerdem werden zentrale Konferenzen und Publikationsvorhaben behandelt. Chronologisch vorgehend, setzt Guth mehrere zeitliche Schwerpunkte. Zunächst be­leuchtet er den deutsch-polnischen „Historikerstreit“ (S. 31) in der Zwischenkriegszeit mit dem Internationalen Historikerkongress in Warschau 1933 als Scharnier zu den veränderten Voraussetzungen in der NS-Zeit. Die Kriegsjahre werden dann eher kursorisch behandelt, worauf eine umfassende Analyse der fortgesetzten Auseinandersetzung von „Ost-“ und „Westforschung“ (teilweise verwendet Guth synonym „Westgedanke“ als wörtliche Übersetzung von poln. myśl zachodnia) unter den Bedingungen der beginnenden Blockkonfrontation erfolgt. Ein weiteres kürzeres Kapitel behandelt die Beziehungen der polnischen Forscher zu den Kollegen im „anderen Deutschland“, der DDR. Erneut ausführlicher widmet sich Guth abschließend der „verspäteten Verständigung“ (S. 353) ab den siebziger Jahren, besonders im Kontext der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission. Jenseits der Kapiteleinteilung lässt sich die Arbeit so in zwei übergeordnete Komplexe gliedern: Einerseits ist dies die Behandlung jener Zeit, in der die Paradigmen von „Ostforschung“ und „Westforschung“ den gegenseitigen Umgang bestimmten. Deutlich werden dabei besonders die Kontinuitäten über die scheinbaren Brüche von 1933 und 1945 hinweg, und dies für beide behandelten Wissenschaftsgemeinden. Es folgte dann, andererseits, eine zweite Phase, die von der allmählichen Abkehr von diesen Grundlagen geprägt war. Die entsprechende Einteilung bedeutet zugleich, dass – anders als man es beim Titel vermuten könnte – zunächst die Zeit um den Ersten Weltkrieg herum nur am Rand gestreift wird. Auch die Jahre ab den achtziger Jahren mit dem Umbruch von 1989, weitergehenden Tendenzen zur Verständigung, teilweise jedoch mit einer „Destruktion des Dialogs“ (Dieter Bingen u. a.) aufgrund des nach wie vor umstrittenen Themas Vertreibung werden nur in Ausblicken thematisiert. Die Rolle der Fachhistoriker gerade in diesen letzteren Debatten wäre ein weiterer interessanter Untersuchungsgegenstand gewesen, der wohl Guths Befund der Entwicklung eines „stärker meinungspluralistisch strukturierten Settings“ (S. 466) in Gesellschaft und Wissenschaft sowie den Verlust der Deutungshoheit einzelner Milieus bestätigt hätte.

In seinem ersten Themenkomplex arbeitet der Autor eine Reihe von Analogien zwischen beiden Forschungsrichtungen heraus (mit großen Unterschieden natürlich in Hinblick auf die persönlichen und institutionellen Bedingungen im Weltkrieg, wobei sich die vertretenen Programme in vergleichbarer Weise expansiv radikalisierten). Demnach stand „auf beiden Seiten die Legitimation territorialer Ansprüche mit wissenschaftlichen Argumenten [im Vordergrund]“ (S. 301), wobei jeweils die Leistungen des „eigenen“ Volkes herausgestellt und der Nachbar nur als „negative[r] Einflussfaktor“ (S. 302) wahrgenommen wurde – jeweils einhergehend mit der Durchsetzung einer politisch untermauerten Deutungshoheit über die behandelten Fragestellungen. Diese national bestimmte Einseitigkeit führte zu einer Konzentration auf wenige Themen, die dann aber mit einer durchaus neuartigen Vielfalt an Methoden behandelt wurden. Die Geschichtswissenschaft charakterisiert Guth dabei als eine „Integrationswissenschaft“ (S. 302), die die verschiedenen Ansätze zusammenführte. Die Argumentationen der jeweils anderen Seite wurden häufig aufgegriffen und „umgedreht“ – etwa in der Frage, wessen Vorfahren ein bestimmtes Gebiet zuerst besiedelt hatten. In Polen herrschte allerdings für lange Zeit eine stärker staatsbezogen-politikgeschichtliche Richtung vor. Der „volksgeschichtliche“ Zugriff der „Ostforschung“ blieb so zunächst ein „Alleinstellungsmerkmal“. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand die Frage der Grenzen erneut im Mittelpunkt, in Polen nun besonders zur Begründung des eigenen Anspruchs auf die „wiedergewonnenen“ Gebiete im Westen, die ehemaligen deutschen Ostgebiete. Unter Anpassung des Vokabulars – antikommunistisch gefärbt in der Bundesrepublik, marxistisch-sozialistisch in der Volksrepublik – blieben sowohl die Akteure weitgehend dieselben, wie zunächst auch ihre Funktionen auf dem Gebiet der Außenpolitik und der Erinnerungspolitik ihres jeweiligen Staates. Mit der zunehmenden Akzeptanz des Gebietsverlustes im Osten in der bundesdeutschen Bevölkerung und der Normalisierung der politischen Beziehungen verlor allerdings die „Ostforschung“ zunehmend an Bedeutung, während die legitimatorischen Aufgaben der „Westforschung“ weiter bedeutsam blieben, zumal die betroffenen Gebiete eine wichtige Rolle für die wirtschaftliche Entwicklung des polnischen Staates spielten und die Oder-Neiße-Grenze einen zentralen Bezugspunkt auch der sowjetischen Politik darstellte. Kaum vergleichbar war zudem natürlich der jeweilige Freiheitsgrad in einer demokratisch und in einer staatssozialistisch verfassten Gesellschaft – die später einsetzende „Abkehr von der Parteilichkeit war […] nur in dem Maße möglich, wie sie auch die jeweilige nationale Geschichtspolitik zuließ“ (S. 461).

Schon ähnlicher waren da die Verhältnis in der Volksrepublik und in der DDR, die Guth als Überleitung zum zweiten Komplex behandelt. Die Historiker beider Länder waren trotz der „verordneten Freundschaft“ (S. 307) kaum in der Lage, die bisher bedienten Antagonismen argumentativ vollständig zu beseitigen. Vielmehr kam es auch hier, u. a. in der Arbeit der von 1956 bis 1990 existierenden zwischenstaatlichen Historikerkommissionen, wiederholt zu national begründeten Gegensätzen. Zwar wurden historische Gemeinsamkeiten aus vorgelagerten Epochen – etwa der „Völkerfrühling“ Mitte des 19. Jahrhunderts – betont und man arbeitete sich am gemeinsamen Gegner im Westen ab, z. B. hinsichtlich des fortgesetzten Wirkens der „Ostforscher“. Gerade bei umstrittenen Punkten der jüngeren Vergangenheit aber ließ sich kaum Einigkeit erzielen, zumal auch das sowjetische Geschichtsbild im Hintergrund immer eine Rolle spielte. Und während die DDR-Historiker die Geschichte eines „besseren Deutschlands“ erzählten und sich von großen Teilen der „deutschen“ Vergangenheit distanzierten, argumentierten die polnischen „weiterhin mehrheitlich von der Warte einer traditionellen Nationalgeschichte aus“ (S. 350), die überwiegend positiv gedeutet wurde. Der „internationale Klassenkampf“ als Leitparadigma konnte solche Gegensätze nur teilweise überbrücken, zumal es von den DDR-Historikern in viel dogmatischerer Art und Weise bedient wurde. Guth wertet dieses Geschichtsbild daher gerade nicht als konsensbildend, sondern als Hindernis auf dem Weg zur Verständigung. Erst durch die „Erbe-Diskussion“ in der DDR in den siebziger und achtziger Jahren mit der Wiederaneignung z. B. der preußischen Vergangenheit näherten sich die methodischen Zugriffe hier wieder an.

Zugleich wurde in den siebziger Jahren die ostdeutsch-polnische Konsultation „vom westdeutsch-polnischen Dialog überholt“ (S. 352). Grundlage dafür war ein allmählicher Wandel der Forschungsparadigmen in der Bundesrepublik, der an die Stelle der volksgeschichtlich-germanozentrischen Annahmen stärker beziehungsgeschichtlich argumentierende Ansätze treten ließ, während sich allgemein die Zugänge pluralisierten und die behandelten Themen sowie die Akteure nicht mehr ‚nur‘ an den Forschungsinstituten, sondern auch stärker an den Universitäten verankert waren. Von Bedeutung waren hier einerseits die Neuzeithistoriker in der beginnenden „Aufarbeitung“ der Grundlagen und Ausprägungen der NS-Besatzungs- und Vernichtungspolitik, die zu einer „Versachlichung der beziehungsgeschichtlichen Auseinandersetzung“ (S. 366) beitrugen, und anderseits aber gerade auch die Mediävisten, deren Beiträge zuvor vielfach für die territoriale Legitimation herangezogen worden waren. Nicht umsonst waren mit Albert Brackmann und Hermann Aubin die beiden führenden „Ostforscher“ Mittelalterhistoriker gewesen – in Aubins Fall bis weit in die Bundesrepublik hinein –, und nicht umsonst sollte einer der frühesten und damit wichtigsten Ansätze zur Traditionskritik nach 1945 durch den Mittelalterhistoriker Walter Schlesinger formuliert werden. Auch auf polnischer Seite wandte man sich zunehmend vom umfassenden „Feindbild Deutschland“ ab und bescheinigte der deutsche Geschichte „nur noch eine partielle Negativität“ (S. 371). In der Arbeit der Anfang der siebziger Jahre begründeten Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission mit ihren mannigfaltigen Themen – von der Geschichte des Deutschen Ordens über die Aufklärung, den Vormärz und den „Völkerfrühling“ bis hin zu den „heißen Eisen“ Besatzung, Vertreibung und Oder-Neiße-Grenze – wird zugleich die fortwährende Verquickung wissenschaftlicher und politischer Interessen deutlich, wobei trotz des pädagogisch-didaktischen Hintergrunds der fachwissenschaftliche Dialog im Vordergrund stand – u. a., so Guth, aufgrund der „be­acht­liche[n], von ideologischen Befangenheit kaum getrübte[n] methodische[n] Flexibilität der polnischen Historiker“ (S. 452). Gleichwohl gab es auch hier „Konsens-, Dissens- und Tabu-Themen“ (S. 453). Und so gilt bis heute, dass angesichts politischer Positionsbezüge, die für die Wissenschaft vielfach attraktiv sein können, „die Fachwissenschaft ihr Versachlichungspotential zwar ausschöpfen kann, aber beileibe nicht muss“ (S. 469). Stefan Guth führt die Gründe dafür in seiner Studie sachlich und kompetent vor.

Martin Munke, Dresden

Zitierweise: Martin Munke über: Stefan Guth: Geschichte als Politik. Der deutsch-polnische Historikerdialog im 20. Jahrhundert. Berlin, Boston: De Gruyter Oldenbourg, 2015. VII, 520 S. = Ordnungssysteme, 45. ISBN: 978-3-11-034611-4, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Munke_Guth_Geschichte_als_Politik.html (Datum des Seitenbesuchs)

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