Jahrbücher für Geschichte Osteuropas

Ausgabe: 59 (2011) H. 3

Verfasst von: Rudolf A. Mark

 

Hunger by Design. The Great Ukrainian Famine and Its Soviet Context. Edited by Halyna Hryn. Cambridge, MA: Ukrainian Research Institute of Harvard University; distributed by Harvard University Press, 2008. XII, 150 S., Tab., Graph. = Harvard Papers in Ukrainian Studies. ISBN: 978-1-932650-05-1.

Nikolaj A. Ivnickij: Golod 1932–1933 godov v SSSR. Ukraina, Kazachstan, Severnyj Kavkaz, Povolž’e, Central’no-Černozemnaja oblast’, Zapadnaja Sibir’, Ural [Der Hunger in der UdSSR in den Jahren 1932–1933. Ukraine, Kasachstan, Nordkaukasus, Wolga-Gebiet, Zentrales Schwarzerdegebiet, Westsibirien, Ural]. Moskva: Izdat. Sobranie, 2009. 287 S., Tab. ISBN: 978-5-9606-0076-7.

Ivan I. Čigirin: Mif i Pravda o „Stalinskom golodomore“. Ob ukrainskoj tragedii v 1932–1933 godach [Mythos und Wahrheit über den „Stalinschen Holodomor“. Von der ukrainischen Tragödie in den Jahren 1932–1933]. Velikie Luki: Velikolukskaja Gorodskaja Tipografija, 2009. 176 S., Tab., Graph., Abb. ISBN: 978-5-350-00181-5.

Die Hungerkatastrophe in der Sowjetunion zu Beginn der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ist seit dem Erscheinen von Robert Conquests „The Harvest of Sorrow“ im Jahre 1986 und mit der Öffnung der Archive in den Nachfolgestaaten der UdSSR Gegenstand intensiver Forschungen geworden. Der gleichzeitig einsetzende wissenschaftliche Diskurs ist noch längst nicht abgeschlossen, wie die hier vorliegenden Publikationen zeigen. Sie könnten nach Art, Methode und Interesse leitender Fragestellung nicht unterschiedlicher sein und illustrieren auf diese Weise die Besonderheiten und Analyseperspektiven der gegenwärtigen Forschungsfelder.

Während die fürchterlichen Geschehnisse jener Jahre von keiner Seite mehr bestritten werden, auch über die Opferzahlen dank intensiver Untersuchungen bis hinunter auf die lokale Ebene kaum noch Dissens besteht, scheiden sich die Geister nach wie vor bei der Einschätzung und Interpretation der die Katastrophe generierenden Faktoren, der Identifizierung der verantwortlichen Akteure sowie der ihnen und ihren Strategien zugrundeliegenden Intentionen. Dass dabei die Instrumentalisierung durch Regierungen und Interessengruppen eine nicht unwesentliche Rolle spielt, steht allen mit diesem Forschungsgegenstand befassten Historikern und Historikerinnen sowie Politologen und Politologinnen stets vor Augen.

„Hunger by Design“ ist Titel einer aus einem Forschungsprojekt des Harvard Ukrainian Research Institutes hervorgegangenen Publikation. Einige Autoren (And­rea Graziosi, Hennadii Boriak, Sergei Maksudov) der hier versammelten Beiträge versuchen sehr sorgfältig und argumentativ schlüssig, die These vom geplanten ukrainischen Genozid zu belegen. Auch wenn andere Ethnien ebenfalls Opfer des Holodomor waren, so sei doch die ländliche Bevölkerung, gegen die sich die Stalinsche Politik richtete, überwiegend ukrainisch gewesen, lautet der Tenor. Die Apostrophierung der Ukrainer als Petljura-Leute oder der Gebrauch der Bezeichnung „ländlicher Terror“ für die Bauernproteste sowie bewusst verweigerte Überlebensmaßnahmen durch die Parteiführung werden gleichermaßen als Beweis dafür angeführt, dass die Hungersnot geplant war. Dagegen kommen die Verfasser zweier Untersuchungen zu Kasachstan und zum Uralgebiet (Niccolò Pianciola, Gijs Kessler) zu dem Schluss, dass die Vernichtung zwar nicht von Anbeginn an beabsichtigt gewesen sei, aber Hunger und Hungertod zur Disziplinierung genutzt und als Preis für die dadurch erreichte Kontrolle über die ländlichen Regionen bewusst in Kauf genommen wurden.

Die Beiträge insgesamt betrachtet sind durchaus aufschlussreich. Fragwürdig ist allerdings, dass in ihnen ein großer Teil der internationalen Forschung zum Holodomor überhaupt keine Würdigung findet. Eine Ausnahme bildet lediglich der Aufsatz von George Grabowicz, der bei seiner Diskussion der normativen und ethisch-politischen Aspekte der Genozid- und Holocaustdiskussion auch auf den in der deutschen Wissenschaft geführten Diskurs eingeht.

Einen Teil der ukrainischen und englischsprachigen Forschung hat Nikolaj A. Ivnickij rezipiert und für die Abfassung seiner Studie genutzt, die sich durch eine breite Quellenbasis, beruhend auf Materialien aus den Archiven des Politbüros, Stalins, des CK der KPSS und des RGASPI, auszeichnet. Sie schließt, wie der Verfasser schreibt, seine bisherigen Forschungen ab, die er seit 1972 zur Geschichte der Kollektivierung und „Entkulakisierung“ der sowjetischen Landwirtschaft in mehreren Monographien veröffentlicht hat. Ivnickij und seine Familie waren selbst Leidtragende der Hungernot, weshalb ihn die schrecklichen Ereignisse, zu denen er in sowjetischer Zeit zwar hat recherchieren, aber nicht publizieren dürfen, nie losließen. Die damals in den Archiven eruierten Informationen konnten daher erst mit dem Ende der Sowjetherrschaft Eingang in seine Veröffentlichungen finden. Mit der vorliegenden Studie will er vor allem die Ursachen, das Ausmaß und die Folgen der Hungersnot deutlich machen und außerdem beweisen, dass diese menschliche Tragödie kein Genozid Russlands und der Russen am ukrainischen Volk gewesen sei, wie von Viktor Juščenko als ukrainischem Präsidenten unterstellt wurde, sondern ein Kapitel aus der gemeinsamen Geschichte beider Völker. Dementsprechend geht der Autor in seiner Darstellung vor – streng chronologisch und von der Ukraine bis nach Sibirien hinein alle von der Katastrophe berührten Territorien berücksichtigend. Hier hätte ein konsequent komparatistischer Ansatz sehr ergiebig sein können. Auf ihn hat Ivnickij zu Gunsten einer eher im Zahlen-Fakten-Stil gehaltenen Aufarbeitung ebenso verzichtet wie auch auf eine Analyse der von ihm penibel recherchierten Ereignisse. Lediglich in seiner Schlussbetrachtung sucht er ansatzweise den Vergleich. Er braucht ihn aber wohl auch deshalb nicht, weil er die Hungersnot als den fürchterlichen Preis für die bolschewistische Umstrukturierung der Landwirtschaft versteht, den nicht nur die Ukrainer zu zahlen hatten. Daher setzt er sich in seinem Buch auch nicht mit den Resultaten und Thesen der internationalen Forschung auseinander. Der Darstellung folgt ein Anhang, der ca. zwei Dutzend Dokumente (Anordnungen, Dekrete, Statistiken, OGPU-Meldungen) umfasst, die Ivnickijs These belegen sollen. Der Leser des Buches kann ein Personenverzeichnis befragen, muss aber auf ein Quellen- und Literaturverzeichnis verzichten.

Handelt es sich bei diesen beiden Studien um Resultate seriöser wissenschaftlicher Bemühungen, kann man solches von Ivan I. Čigirins Buch kaum behaupten. Auch er zitiert zahlreiche Dokumente aus dem RGAĖ, GARF und RGASPI vor allem mit dem Ziel zu beweisen, dass der Holodomor in der Ukraine zwar künstlich herbeigeführt wurde, dass aber weder Stalin noch die Führung der UdSSR dafür verantwortlich gewesen seien. Schuld sind seiner Beweisführung nach die regionalen und lokalen Parteiführer in der Ukraine gewesen, die aufgrund mangelnder administrativer und organisatorischer Fähigkeiten chaotische Verhältnisse produziert, aus Habgier sich Vermögen der Kulaken angeeignet und Getreide ins Ausland verkauft hätten, während die Führung in Moskau alles in ihrer Macht stehende unternommen habe, den Hungernden in der Ukraine zu helfen. Čigirin stützt sich zudem auf Dokumente wie z.B. Regierungsverlautbarungen in der „Pravda“ oder Geständnisse in den großen Schauprozessen, um zu belegen, dass trotzkistische Machenschaften und ausländische Verschwörungen, durch welche die Ukraine der UdSSR entrissen und die Sowjetmacht gestürzt werden sollte, den eigentlichen Hintergrund bildeten. Hier scheint ein allrussischer oder nationalbolschewistischer Eiferer mit dem Holodomor-Thema ideologischen Missbrauch zu treiben. Dass die Publikation, die wie ein Schulbuch aufgemacht ist, zudem mit Fotos vom Kiever Bahnhof in Moskau sowie von einem Kriegsschiff mit ukrainischer und russländischer Flagge in Sevastopol’ illustriert ist, verdeutlicht die Absicht ihres Autors.

Rudolf A. Mark, Hamburg

Zitierweise: Rudolf A. Mark über: Hunger by Design. The Great Ukrainian Famine and Its Soviet Context. Edited by Halyna Hryn. Ukrainian Research Institute of Harvard University, Cambridge, MA 2008. = Harvard Papers in Ukrainian Studies. ISBN: 978-1-932650-05-1; Nikolaj A. Ivnickij Golod 1932–1933 godov v SSSR. Ukraina, Kazachstan, Severnyj Kavkaz, Povolž’e, Central’no-Černozemnaja oblast’, Zapadnaja Sibir’, Ural [Der Hunger in den Jahren 1932–1933 in der UdSSR. Ukraine, Kasachstan, Nordkaukasus, Wolga-Gebiet, Zentrales Schwarzerdegebiet, Westsibirien, Ural]. Izdat. Sobranie Moskva 2009. ISBN: 978-5-9606-0076-7; Ivan I. Čigirin Mif i Pravda o “Stalinskom golodomore”. Ob ukrainskoj tragedii v 1932–1933 godach [Mythos und Wahrheit über den “Stalinschen Holodomor”. Über die ukrainische Tragödie in den Jahren 1932–1933]. Velikolukskaja Gorodskaja Tipografija Velikie Luki 2009. ISBN: 978-5-350-00181-5, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Mark_SR_Holodomor.html (Datum des Seitenbesuchs)

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