Jahrbücher für Geschichte Osteuropas
Ausgabe: 59 (2011) H. 3
Verfasst von: Jan Kusber
Elena N. Marasinova: Vlast’ i ličnost’. Očerki russkoj istorii XVIII veka [Macht und Persönlichkeit. Skizzen der russischen Geschichte des 18. Jahrhunderts]. Moskva: Nauka, 2008. X, 460 S., Abb. ISBN: 978-5-02-035970-3.
Elena Marasinova ist eine der anregendsten Forscherinnen zur Geschichte der russländischen Eliten des 18. Jahrhunderts. Dies bewies sie schon mit ihrer innovativen Studie über die Psychologie des russischen Adels, in der sie versuchte, die Dispositionen und Mentalitäten des gebildeten Adels anhand von Ego-Dokumenten zu erschließen. Damit beschritt sie seinerzeit in Russland neue Wege der Kulturgeschichtsschreibung, die sie in ihrem neuen Werk über „Macht“ und „Persönlichkeit“ im Russland des 18. Jahrhundert fortsetzt. Die Analyse eines oft beschriebenen Gegensatzes zwischen der „Macht“, einem Terminus, der mit Blick auf Russland eine eigene begriffsgeschichtliche Studie in der longue durée wert wäre, und der gebildeten Elite ist oft und vor allem mit Blick auf das letztendliche Scheitern des zarisch-imperialen Experiments unternommen worden. Marasinova greift die einschlägigen Studien der russischen wie auch Teile der westsprachigen Historiographie zu diesem Komplex kenntnisreich auf. Ihr geht es jedoch nicht um den Gegensatz zwischen Gruppen, sondern um den Einfluss, den die aufgeklärte Herrschaft auf die Bildung des Individuums und über diese auf die mentalen Dispositionen der Elite nahm.
Die Verfasserin selbst nennt als Ziel ihres Buches, die Dichotomie zwischen dem vielfach bemühten Gegensatzpaar „Macht“, von ihr verstanden als die autokratische Spitze des Zarenreiches, und „Gesellschaft“ aufzubrechen und nach den Entfaltungs- und Handlungsmöglichkeiten des Individuums zu fragen. Ihr Gerüst, mit dem sie die Intentionen der Macht, also der Herrscher und Herrscherinnen mit ihren jeweils engsten Beraterzirkeln herausarbeitet, sind einerseits bekannte Schlüsseltexte zum staatlich initiierten Bildungsdiskurs der Zeit, andererseits eine Fülle von normativen Quellen: Verordnungen, die das Dienstverhältnis des Adels in der Zeit Peters I. begründeten, in der Folgezeit modifizierten und im ausgehenden 18. Jahrhundert auf eine freiwillige Basis stellten und privilegierten. Die Wirkung auf das adlige Individuum versucht sie in Briefwechseln hochadliger Familien zu finden, die Auskunft geben über ihrderen Verhältnis zu Bildung, zu gesellschaftlichen Entwicklungen, zu Dienst und Herrschaft, aber auch zu ihren persönlichen Erfahrungshorizonten. Das alles ist hoch spannend, bietet eine Fülle von Material, jedoch ist der Bezug zwischen den normativen Quellen und den ausgewerteten Ego-Dokumenten nicht immer ersichtlich.
Am Ende ihres Schlusswortes zieht Marasinova ein ambivalentes Fazit, indem sie andeutet, dass die von ihr beschriebenen Beobachtungen immer auch mit einem Seitenblick auf aktuelle Entwicklungen gelesen werden können. Dazu verweist sie beispielhaft auf die bildlichen Darstellungen im Zusammenhang mit der Errichtung des Ehernen Reiters von Falconet, denn mindestens ebenso oft, wie die Enthüllung des Denkmals 1782 in Kupfer gestochen wurde, wurde ein anderes Motiv, nämlich der Transport des gewaltigen „Donnersteins“, jenes tonnenschweren Denkmalsockels aus Karelien durch Menschenkraft, publiziert. Ihr Resumée lautet folglich: Neben der Kontinuität der Vision der Europäisierung Russlands durch Peter I. und Katharina II. steht die immer wiederkehrende Indienstnahme aller Untertanen zum Nutzen und Ruhme des russländischen Staates. Dies gilt für das 18. Jahrhundert, dies gilt mit Veränderungen für das 19. Jahrhundert, und dies gilt auch für die russische Gegenwart. Vor diesem Hintergrund, so Marasinova, habe es das Individuum mit seinem Eigenbewusstsein schwer gehabt, sich zu behaupten. Marasinova ist nicht die erste, die solches behauptet. Auch ist diese Erkenntnis als Fazit für eine Monographie zum Verhältnis von Individuum, Adel und Staat mit einem Umfang von 440 Seiten vielleicht ein bisschen wenig. Neben manchem Bekannten, was in der Forschung über herrscherliche Intentionen, über Modernisierung und ihre Gegenkräfte im 18. Jahrhundert bereits länger diskutiert wird, finden sich jedoch viele interessante Beobachtungen zum Leben der adligen Elite im 18. Jahrhundert, insbesondere zu den Beziehungen innerhalb ihrer Netzwerke. Dies macht die Lektüre spannend und gewinnbringend.
Jan Kusber, Mainz
Zitierweise: Jan Kusber über: Elena N. Marasinova Vlast’ i ličnost’. Očerki russkoj istorii XVIII veka [Macht und Persönlichkeit. Skizzen der russischen Geschichte des 18. Jahrhunderts]. Izdat. Nauka Moskva 2008. X. ISBN: 978-5-02-035970-3, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Kusber_Marasinova_Vlast_i_licnost.html (Datum des Seitenbesuchs)
© 2011 by Osteuropa-Institut Regensburg and Jan Kusber. All rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact redaktion@osteuropa-institut.de