Jahrbücher für Geschichte Osteuropas
Ausgabe: 59 (2011) H. 2
Verfasst von: Lutz Häfner
Joseph Bradley: Voluntary Associations in Tsarist Russia. Science, Patriotism, and Civil Society. Cambridge, MA, London: Harvard University Press, 2009. XV, 366 S., Abb. ISBN: 978-0-674-03279-8.
Die zentrale, die Monographie strukturierende Kategorie lautet samodejatel’nost’, also „gesellschaftliche Eigeninitiative“. Bradley untersucht sie am Beispiel zahlreicher gelehrter St. Petersburger und Moskauer Assoziationen als wichtige Foren einer Öffentlichkeit bzw. einer Zivilgesellschaft im Zarenreich. Überraschend ist, dass Bradley zivilgesellschaftliche Selbsttätigkeit gerade anhand solcher Assoziationen lokalisieren möchte, die unter der Patronage des Ancien régime standen und dem Ethos verpflichtet waren, dem Monarchen, dem Staat und dem russischen Volk zu dienen (S. 12). Eine Begründung für die Auswahl der betrachteten Assoziationen, die er weder als typisch noch als repräsentativ verstanden wissen möchte, liefert der Verfasser nicht (S. 8–9). Zu fragen ist, ob angesichts dieser Vorauswahl und der staatlichen Interventionsmöglichkeiten (z.B. Zensur oder Streichung der finanziellen Unterstützung) bei den ersten Anzeichen von Illoyalität oder oppositionellen Tendenzen der Assoziationen die von Bradley immer wieder konstatierte Gemeinsamkeit der Interessen von Autokratie und Gesellschaften nicht gleichsam die Voraussetzung für ihre Existenz gewesen ist.
Die Monographie zählt sechs inhaltliche Kapitel. Das erste und hinführende Kapitel beschäftigt sich in europäisch vergleichender Perspektive mit dem Verhältnis des Staates zu den jeweiligen Assoziationen. Einzelne Formulierungen verdeutlichen, dass Bradley von der Existenz einer gemeineuropäischen Entwicklung einerseits und einer nachholenden, imitierenden bzw. einen Sonderweg beschreitenden russischen Entwicklung andererseits ausgeht (S. X). Die Unterschiede bestehen für Bradley vor allem darin, dass der russischen Zivilgesellschaft die Unterstützung durch die pouvoirs intermédiaires gefehlt habe, wie sie Montesquieu mit Blick auf Frankreich konstatierte, wie sie aber durchaus auch für England oder die deutschen Staaten des 18. Jahrhunderts Gültigkeit hatte. Zugleich aber vertritt Bradley den Standpunkt, dass die Unterschiede zwischen Westeuropa und Russland geringfügiger gewesen seien als gemeinhin angenommen (vgl. S. 17).
Das zweite Kapitel fokussiert zwei Assoziationen, deren Ziele im Geist der europäischen Aufklärung standen: die Mehrung der naturwissenschaftlichen Kenntnisse und, daraus resultierend, die landwirtschaftliche Produktivitätssteigerung zum Wohl des Vaterlands (S. 45, 58). Bradley nimmt mit der 1765 gegründeten „Freien Ökonomischen Gesellschaft“ nicht nur die älteste Assoziation Russlands ins Visier, sondern untersucht auch das Wirken der 1821 eröffneten „Moskauer Landwirtschaftlichen Gesellschaft“. Im Wesentlichen behandelt das Kapitel das Wirken beider Assoziationen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Darüber hinaus thematisiert der Teil noch allgemeine Aspekte, beispielsweise die Initiationsriten neuer Mitglieder durch das Ballotieren.
Der dritte Abschnitt behandelt zwei Assoziationen, die sich große Verdienste um die Stiftung und Bewahrung nationaler Identität erworben haben: Recht konzis betrachtet Bradley die „Gesellschaft für Geschichte und russländische Altertumskunde“, ausführlicher die „Russische Geographische Gesellschaft“. Letztere zählte insbesondere in den Jahren nach dem Krimkrieg mit ihren Abteilungen für Statistik und politische Ökonomie zu den striktesten Advokaten einer umfassenden Modernisierung des Ancien régime (S. 117ff.).
Im vierten Kapitel rekurriert Bradley auf eine ältere These Alfred Riebers von der Wissenschaft im Dienste der Nation. Am Beispiel der „Gesellschaft der Freunde der Naturwissenschaften, Anthropologie und Ethnographie“ untersucht er das enge Zusammenwirken unterschiedlicher Akteure – von gelehrten Gesellschaften über gesellschaftliche Aktivisten der Selbstverwaltungsorgane bis hin zu hohen Staatsbeamten –, um, in beträchtlichem Maße durch Ausstellungen, Messen, botanische und zoologische Gärten und Museen, dazu beizutragen, wissenschaftliche Erkenntnisse und technischen Fortschritt im wahren Wortsinne zu popularisieren. Bradley stellt die russischen Anstrengungen in einen europäischen Kontext und verweist insbesondere auf die Vorbildfunktion der großen Londoner Ausstellung im Crystal Palace, die im Sommer des Jahres 1851 über 6 Mio. Besucher anzog und an der sich die russischen Organisatoren orientierten. Quintessenz dieses Kapitels ist einerseits die Feststellung einer gedeihlichen Kooperation zwischen Staat und Gesellschaft und anderseits, dass die oben beschriebenen Foren die Ausprägung eines Nationalstolzes gefördert hätten. In diesem Kontext stellt sich aber die Frage, ob es sich um einen ethnischen oder imperialen ‚Nationalstolz‘ gehandelt habe. Dieser Versuch unterschiedlicher Akteure, von Repräsentanten der Gesellschaft, der Wissenschaft und des Staates, eine russische und nicht eine russländische Identität zu stiften, könnte weite Teile der Bevölkerung des Zarenreichs vor den Kopf gestoßen und damit längerfristig das Gegenteil der eigentlichen Intention bewirkt haben.
Der fünfte Teil erörtert das Wirken der 1866 ins Leben gerufenen „Russischen Technischen Gesellschaft“, die sich große Verdienste bei der Verbreitung praxis- und berufsorientierten technischen Wissens erwarb.
Das abschließende Kapitel beschäftigt sich mit der Bedeutung wissenschaftlicher Kongresse in der und für die Öffentlichkeit. Exemplarisch analysiert Bradley Kongresse der Naturwissenschaftler sowie der Pirogov-Gesellschaft der Ärzte im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Darüber hinaus erörtert er mehrere Kongresse, die 1904 im unmittelbaren Vorfeld der Revolution in einer hochgradig aufgeheizten politischen Atmosphäre stattfanden. Seine These lautet, dass diese Foren der Versammlungsöffentlichkeit als Gegenstand einer intensiven Presseberichterstattung zu einem landesweiten Forum gesellschaftlicher Politisierung avancierten. Insofern überrascht es keineswegs, dass auf dem dritten Kongress der technischen und beruflichen Bildung eine Forderung wie „Nieder mit der Autokratie“ geäußert wurde, wie das in Stuttgart erscheinende Organ des Befreiungsbundes, die Zeitschrift „Osvoboždenie“, vermerkte (S. 237). Dieses Periodikum betrachtete als wichtigstes Resultat der verschiedenen Foren der Versammlungsöffentlichkeit, dass die Menschen ihre Furcht überwunden hätten zu reden. Allerdings versäumt es Bradley zu verdeutlichen, inwieweit solche gegen die Autokratie zielenden Forderungen die Mehrheitsmeinung der über 3.000 Delegierten war oder es sich lediglich um die Wunschvorstellung eines oppositionellen Periodikums handelte. Wenn diese politische Opposition keine Minderheitsmeinung war, wo stammte sie her? Hatte sie sich innerhalb der Assoziationen herausgebildet oder war sie ein Phänomen des Zeitgeistes? Es ist zu bedauern, dass Bradley in diesem ereignis- und facettenreichen Kapitel solche kontextualisierenden Aspekte nicht thematisiert.
Überhaupt fällt im Kontext der von Bradley herangezogenen Presseöffentlichkeit auf, dass er in aller Regel aus liberalen, progressiven oder oppositionellen Organen zitiert, die konservativen, den Assoziationen, wissenschaftlichen Kongressen und der (liberalen) Öffentlichkeit insgesamt wohl kritisch gegenüber stehenden Organe aber selten zu Worte kommen lässt. Warum? Hat die konservative Presse – im Gegensatz zu Zeitungen wie „Moskovskie Vedomosti“ oder „Novoe Vremja“ findet Meščerskijs in kleiner Auflage erscheinender „Graždanin“ Erwähnung – nicht oder nur eingeschränkt darüber berichtet? Wohl kaum, und selbst dies wäre der Analyse Wert gewesen. Leider begründet Bradley sein selektives Vorgehen nicht.
Außerdem ist Bradley ein voluntaristischer Gestus eigen. Wie viele anglophone Autoren rekurriert Bradley auf Antonio Gramscis aus den Gefängnisheften stammendes geflügeltes Wort zur russischen Zivilgesellschaft: Infolge der Hypertrophie des Staats sei sie primordial und bloß gallertartig entwickelt gewesen. Unklar bleibt, warum Bradley, der sich einleitend von Gramscis Diktum als irreführend distanziert hat, ihn im Kapitel 4 dennoch als Referenzgröße verwendet (S. 166). Die Auswahl der Assoziationen wird ebenso wenig begründet wie manche Thesen unbelegt bleiben. Bradley fragt beispielsweise einleitend, wie angesichts der zarischen Interventionsmöglichkeiten und mangelnder Traditionen der Selbstorganisation so viele Assoziationen in Russland existieren konnten? Quantitative Angaben für Russland oder andere Staaten Europas vermisst man aber ebenso wie Aussagen über die aktive Teilnahme der Mitglieder an den Aktivitäten der Assoziationen. Belege hierfür fehlen ebenso wie für die Behauptung, dass der russische Sicherheitsapparat die Zivilgesellschaft als formidablen Feind erachtet habe (S. 4). Für wen galt dies wann und wo? Hinzu kommt, dass manche Aussagen zum Forschungsstand nicht aufrechtzuerhalten sind, u.a. auch weil Bradley Literatur – beispielsweise die Beiträge der führenden russischen Spezialistin, Anastasija Tumanova – selektiv rezipiert hat. Zu bedauern ist darüber hinaus, dass der Verlag auf ein Quellen- und Literaturverzeichnis verzichtet hat. Auch das Siglenverzeichnis ist unvollständig – die Abkürzung OIDR [Obščestvo istorii i drevnostej Rossijskich] wird nicht aufgelöst.
Am Ende bleibt ein ambivalenter Eindruck. Das Buch ist zwar gut zu lesen; aber ihm fehlt zum Teil der analytische Tiefgang. Viele Fragen hinsichtlich der Entfaltungschancen und des Wirkungspotentials der Zivilgesellschaft im Zarenreich bleiben offen.
Lutz Häfner, Göttingen/Bielefeld
Zitierweise: Lutz Häfner über: Joseph Bradley: Voluntary Associations in Tsarist Russia. Science, Patriotism, and Civil Society. Cambridge, MA, London: Harvard University Press, 2009. XV, 366 S., Abb. ISBN: 978-0-674-03279-8, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Haefner_Bradley_Voluntary_Associations.html (Datum des Seitenbesuchs)
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