Jahrbücher für Geschichte Osteuropas
Im Auftrag des Osteuropa-Instituts Regensburg
herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz
Ausgabe: 59 (2011) H.4
Verfasst von: Klaus Gestwa
Brian Bonhomme: Forests, Peasants, and Revolutionaries. Forest Conservation and Organization in Soviet Russia, 1917–1929. Boulder, CO: East European Monographs; New York: Columbia University Press 2005. 252 S. = East European Monographs, DCLIV. ISBN 0-88033-553-X.
Die Geschichte des Waldes wird meist in eine ökologische Nische verwiesen und derjenige mitleidig als grüner Waldschrat belächelt, der meint, sich damit ernsthaft beschäftigen zu wollen. Diese abschätzige Sicht geht über wichtige Punkte leichtfertig hinweg. Seit Jahrzehnten gibt es eine international gut institutionalisierte scientific community von Waldhistorikern. Sie hat sich in einem eigenen Verband organisiert und gibt mit der „Forest History“ eine eigene Zeitschrift und mehrere Schriftreihen heraus. In vielen dieser Publikationen geht es keineswegs um eine Verklärung der Bäume oder um die Heldengeschichte von Förstern und Holzfällern. Vielmehr bietet die Geschichte des Waldes einen interessanten Fokus, um – jenseits einer eng gefassten Umweltgeschichte – Staat und Gesellschaft bewegende Themen zu diskutieren und so wichtige Beiträge zur allgemeinen historischen Forschung zu leisten. In allen Epochen war der Wald Lebensraum, Ressource und kulturelle Projektionsfläche. Seine Entwicklung bestimmte Lebens-, Wirtschafts- und Denkweisen. Bäume wurden als nachwachsender Brenn- und Rohstoff und zugleich als Sinnbild nationaler Identität genutzt. Was dem Deutschen die Eiche, war und ist dem Russen die Birke und dem Sibirjaken die Zeder.
Im Rahmen der russisch-sowjetischen Geschichte fällt dem Wald eine besondere Bedeutung zu. Die gigantische Landmasse Russlands ist zur Hälfte mit Wald bedeckt. Hier befindet sich knapp ein Viertel des weltweiten Waldbestandes. Weit mehr als seine europäischen Standesgenossen lebte der russische Bauer vielerorts im und vom Wald. Er stritt daher ständig mit Gutsherr und Staat um Nutzungsrechte. Der Umgang mit dem Wald beschäftigte so Politik und Öffentlichkeit. Soziale Konflikte, bürokratische Reformen und kulturelle Entwicklungen schrieben sich in die russisch-sowjetische Waldgeschichte ein.
Die publizierte Doktorarbeit von Brian Bonhomme beschäftigt sich insbesondere mit der Gesetzgebung und den damit verbundenen Schutzmaßnahmen, um den Waldreichtum effizient auszubeuten, ihn zugleich aber auch zu bewahren. Daran lässt sich deutlich machen, wie der zunehmend wissenschaftliche und planwirtschaftliche Umgang des Sowjetstaates mit seinen Waldbeständen in Widerspruch zu den Vorstellungen der Bauern geriet, die Bäume als Geschenk Gottes an diejenigen betrachteten, die das Land bewirtschafteten und damit ihren Lebensunterhalt bestritten. Der 1923 erlassene neue Waldkodex folgte mit seinen Schutzbestimmungen dem damals üblichen internationalen Naturschutz und ging ihm in manchen Punkten sogar voraus. Allerdings haperte es mit der Umsetzung der Vorschriften. Zwischen Rechtsanspruch und Rechtswirklichkeit klaffte eine große Lücke. Angesichts massiver illegaler Abholzungen und einer Übernutzung der forstwirtschaftlichen Ressourcen durch die offiziellen Stellen war es um den Wald in den zwanziger Jahren nicht gut bestellt. Zudem entbrannte zwischen dem staatlichen Forstpersonal und den Bauern ein erbitterter Kampf, der nicht selten in Gewalt umschlug. Im Verlauf mehrerer Monate wurden 1923–1924 allein 85 Förster und Forstwissenschaftler bei der Ausübung ihres Dienstes von den widerständigen Bauern ermordet.
Der explosive Konflikt zwischen Bauernschaft und Sowjetstaat stellt das alles beherrschende Thema des Buches von Brian Bonhomme dar. Er sieht in diesem sich zuspitzenden Spannungsverhältnis, das sich auf dem Weg der Gesetze und der administrativen Kontrolle nicht entschärfen ließ, einen Grund dafür, weshalb es mit der Zwangskollektivierung zu einer brachial erzwungenen Neuordnung der Agrarverhältnisse und der Waldnutzung kam. Der Sowjetstaat beanspruchte nicht nur den größten Teil des Getreide-, sondern auch des Baumbestandes für sich, um seine ehrgeizigen Industrialisierungsziele erreichen zu können. Leider wird die eigentlich interessante Zeit nach 1925 von Bonhomme nur in Form eines sechsseitigen Epilogs abgehandelt. Seine Darstellung konzentriert sich ganz auf die knappe Dekade von 1917 bis 1923, in der die sowjetische Waldgesetzgebung Gestalt annahm und entscheidende Weichen für die weitere Entwicklung gestellt wurden. Dem Hauptteil vorangestellt ist mit mehr als 50 Seiten das längste Kapitel des Buches. Es behandelt eingehend die russische Forstgesetzgebung und die Waldschutzmaßnahmen seit Peter dem Großen und gibt einen nützlichen Überblick für die Zeit bis 1917.
Bonhomme wertet vor allem Gesetzestexte und Artikel sowjetischer Fachzeitschriften aus. Er greift nur punktuell auf die seit den neunziger Jahren einsehbaren archivalischen Quellen zurück. Sein Zugang ist konventionell, auch wenn er mit seiner rechtshistorischen Sichtweise mitunter zentrale politik- und sozialhistorische Themen in den Blick nimmt. Insgesamt gesehen, ist der Fokus aber eng geführt. Insbesondere die kulturelle Bedeutung des Waldes wird vernachlässigt, so dass interessante Fragen unbeantwortet bleiben. Gerade die kulturhistorische Wende in den Geschichtswissenschaften hat die Forscher aber mit einem Bündel von neuen Fragen ausgestattet und der Waldgeschichte weiterführende Perspektiven eröffnet. Folglich handelt es sich um eine nützliche, wenn auch um keine mitreißende Monographie. Ihre Lektüre weckt das Interesse, mehr über die Geschichte des russischen Waldes zu erfahren. Wer sich näher über die Relevanz der neueren Forst- und Umweltgeschichte informieren will, sollte Bonhommes Buch unbedingt in Verbindung mit den Werken von Douglas Weiner, Christopher Ely, Jane Costlow und Stephen Brain lesen.
Zitierweise: Klaus Gestwa über: Brian Bonhomme Forests, Peasants, and Revolutionaries. Forest Conservation and Organization in Soviet Russia, 1917–1929. East European Monographs, Boulder, CO; Columbia University Press New York 2005. = East European Monographs, DCLIV. ISBN 0-88033-553-X, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Gestwa_Bonhomme_Forests.html (Datum des Seitenbesuchs)
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