Fridrich Firsov Sekretnye kody istorii Kominterna 1919–1943 [Die Geheimcodes der Geschichte der Komintern 1919–1943]. Izdat. AIRO-XXI Moskva; Izdat. KRAFT+ Moskva 2007. 574 S. = Serija „AIRO-Pervaja publikacija v Rossii“.

Fridrich Firsov ist für die an der Geschichte der Komintern interessierten Leser kein Unbekannter. Seine in der perestrojka-Zeit veröffentlichten Aufsätze über die Einheitsfront, über Stalin und die Komintern und über die Schicksale der polnischen Parteiführung sorgten nicht nur in der UdSSR für Aufsehen. Auf ihre, bis 1963 zurückreichende komplizierte Entstehungsgeschichte kommt Firsov im Einleitungstext zu sprechen (S. 11). Wer etwas über die wechselvolle Geschichte der Öffnung und Abschottung sowjetischer bzw. russischer Archive und deren „geheime“ Bestände erfahren möchte, sollte das Vorwort des Insiders, der zuletzt in der Publikationsabteilung des ehemaligen Zentralen Parteiarchivs der KPdSU arbeitete, unbedingt lesen.

Seine Ausreise in die USA werden viele seiner Kollegen bedauert, andere hingegen begrüßt haben. Mit ihm verlor das Archiv mehr als nur einen „Feuerwehrmann“. Über ein Jahr nach seinem Weggang stand Firsovs Name immer noch als der des Brandschutzverantwortlichen auf dem gleich neben der Tür des Kominternlese­saals angebrachten Vordruck. Im Schlussteil des Buches erinnert Firsov eher beiläufig an ein Gespräch zwischen Elena Golubeva und einer Archivarin. „Sollte im Archiv jemals ein Feuer ausbrechen, mußt du das Wichtigste, das Findbuch der Chiffretelegramme retten“, sagte Golu­be­va, die von 1937 bis 1942 im Sekretariat von Dmitrij Manuil’skij und danach, bis zur Auflösung der Komintern, im Sekretariat von Georgij Dimitrov arbeitete (S. 496). Firsov hat mit der Veröffentlichung des Buches in ihrem Sinne gehandelt, indem er den Kernbestand der inzwischen wieder sekretierten Telegramme kommen­tierend aufbereitet und damit für die Forschung zugänglich gemacht hat.

Die Chiffretelegramme aus den Jahren 1933 bis 1943 und die zu ihrer Entschlüsselung erforderlichen Codes, von denen das in fünf Kapitel untergliederte Buch handelt, werden im umfangreichen Bestand 184 des EKKI-Fonds im RGASPI aufbewahrt (Beschreibung des 764 dela umfassenden Bestandes S. 20–21). Von deren Existenz erfuhr der langjährige Mitarbeiter des Archivs erst Anfang 1992. Als die Führung des Geheimdienstes FSB unter Angabe von fadenscheinigen Gründen darauf bestand, die Dokumente wieder in die Safes zu verbannen und sie den Wissenschaftlern nicht mehr zur Verfügung zu stellen, wurde der für kurze Zeit zugängliche Bestand erneut „sekretiert“. Ähnlich wurde mit anderen, kurzzeitig zugänglichen Beständen, hier sind die Dokumente aus den Sekretariaten von Dimitrov, Pjatnickij und Manuil’skij zu nen­nen, verfahren, die für das Studium der Geschichte der Weltorganisation von erstrangiger Bedeutung sind. Die Liste der noch nie deklassifizierten und in den veröffentlichten Ausgaben der Findbücher des Archivs nicht erwähnten Bestände war und bleibt lang, gibt der Verfasser zu bedenken. Erst wenn sich diese Situation ändert, kann genau genommen damit begonnen werden, an einer unverfälschten Geschichte der Komintern zu arbeiten (S. 16). Schon deshalb ist es an der Zeit, die im letzten Jahrzehnt vorgelegten Forschungsergebnisse zu verallgemeinern, fasst Firsov zusammen (S. 17).

Sein Buch, die Dimitrov-Tagebücher und die Ausgabe der „Sondermappe Dimitrov“ erweisen sich in der Rückschau als Schlüsseltexte, die es gestatten, nicht nur die Finanzierung der Parteien (Teil II, Kapitel 1, S. 115–144), sondern in erster Linie die Entscheidungsfindung und Beschlussfassung in der Moskauer Zentrale und die darauf folgende Berichterstattung der Sektionen über die Durchführung und Umsetzung dieser Beschlüsse zu rekapitulieren. Im Ergebnis der Zusammenführung dieser und anderer im Ar­chiv aufbewahrter Dokumente, die befreundete Kollegen einsehen konnten, ist es Firsov gelun­gen, darzustellen, wie die Umstellung der Sek­tionen der Komintern auf die Illegalität in einer Atmosphäre des allgemeinen Misstrauens erfolgte. Die Sektionen verfügten über einen, wenn auch geringfügigen Entscheidungsspielraum. Beispiele hierfür führt Firsov im Zusammenhang mit der Darstellung der Volksfrontpolitik (Teil III, S. 175–297), der die Moskauer Schauprozesse begleitenden Propagandakampag­nen (Teil II, Kapitel 3, S. 153–174) und des Hitler-Stalin-Paktes an (Teil IV, Kapitel 1 und 2, S. 298–362).

Die Rededispositionen und Publikationen der von Moskau bezahlten KP-Führer und Parteijournalisten waren in der Regel bis in die Details vorgeschrieben. Stalin hatte das letzte Wort, was in Führungskreisen ein offenes Geheimnis war. Aus Moskau durchgestellte Anweisungen wie die, das Hitlerregime nicht mehr zu kritisieren, waren nicht zu diskutieren, Nachfragen – hier seien die „Pannen“ in der „Beweisführung“ während der Schauprozesse erwähnt – blieben unbeantwortet. Im Hinblick auf neue politische Konstellationen (wie z.B. die Situation auf dem Balkan oder der Überfall der Wehrmacht auf die UdSSR) musste man die Vorgaben aus Moskau abwarten, um eventuelle Kurskorrekturen zu vermeiden. Nur wenige Funktionäre wagten es, gegen die Spielregeln zu verstoßen. Schließlich hatten auch sie eine Verpflichtungserklärung unterschrieben und wussten, was ein Treuebruch nach sich zog, nämlich „außergerichtliche Bestrafung auf Grundlage des mir zur Kenntnis gegebenen geheimen Beschlusses des Präsidiums des ZEK vom 26. Mai 1927“ (S. 77). Es gab „schwarze Listen“ für „Abtrünnige“, „Verräter“ oder angebliche Feinde, die von den Kominterninstanzen nach Moskau beordert und hier vom NKVD verhaftet wurden. Wer sich weigerte, der Aufforderung, zur Berichterstattung nach Moskau zu reisen, Folge zu leisten, wurde im Ausland von eigens hierfür ge­schaffenen Kommandos gejagt. Unter den Op­fern waren sehr viele weltweit agierende Mitarbeiter des internationalen Verbindungsdienstes, Chiffrierer, Kuriere und Leiter der Verbindungsstellen in Europa, Lateinamerika und Asien, deren Biographien im Buch erstmalig (sowohl unter ihrem Klarnamen als auch unter Angabe der Pseudonyme) vorgestellt werden (Teil I, S. 48–114).

Unter Kriegsbedingungen erfuhr dieser bestehende, funktionierende und mit erfahrenen Kadern besetzte Apparat eine weitere Aufwertung, denn die Militärabwehr der Roten Armee konnte nicht auf ein so weitverzweigtes Netz zurückgreifen. Ein damit zusammenhängendes, von Firsov nur angedeutetes Thema ist die „Bearbeitung“ der auf diesem Wege gewonnenen und danach Stalin sowie Führungsmitgliedern vorgelegten Informationen. Das abschließende The­ma, die Selbstauflösung der Komintern, ist in den Dimitrov-Tagebüchern ausführlich doku­mentiert. Am 10. Juni 1943 erhielten die KP-Füh­rungen aus Moskau die chiffrierte Aufforderung, ihre Informationen auch weiterhin, auf die gleiche Weise wie bisher, zu übermitteln.

Wladislaw Hedeler, Berlin

Zitierweise: Wladislaw Hedeler über: Fridrich Firsov Sekretnye kody istorii Kominterna 1919–1943 [Die Geheimcodes der Geschichte der Komintern 1919–1943]. Izdat. AIRO-XXI Moskva; Izdat. KRAFT+ Moskva 2007. 574 S. = Serija „AIRO-Pervaja publikacija v Rossii“ ISBN: 978-5-91022-052-6: 978-5-93675-128-8, in: http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Firsov-Sekretnye-kody-istorii-Kominterna_DF.html (Datum des Seitenbesuchs)