Jahrbücher für Geschichte Osteuropas

Ausgabe: 59 (2011) H. 2

Verfasst von: Srećko M. Džaja

 

Hannes Grandits Herrschaft und Loyalität in der spätosmanischen Gesellschaft. Das Beispiel der multikonfessionellen Herzegowina. Köln, Weimar, Wien: Böhlau, 2008. XIX, 789 S., 24 Abb., 3 Ktn., 8 Tab. = Zur Kunde Südosteuropas, II/37. ISBN: 978-3-205-77802-8.

Die vorliegende Studie ist der Alltagsgeschichte des herzegowinischen Teils der osmanischen Provinz Bosnien in der Zeitspanne 1839–1876 gewidmet, die in der Geschichtsschreibung den Namen „Tanzimat-Zeit“ trägt. Damals betrieb die Zentralmacht des Osmanischen Reiches in den Reichsprovinzen eine Modernisierungspolitik unter dem Namen tanzimat-ì hayriyye („Wohlwollende Anordnungen“).

In der Einleitung (S. 1–56) befasst sich der Autor mit der Begriffsbestimmung der Herrschafts- und Loyalitätsstrukturen innerhalb der multiethnischen und multikonfessionellen herzegowinischen Gesellschaft sowie mit der eigenen Zugangsweise zur gestellten Problematik. Den Begriff Loyalität fokussiert er auf Verwandtschaftsbeziehungen, Patron-Klient-Verhältnisse, ständische und berufliche Zugehörigkeit und schließlich konfessionelle Zugehörigkeit als politischen Hauptidentifikator im Osmanischen Reich. Im Hinblick auf die herangezogenen Quellen und die Literatur unterstreicht der Autor die eigene Feldforschung (Interviews an Ort und Stelle) sowie die außerordentliche Bedeutung ethnologischer Studien und anderer Bestandsaufnahmen über die Herzegowina in der spätosmanischen Zeit.

Kapitel I (S. 57–124) ist der zunehmenden politischen und wirtschaftlichen Machtsteigerung der herzegowinischen regionalen Elite und dem daraus folgenden Konflikt dieser Elite mit der Zentralgewalt in Istanbul gewidmet. Das Ergebnis war die politische Entmachtung der regionalen Elite durch die Militäraktion des Omer Paša Latas von 1850/51 und die anschließende Einführung einer moderneren Bürokratie, in deren Reihen nur ein Teil der einheimischen Notabeln Platz fand. Allerdings wurde die alte Elite nicht auch im Wirtschaftsbereich entmachtet, sondern nur durch eine neue Regelung in ihrer bisherigen eigenmächtigen Verfügung über die Pachtbauern begrenzt.

Kapitel II (S. 125–332) dürfte als eigentliches Kernstück der Studie eingestuft werden. Es befasst sich mit der Landbevölkerung (80 %) in drei herzegowinischen Mikroregionen – Zavođe in der Ostherzegowina an der herzegowinisch-montenegrinischen Grenze, Ošanjići bei Stolac unweit des Neretvatals und Brotnjo in der Westherzegowina (Kt. 3, S. XIX). Diese drei Mikroregionen unterschieden sich untereinander jeweils durch eine andere konfessionelle, soziale und wirtschaftliche Struktur. Die Bevölkerung von Zavođe war (serbisch-)orthodox, lebte vor allem von der Viehzucht und war in sozialer Hinsicht durch Sippenstruktur gekennzeichnet. Die Brotnjo-Bevölkerung in der Westherzegowina war dagegen (kroatisch-)katholisch, betrieb mehr Landwirtschaft und Weinbau als Viehzucht und war weniger von der Sippenstruktur geprägt. In Ošanjićbrdo lebten mehrheitlich Muslime. Unter ihnen gab es mehr Freibauern als unter der christlichen Bevölkerung. In wirtschaftlicher Hinsicht betrieben sie gleichermaßen Ackerbau und Viehzucht. Der Autor kommt zum Ergebnis, dass sich die Wirtschaftslage aller drei Gruppen durch die Tanzimat-Reformen in den fünfziger und sechziger Jahren verbesserte, allerdings nahmen gleichzeitig die Steuern und anderen Abgaben zu. Ebenfalls wurde die Selbstverwaltung in den Dorfgemeinden verstärkt. Die Dorfknezen bzw. Dorfvorsteher wurden nun gewählt und erhielten mehr Kompetenzen als früher, aber sie blieben weiter vor allem Transmissionsriemen und Vollstrecker behördlicher Anordnungen. Ein besonderes Augenmerk zollt der Autor den Patenschaftsbeziehungen, die nicht nur innerhalb der Verwandtschaft und der Angehörigen einer Konfession gepflegt wurden, sondern die konfessionelle Schranke überschritten und damit Loyalitäten jenseits der konfessionellen Zugehörigkeit herstellten.

Kapitel III (S. 333–422) ist der städtischen Bevölkerung gewidmet, vor allem in der Hauptstadt Mostar. Die herzegowinischen Städte waren mehrheitlich von Muslimen bewohnt, aber die Tanzimat-Verordnungen förderten auch eine stärkere Beteiligung der christlichen Handwerker und Händler, insbesondere der serbisch-orthodoxen Kaufleute, am Wirtschaftsleben sowie ihre Integration in das orientalische Zunftwesen. Gleichzeitig wurden die überkommenen Privilegien der muslimischen Bevölkerung zurückgestutzt sowie ihre Verpflichtungen dem Staat gegenüber erhöht, etwa durch die Rekrutierung in den neuen Militärdienst oder die neuen Steuerabgaben, was nicht ohne Rebellion hingenommen wurde.

Im Kapitel IV (S. 423–480) geht der Autor auf die Veränderungen in der Geistlichkeit aller drei Konfessionen ein. Sein Fazit ist, dass die Tanzimat-Reformen wegen ihres säkularisierenden Charakters den Einfluss der Geistlichkeit, vor allem der muslimischen Ulema, auf das öffentliche Leben einschränkten. Eine derartige Schlussfolgerung im Hinblick auf die islamische und serbisch-orthodoxe Geistlichkeit mag richtig sein. Für den katholischen Klerus aber dürfte das Gegenteil gelten. Denn die katholische Kirche hatte vor den Tanizmat-Reformen im Osmanischen Reich einen schwächeren Rechtstatus als die orthodoxe Kirche. Nun wurde durch die Tanzimat-Bestimmungen mit ihrer tendenziellen Gleichstellung der Bevölkerung vor dem Gesetz eigentlich der Status vor allem der katholischen Bischöfe in der Öffentlichkeit aufgewertet. Im Zusammenhang damit sei angemerkt, dass sich der Autor mit den Strukturen des bosnisch-herzegowinischen Katholizismus nicht genug vertraut gemacht hat, z.B. wenn er behauptet, Bischof Barišić habe „das höchste Amt in der Franziskanerprovinz“ bekleidet (S. 465 u. 462–463). Das höchste Amt in der Franziskanerprovinz hatte nämlich der auf Zeit gewählte Provinzial inne. Barišić war nie Inhaber dieses Amtes, sondern Bischof und apostolischer Vikar zuerst in Bosnien und danach in der Herzegowina. Es ging nämlich um zwei verschiedene kirchliche Institutionen, die in Barišićs Zeit in einen heftigen Konflikt geraten waren (Barišić-Affäre). In diesem Kapitel behandelt der Autor auch das neue Schulwesen und qualifiziert es als „‚erste‘ Bildungsexpansion“ (S. 467), wo es sich eigentlich nur um die ersten Weichenstellungen handelte.

Kapitel V (S. 481–566) ist den damaligen ausländischen diplomatischen Diensten in der Herzegowina, der neuen Beamtenschaft, dem kulturellen Wandel und dem Finanzwesen gewidmet.

Das Thema des Kapitels VI (S. 567–664) sind die Aufstände der herzegowinischen christlichen Bevölkerung in der Tanzimat-Zeit. Der Autor ist bemüht, einen bewusst nationalen Charakter dieser Aufstände herunterzuspielen, und zwar mit dem Hinweis, dass die breite Bevölkerung nicht aus eigener nationaler Überzeugung gehandelt habe, sondern durch Propagandisten und unverantwortliche Elemente zum Aufstand veranlasst worden sei. Dies mag so gewesen sein. Dennoch ist in diesem Zusammenhang am Schluss zu unterstreichen, dass die Tanzimat-Reformen die Kluft zwischen der muslimischen und christlichen Bevölkerung nicht überbrücken konnten. Denn für die Muslime gingen die Reformen zu weit, der christlichen Bevölkerung dagegen reichten sie nicht aus. Dies ließe sich durch einen Vergleichen der Tanzimat-Bestimmungen mit den „Wünschen und Bittgesuchen der Christen in Bosnien-Herzegowina an den Sultan Abdul-Medžid“ (siehe Ivan F. Jukić Sabrana djela. T. I. Sarajevo 1973, S. 324–331) veranschaulichen, die der bosnische Franziskaner Ivan Frano Jukić (1818–1857) an die europäische Öffentlichkeit 1850 richtete und weswegen er zum Opfer politischer Verfolgung wurde.

Srećko M. Džaja, München

Zitierweise: Srećko M. Džaja über: Hannes Grandits Herrschaft und Loyalität in der spätosmanischen Gesellschaft. Das Beispiel der multikonfessionellen Herzegowina. Böhlau Verlag Köln, Weimar, Wien 2008. XIX. = Zur Kunde Südosteuropas, II/37. ISBN: 978-3-205-77802-8, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Dzaja_Grandits_Herrschaft_und_Loyalitaet.html (Datum des Seitenbesuchs)

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