Jahrbücher für Geschichte Osteuropas

Ausgabe: 59 (2011) H. 2

Verfasst von: Marina Dmitrieva

 

Alena Janatková Modernisierung und Metropole. Architektur und Repräsentation auf den Landesausstellungen in Prag 1891 und Brünn 1928. Stuttgart: Steiner, 2008. 106 S., 76 Abb. ISBN: 978-3-515-08599-1.

Weltausstellungen – so Alena Janatková – sind Experimentierfelder der Zivilisation. (S. 8) Seit der Ersten Weltausstellung in London 1851 dienten sie als Demonstrationen von Modernität und technischem Fortschritt. Sie waren Orte des Massenvergnügens und der Volksbildung. Das alles trifft auch für die Landesausstellungen zu. Ihr Ziel war es zudem, Modernität mit der städtischen, regionalen bzw. nationalen Repräsentation zu verbinden.

Unter diesen Aspekten analysiert Janatková in ihrem Buch zwei Ausstellungen: die „Jubiläumsausstellung“ in Prag von 1891 und die „Ausstellung der zeitgenössischen Kultur der Tschechoslowakei“ in Brünn von 1928. Der Vergleich beider Ausstellungsprojekte erlaubt es der Autorin, verschiedene Repräsentationsstrategien gesellschaftlicher Machtverhältnisse zu zeigen. Während die Prager Ausstellung, wie Janatková sehr überzeugend vorführt, subtil markierte Zeichen der böhmisch-ständischen Politik innerhalb der Habsburger Monarchie in den Zeiten der nationalen Emanzipationsbewegungen setzte, sollte die „Ausstellung der zeitgenössischen Kultur“ (in gewisser Rivalität zu Prag) die Großstadt Brünn als Hauptstadt der Moderne in der neu gegründeten Tschechoslowakischen Republik ins Szene setzen. In beiden Fällen standen die Modernität und die Auseinandersetzung mit dem Problemkomplex „Großstadt“ im Mittelpunkt.

Die Prager Landesausstellung war mit den beiden 100-jährigen Jubiläen der Ersten Gewerbeausstellung von 1791 und der Krönung des Kaisers Leopold II. zum böhmischen König verbunden. Zugleich bezog sie sich auf die Große Pariser Weltausstellung, die nur zwei Jahre zuvor stattgefunden hatte. Als Referenzzeichen hatte man auf dem Laurenziberg (Petřin) eine Kleinausgabe des Eiffelturms aufgestellt. Auf dem nach Vorbild der französischen Parkanlage geplanten Ausstellungsgelände im Prager Stadtteil Holleschowitz (Holešovice) vereinte die Ausstellung auf eine verblüffende Weise Tradition und Moderne. Der große Industriepalast aus modernen Materialien und Konstruktionen war mit verzierten und Stein imitierenden Pilastern dekoriert. Seiner Stahlarchitektur standen die beiden Neorenaissancepaläste der Kunst- und der Retrospektivausstellung gegenüber. Den „Königsweg“ markierte, nach traditioneller Art der kaiserlichen Repräsentation, eine Ehrenpforte in barocker Form. Neben den Pavillons des Elektrounternehmens Křižík, die zu diesem Anlass die Altstadt temporär beleuchteten, konnte man die „böhmischen Dörfer“ – die bäuerlichen Holzbauten in traditioneller Bauweise – sehen.

Sehr aufmerksam verfolgt die Autorin symbolische Zeichen der Architektur, etwa das „kaiserliche Barock“ der Bauten, die dem früheren Kaiser Leopold II. und dem regierenden Kaiser Franz Josef I. huldigten, oder den Neorenaissancestil, der als nationaltypisch galt.

Während die Prager Ausstellung den technischen Fortschritt mit dem Rückblick auf die böhmische Geschichtstradition verband, war die Brünner Schau programmatisch zukunftsorientiert. Auch sie war mit einem Jubiläum verbunden – dem zehnjährigen Bestehen der Tschechoslowakischen Republik. Aber ihr Ziel war es, die moderne Stadt der Zukunft zu zeigen und nicht die Verbindung zur Vergangenheit zu akzentuieren. Unter „zeitgenössischer Kultur“ verstand man Architektur, Kunst, Industrie und urbane Massenkultur des Wohnens, so wie es im internationalen Diskurs der Moderne gedeutet wurde. Fragen der nationalen Identität standen 1928 nicht zur Debatte.

Das große Verdienst von Alena Janatková ist es, ein differenziertes Bild der Modernisierung der ostmitteleuropäischen urbanen Zentren (oder, nach ihrer Bezeichnung: Metropolen) zu schaffen. Anstelle der gängigen Polarisierung zwischen Tradition und Moderne zeigt sie, insbesondere am Beispiel der Prager Ausstellung von 1891, wie verflochten und verwoben die beiden Trends miteinander waren.

Die „Rezeption sanktionierter Standards“ (S. 81) der großen internationalen Ausstellungen ist für die Autorin, wie sie es in einem leider sehr knapp gehaltenen Schlusswort formuliert, ein wichtiges Merkmal der Modernisierung in ostmitteleuropäischen Metropolen. Aus diesem Grund dienten die prominenten Vorbilder wie die Pariser Weltausstellung als Orientierung für die böhmische Landesschau. Auch für die Brünner Ausstellung gab es solche Muster – die Weltausstellung in Paris von 1925 und die Werkbundausstellung „Die Wohnung“ in Stuttgart von 1927. Die Referenzen auf diese Vorbilder und die Vermarktungsstrategien verweisen auf die Positionierung im internationalen Kontext der Moderne. Beim Lesen dieser kleinen, aber sehr gut durchdachten Studie ist es nur bedauerlich, dass manche sehr interessante Beobachtungen nicht ausführlicher ausgearbeitet sind, bietet doch dieses Buch einen neuen Blick auf ostmitteleuropäische urbane Zentren als „Laboratorien der Moderne“.

Marina Dmitrieva, Leipzig

Zitierweise: Marina Dmitrieva über: Alena Janatková Modernisierung und Metropole. Architektur und Repräsentation auf den Landesausstellungen in Prag 1891 und Brünn 1928. Franz Steiner Verlag Stuttgart 2008. ISBN: 978-3-515-08599-1, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Dmitrieva_Janatkova_Modernisierung_und_Metropole.html (Datum des Seitenbesuchs)

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