Jahrbücher für Geschichte Osteuropas

Ausgabe: 59 (2011) H. 3

Verfasst von: Alfons Brüning

 

Mariusz Drozdowski: Religia i Kozaczyzna zaporoska w Rzeczypospolitej w pierwszej połowie XVII wieku [Religion und Saporoger Kosacken in der Rzeczpospolita in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts]. Warszawa: Wydawn. DiG, 2008. 278 S. ISBN: 978-83-7181-503-4.

Waren die Kosaken, die so oft im Namen der „griechischen Religion“, also als Verteidiger der Orthodoxie, in den Aufstand traten, wirklich religiös? Manche Zeitgenossen bezeichneten sie als „religionis nullius“, aber das war zum Teil Propaganda, und es gab stets differenziertere Urteile. Arbeiten ukrainischer Historiker förderten bereits viel über die allmähliche Entwicklung einer dezidiert orthodoxen, das heißt in diesem Zusammenhang gegen die Brester Union von 1596 und ihre Folgen gerichteten religiösen Haltung zutage. Zum Teil wurde dabei auch auf das für Westeuropa erprobte Konfessionalisierungsparadigma verwiesen, das hier durchaus Entsprechungen, wenn auch vielfältig gebrochene, finden könne (Serhii Plokhy Cossacks and Religion in Early Modern Ukraine. Oxford 2001). Dennoch bleiben offene Fragen: War der in den Quellen so oft zu findende Eifer für die „griechische Religion“ hauptsächlich ein Slogan, der zwar integrierend und legitimierend wirkte, dem aber in der Breite der Kosaken relativ wenig an echter orthodoxer Kirchlichkeit gegenüberstand? Und wie viel von der zutage tretenden Religiosität war nicht mehr als das, was Natalja Ja­ko­venko einen „Kriegerglauben“ genannt hatte, nämlich eine Mischung aus heidnisch-abergläubischen Praktiken und christlichen Glaubenswahrheiten und damit verbunden eine Priorität von Gewalt, Risiko und Opferbereitschaft gegenüber der geistlichen Ordnung und dem Gehorsam gegenüber den Priestern und Hierarchen (Na­talja Jakovenko Paralel’nyj svit. Kiev 2002, bes. S. 59–60)?

Bisher war die Forschung also eher noch skeptisch gegenüber der echten Religiosität der Kosaken. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den genannten Fragen aufs neue, und wartet sowohl mit einer vorzüglichen Kenntnis der bisherigen Literatur als auch mit einer erweiterten Quellenbasis auf. Allerdings muss auch Drozdowski bei Gelegenheit zugeben, dass die vorhandenen Materialien noch immer vor allem die Eliten betreffen. Schwerer ist und bleibt es, die alltägliche Praxis an der Basis zu fassen, da hierüber kaum Zeugnisse entstanden sind (S. 49).

In insgesamt vier Abschnitten schildert der Autor das Anwachsen einer anti-unionistischen Haltung unter den Kosaken in den zwei Jahrzehnten nach der Brester Union und findet deren Anfänge schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts (S. 78–79). Langsam wachsen die Kosaken und vor allem ihre Anführer, beginnend mit Piotr Konaszewicz-Sahajdaczny (S. 83–84), in die Rolle der Kämpfer für die „griechische Religion“ hinein und streiten für deren Privilegien sowohl anlässlich der Weihe einer neuen, nicht-unierten (und anfangs illegalen) Hierarchie in Kiev 1620 als auch auf den sejmy der zwanziger und dreißiger Jahre des 17. Jahrhunderts. Dem entspricht ihre Außenwahrnehmung sowohl durch die neuen Hierarchen als auch durch weite Teile der Bevölkerung. Nach anfänglichen Sympathien für eine bessere Union und eine Versöhnung mit den unierten Hierarchen wird, wie ein zweiter Teil zeigt, die anti-unionistische Ausrichtung immer stärker. Dabei macht die Unterstützung für das 1632 von Metropolit Petro Mohyla neu gegründete Kollegium Kioviense deutlich, dass sowohl Religiosität als auch religiöse Bildung bereits tiefer verwurzelt waren, als dies von unierter und adliger Propaganda der Zeit angenommen und verbreitet wurde. Insgesamt kann man aus teilweise widersprüchlichen Angaben den Eindruck gewinnen, dass zwar gewisse Elemente des rituellen Lebens und der kirchlichen Gebote auch in breiteren Kreisen der kosakischen Bevölkerung verwurzelt waren (Fastenzeiten, Festtagsriten etc.), dass aber dennoch über den Grund des Kampfes gegen die Union und die Katholiken sowie über eine Reihe von Details des Glaubenslebens eher unklare Vorstellungen herrschten.

Drozdowskis Buch vermittelt gegenüber den vorherigen Arbeiten eine konzentriertere Darstellung und kommt gegenüber der Religiosität der Kosaken zu einer positiveren Einschätzung. Bisweilen hat die Arbeit einen leicht vorsätzlich rehabilitierenden Duktus, aber der Autor argumentiert auf der soliden Grundlage einer profunden Quellenkenntnis. Dass allerdings der erwähnte „Kriegerglauben“ in der Tat eine recht große Rolle spielte, muss auch er am Ende zugeben. Aber er verweist zugleich auf eine sich um den Anspruch eines eigenen Standes formierende Kosakenelite (die spätere staršyna), zu deren sich weitendem Horizont immer mehr auch eine mentale und rituelle Selbstidentifikation mit dem „griechischen Glauben“ gehörte (S. 241).

So sehr insgesamt Drozdowskis Arbeit zu einer Bereicherung und Verdichtung unserer Vorstellungen beiträgt, bleibt vielleicht doch ein wichtiger Faktor für die Entwicklung der Religiosität im Grenzland vernachlässigt: die Klöster. Der Protest gegen die unierte Inbesitznahme des Kiever Höhlenklosters ist auch laut Drozdowski ein entscheidendes Moment (S. 78). Das Kloster von Trechtymyriv, ausgestattet mit zahlreichen kosakischen Dotationen, wird ab 1618 zu ihrer „inoffiziellen Hauptstadt“, wo die Rada zusammenkommt und wo der Kriegsschatz und die Hetman-Insignien aufbewahrt werden (S. 86). Drozdowskis Arbeit enthält Hinweise in diese Richtung (z.B. Angaben von Nuntius Visconti über die Wirkung von 300 „schismatischen Popen“ während des Wahlsejms von 1632; S. 222), geht ihnen aber nicht nach. Die Frage bleibt, wie genau sich das Verhältnis zwischen niederer Geistlichkeit und anti-unier­tem Mönchtum einerseits und der Grenzlandbevölkerung andererseits entwickelte und wie sich dieses womöglich von dem Verhältnis der Kosaken zur höheren Hierarchie in Kiev unterschied, das spätestens zu Zeiten Petro Mohylas in den dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts angespannter wurde.

Die hier angedeutete Forschungslücke zu den Klöstern, und zu Trechtymyriv im Besonderen, ergibt sich erst aus dem ansonsten dichten Bild, das Drozdowskis sehr gute und solide Arbeit zeichnet. Sie stellt in der polnischen wie der internationalen Forschung einen wertvollen Beitrag dar.

Alfons Brüning, Nijmegen

Zitierweise: Alfons Brüning über: Mariusz Drozdowski Religia i Kozaczyzna zaporoska w Rzeczypospolitej w pierwszej połowie XVII wieku [Die Religion und die Saporoger Kosacken in der Rzeczpospolita in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts]. Wydawn. DiG Warszawa 2008. ISBN: 978-83-7181-503-4, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Bruening_Drozdowski_Religia_i_Kozaczyzna_zaporoska.html (Datum des Seitenbesuchs)

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