Alena Janatková, Hanna Kozińska-Witt (Hrsg.) Wohnen in der Großstadt 1900–1939. Wohnsituation und Modernisierung im europäischen Vergleich. Franz Steiner Verlag Stuttgart 2006. 474 S., Tab., Abb. = Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa, 26.

Der zu besprechende Sammelband geht auf eine Tagung zurück, die von der Projektgruppe „Kulturelle Pluralität, nationale Identität und Modernisierung in ostmitteleuropäischen Metropolen 1900–1930“ im Februar 2001 am Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas e.V. an der Universität Leipzig veranstaltet wurde. Er beinhaltet 22 Beiträge zu Städten, die sich zumeist im heutigen Polen (Breslau / Wrocław, Gdingen / Gdynia, Kattowitz / Katowice, Krakau / Kraków, Lodz / Łódź, Posen / Poznań, Warschau / Warszawa) und im wiedervereinigten Deutschland (Berlin, Frankfurt am Main, Leipzig) befinden. Durch Bezugnahme auf Städte wie Brünn / Brno, Budapest, Lemberg / L’viv, Prag/Praha, Triest, Wien und Wilna/Vilnius ist der Bogen nahezu über das gesamte östliche Mitteleuropa gespannt. Subsumiert sind die Beiträge unter die Themenblöcke „Großstädtische Stadtviertel und Wohnmilieus“, „Kommunale Wohnpolitik und gemeinnütziger Wohnungsbau“, „Modernisierung des Wohnens und soziale Disziplinierung“ sowie „Schichtenspezifisches Wohnen“. Da die Herausgeber es unterlassen haben, ihr Tagungskonzept vorzustellen, sieht sich der Leser zunächst einmal mit einem Sammelsurium ohne einheitliche Fragestellung konfrontiert. Dieses Manko wird aber durch eine ausführliche Einleitung von Adelheid von Saldern zum „Wohnen in der europäischen Großstadt 1900–1939“ behoben (S. 11–38).

Von Saldern konzentriert sich auf die transnationale Kommunikation zwischen den Akteuren, auf Aspekte der sozialräumlichen Segregationsprozesse, auf Formen des mit öffentlichen Mitteln subventionierten Wohnungsbaus, auf gesellschaftspolitische Leitbilder bei der Stadtplanung sowie auf unterschiedliche Wohnformen einzelner Schichten und Gruppen. Symptomatisch für Ostmitteleuropa in der Zwischenkriegszeit sei die Koinzidenz der Rezeption modern-funktionalistischer Städtebaukonzeptionen und der Instrumentalisierung der Architektur für die nationale Identitätsfindung gewesen (S. 14). Als typisch „europäisch“ bezeichnet die Verfasserin die Durchsetzung des Privathaushalts, wobei in Bezug auf die Wohnungsgröße und die Wohnungsausstattung von einem Auseinandertreten von West- und Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg ausgegangen werden müsse (S. 37).

Am Breslauer Beispiel lassen sich die Entstehung der Wohnungsfrage und ihre Lösungsversuche verdeutlichen. Agnieszka Zabłocka-Kos unternimmt in ihrem Beitrag „Wohnen in der City. Die Breslauer Altstadt im 19. Jahrhundert“ (S. 77–89) eine kunsthistorische Betrachtung der Citybildung, die von Breslauer Stadtgeographen bis dato mit der Abnahme der Wohnbevölkerung im Innenstadtbereich seit 1858 in Verbindung gebracht wurde. Dieser Annahme setzt die Verfasserin vier Faktoren entgegen: die Topographie der mittelalterlichen Stadt als Nukleus der späteren City, den Zeitpunkt und den Umfang der Entfestigung als Voraussetzung für die Citybildung, die Säkularisierung als Motor für die Umwidmung von Klöstern gehörenden innerstädtischen Arealen und schließlich die Einführung der Gewerbefreiheit als Bedingung für die Entstehung von Hauptgeschäftsstraßen. Das Zusammenspiel aller Faktoren spreche dafür, dass die Citybildung in Breslau bereits Anfang des 19. Jahrhunderts einsetzte. Infolge dessen habe sich das Großbürgertum und die gehobene Mittelschicht in den Villen und Mehrfamilienhäusern der Vorstädte niedergelassen, während die weniger Begüterten mit Mietskasernen oder Altbauwohnungen im Innenstadtbereich Vorlieb hätten nehmen müssen. Ausgehend von diesem Befund thematisiert Beate Störtkuhl den „Wohnungsbau der Zwischenkriegszeit in Breslau im ostmitteleuropäischen Kontext“ (S. 337–359). Offenbar waren die Architekten in den zwanziger Jahren durchgängig den Ideen des Neuen Bauens verpflichtet. Dementsprechend hätten sie eine Lösung der Wohnungsfrage im Sinne infrastrukturell erschlossener und von Grünanlagen umsäumter Mietshaussiedlungen angestrebt. Allerdings habe die praktische Umsetzung im Wesentlichen von der Haltung der jeweiligen Stadtverwaltung abgehangen. In Breslau seien die Planungen jedenfalls von Anfang an von der Unterscheidung der drei Funktionsbereiche Geschäfts- und Industriestadt, Monumental- und Verwaltungsstadt sowie Alltags- und Wohnstadt ausgegangen.

Folglich rückte in der Zwischenkriegszeit die Kleinwohnungsfrage auf die Agenda der Stadtplanung. Mit diesem Schlüsselproblem befassen sich Hanna Kozińska-Witt in einem Beitrag über „Die Krakauer kommunale Selbstverwaltung und die Frage der Kleinwohnungen 1900–1939“ (S. 179–204) und Alena Janatková in einem Beitrag über „Die Bauaufgabe Kleinwohnung in der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit“ (S. 315–336). Krakau habe als traditionelles Verwaltungszentrum einer vorwiegend landwirtschaftlichen Region politisch zur Provinz gezählt und weder als Industriestandort noch als Verkehrsknotenpunkt auf sich aufmerksam machen können. Handelte es sich unter diesen Voraussetzungen auf dem Gebiet der Wohnungspolitik um eine „aktive Stadt“, um eine Stadt, die sich nicht nur auf die Kommunalisierung und Monopolisierung großer Infrastrukturunternehmen beschränkte? Diese Frage beantwortet Kozińska-Witt mit Nein. Die Wohnungspolitik habe mitnichten zu den zentralen Anliegen der Stadtverwaltung gehört. Vor dem Ersten Weltkrieg sei der Kleinwohnungsbau zwar noch als eine Angelegenheit der kommunalen Wohlfahrt betrachtet, danach aber zunehmend der staatlichen Sozialpolitik überlassen worden. Indes hätten in der Zweiten Polnischen Republik der Ausbau der Hauptstadt und der Industrieregionen Priorität genossen. Bei der Aufteilung der knappen Finanzressourcen sei es der Krakauer Kommune in der Folge mit Blick auf das Wählerpotential weniger darum gegangen, in Arbeiterhäuser zu investieren, als vielmehr darum, den Bedürfnissen von Beamten, Angestellten und Hausbesitzern Rechnung zu tragen. Ein ähnlicher Befund lässt sich offenbar auch für Prag und Brünn treffen. Janatková kommt zu dem Schluss, dass die staatliche Bauförderung der Tschechoslowakei in der Zwischenkriegszeit das Eigenheim bevorzugte. Eine Verbesserung der Wohnverhältnisse der unteren sozialen Schichten sei nur bedingt angestrebt worden. Anstelle eines Massenwohnungsbauprogramms habe es in der Ersten Tschechoslowakischen Republik lediglich Garantien bei Darlehen und Vergünstigungen bei den Steuern gegeben. Weder die Wohnungsqualität noch die Belegungsdichte seien staatlicherseits thematisiert worden. Ein in der tschechoslowakischen Hauptstadt ausgeschriebener Ideenwettbewerb habe immerhin zum Bau einer Kleinstwohnungssiedlung durch die gemeinnützige Baugenossenschaft der Sozialversicherungen in Prag-Pankrác geführt.

Summa summarum müssen die folgenden Tendenzen festgehalten werden: Während sich die Wohnungsbaupolitik in den Städten des ehemaligen Habsburgerreiches analog zu jener im Westen verhielt, vor dem Ersten Weltkrieg bei der öffentlichen Hygiene ansetzte und danach in den kommunalen Wohnungsbau einmündete, standen die Städte des ehemaligen Zarenreiches in der Zwischenkriegszeit vor dem Problem, zunächst einmal die Folgen eines städteplanerischen Wildwuchses überwinden zu müssen. Kompliziert wurde die Situation dadurch, dass die ethnische Differenzierung in den Städten des östlichen Mitteleuropa unmittelbar auf die Wohnungsbaupolitik zurückwirkte, insofern es zu einer Privilegierung oder Unterprivilegierung bestimmter Gruppen in Wohnvierteln oder Wohnhäusern kommen konnte. Generell profitierten die teils in „wilde Siedlungen“ an die Peripherie verdrängten Unterschichten erst relativ spät vom Ausbau der städtischen Infrastruktur.

Thomas M. Bohn, München

Zitierweise: Thomas Bohn über: Alena Janatková, Hanna Kozińska-Witt (Hrsg.) Wohnen in der Großstadt 1900–1939. Wohnsituation und Modernisierung im europäischen Vergleich. Franz Steiner Verlag Stuttgart 2006. Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa, 26. ISBN: 978-3-515-08345-4, in: http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Bohn_Janatkova_Wohnen.html (Datum des Seitenbesuchs)